Presseschau zu SPD-Chef Schulz Kommt nun Teflon-Martin? 

Die SPD feiert ihren neuen Chef und Kanzlerkandidaten Martin Schulz. Wie belastbar ist die Euphorie? Welche Risiken birgt der Schulz-Hype? Die Presseschau.

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz
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SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz


Ein 100-Prozent-Ergebnis für Martin Schulz bei den Wahlen zum SPD-Vorsitz. Die Partei befindet sich im Rausch. Von Zweifeln, ob es mit dem Machtwechsel im Herbst klappt, will bei den Genossen derzeit kaum jemand etwas wissen. So beschreibt SPIEGEL ONLINE-Redakteur Florian Gathmann die Stimmung in der SPD bei der Wahl zum neuen Parteichef. Schulz' Rede sei klassisch sozialdemokratisch gewesen. "Auch sein Bekenntnis zu Europa, die klare Abgrenzung gegen Rechtspopulisten. Aber weil er auf viele Menschen offenbar anders wirkt als der klassische Sozialdemokrat der vergangenen Jahre, scheinen seine Worte eine andere Wirkung zu haben."

Wie sehen es die anderen Medien? Wie bewerten sie Schulz' Rede und sein 100-Prozent-Ergebnis? Die Presseschau.

  • In der "Süddeutschen Zeitung" erklärt Heribert Prantl die Begeisterung für Martin Schulz so: Der Kanzlerkandidat scheine die Antwort zu sein "auf ein allgemeines Unbehagen: Erstens das Unbehagen über den wachsenden Rechtsextremismus, als dessen Ursache soziale Ungleichheit auch bei Konservativen anerkannt ist. Zweitens ein Verdruss über die sozialen und ökonomischen Verhältnisse und die Politik der schwarzen Null, gleichzeitig aber auch eine Angst, dass die radikale Abkehr von dieser Politik die wirtschaftliche Situation verschlechtern könnte." Schulz suggeriere Läuterung und Abkehr vom "Weiter so!", verspreche aber mit seiner politischen Biografie zugleich das Gegenteil - dass sich also nichts groß ändern wird. "Schulz ist Merkel minus Raute plus Furor. Reicht das für einen Wahlsieg?", fragt Prantl.
  • Jasper von Altenbockum meint in der "FAZ", Schulz sei in kurzer Zeit gelungen, "was unter Merkel bislang das Erfolgsrezept der CDU war. "Die SPD mobilisiert ihre Anhänger auf eine Weise, die den politischen Gegner wie eine lahme Ente aussehen lässt. Das schafft sie mit der guten alten 'sozialen Gerechtigkeit', die sich in besseren Zeiten wie diesen offenbar mehr Leute leisten wollen und können als in schlechten Zeiten - obgleich es dann viel nötiger wäre." Schulz bediene sich bei seinen Botschaften "durchaus populistischer Mittel, die bisweilen nötig sind, um Populismus mit den eigenen Waffen zu schlagen." Bislang spreche der neue SPD-Chef mit seinen Botschaften bevorzugt das linke Spektrum, die Nichtwähler und die Protestwählerschaft an. "Die bevorstehenden Landtagswahlen werden zeigen, dass die SPD damit aber auch weit in die Mitte reichen kann. So schnell kann es gehen: Der Kampf um das Kanzleramt ist damit wieder offen", heißt es in der "FAZ".
  • In der "Welt" kommentiert Daniel Friedrich Sturm: Schulz habe eine klassisch sozialdemokratische Rede gehalten, sei aber programmatisch "weiter neblig" geblieben. "Die sonst so ambitionierte SPD sieht ihm auch das nach. Somit steht sie auch noch vor inhaltlichen Bewährungsproben. In der Steuerpolitik etwa wird Schulz noch Farbe bekennen müssen; man darf gespannt sein, ob es noch ein Angebot an mittlere Einkommensbezieher gibt - und wie die Partei das aufnimmt." Das Verdienst von Martin Schulz, so sieht es der Kommentator, sei schon jetzt, "dass er den Wahlkampf interessant macht. Die Demokratie und der Westen nämlich leben vom politischen Wettbewerb."
  • Stefan Reinecke schreibt in der "taz": "Das Duell mit Merkel wird auch gewohnte Gender-Klischees recht hübsch auf den Kopf stellen. Hier die sachliche, emotionsfrei wirkende Kanzlerin, dort der vor Wir-Gefühl scheinbar dampfende Herausforderer." Kritik übt der Autor in Bezug auf Schulz' "Wir-Botschaft", die nicht alle in der Gesellschaft einschließe: "Langzeitarbeitslose und Hartz-IV-Empfänger fehlen nicht nur in den beseelten Reden des SPD-Chefs, sie gehen auch in den Konzepten leer aus. Das SPD-Wir meint: alle, die arbeiten. Kann sein, dass dies Angriffe der Union gegen Schulz' Agenda-Korrektur abfedern soll. Herzlos wirkt es trotzdem."
  • "Der neue SPD-Chef ist ein Zauberer", schreibt Christian Stenzel in der "Bild". "Schulz gelingt das Kunststück, seine langen Jahre im Eurokraten-Raumschiff Brüssel fast vergessen zu machen." Schulz verzaubere seine Anhänger, "indem er kostenlose Bildung fordert - obwohl Bildung Ländersache ist und die SPD in fast allen Ländern mitregiert. Schulz zieht Reformpläne für die Agenda 2010 aus dem Hut, die gerecht klingen, aber dem Arbeitsmarkt schaden."
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  • Tobias Peter kommentiert in der "Berliner Zeitung", Schulz habe der SPD bislang noch nichts zugemutet. "Dadurch, dass er inhaltlich, von ausgewählten Ausnahmen wie dem Arbeitslosengeld Q, bislang nicht übermäßig konkret wird, kann er Projektionsfläche für alle möglichen und unmöglichen Wünsche sein, innerhalb wie außerhalb der Partei. Das ist eine alte Herangehensweise von Angela Merkel, mit der die Kanzlerin lange erfolgreich war. Kommt nach Teflon Merkel (die in der Flüchtlingskrise von der CSU schwer beschädigt wurde) nun Teflon Martin? Folgt auf Nüchternheit Pathos, während das Vage ein zentraler Eckpfeiler der politischen Kultur bleibt?"
  • Stephan-Andreas Casdorff schreibt im "Tagesspiegel" zum neuen SPD-Vorsitzenden Schulz: "Sein Wort der Stunde, des Tages, des Wahlkampfs ist gefunden: Respekt. Respekt - dieses Wort zieht. Denn der Wunsch danach zieht sich durch alle Schichten. Die Jungen, die Alten, die Frauen, die Migranten: Sie wollen respektiert werden. Da geht es um die Sache, aber mehr noch ums Gefühl. Grassiert es nicht, das Ungerechtigkeitsgefühl? Und eines steht fest: Gefühl kann Schulz. Ganz anders als die, die das Amt verteidigen soll. Angela Merkel, die Amtsinhaberin, erscheint neben ihm wie eine Kanzlermaschine, ein Merkelomat."

anr

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