SPIEGEL-Titelgeschichte On the road mit Martin Schulz

"Ein denkwürdiges Kapitel Politikgeschichte": Die ungewöhnliche SPIEGEL-Titelgeschichte über Aufstieg und Fall des Kanzlerkandidaten Martin Schulz gibt tiefe Einblicke in den gescheiterten SPD-Wahlkampf.

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150 Tage an der Seite des Kandidaten, im innersten Zirkel, in Strategierunden und bei der Manöverkritik, beim Training mit dem Merkel-Double, im Flugzeug, im Taxi, beim McDonald's-Kaffee auf dem Rastplatz, beim Kräutertee auf der Terrasse in Würselen. Es ist eine der ungewöhnlichsten Reportagen der vergangenen Jahre, die Markus Feldenkirchen für den aktuellen SPIEGEL aufgeschrieben hat.

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Heft 40/2017
"Wir sind im freien Fall"

Über Monate hat der Autor den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz im Wahlkampf begleitet - einzige Auflage: Der Text darf erst nach der Wahl erscheinen. Feldenkirchen beschreibt die Euphorie am Anfang der Kampagne und die Ernüchterung, ja Verzweiflung, je näher der Wahltag rückt.

Es sind ehrliche Einblicke in die Gefühlswelt eines Spitzenpolitikers. Dass so die Post abgehen würde, jubelt Schulz an einem Abend im März nach einem Treffen mit neuen Parteimitgliedern. "Hätt ich nicht für möglich gehalten." Er wundert sich über sich selbst: "Heijajajei."

Anfang Juli, bei einer Runde im Willy-Brandt-Haus, als wieder einmal miese Umfragewerte reinkommen, ist die Stimmung komplett umgeschlagen. "Wir sind im freien Fall", klagt Schulz. "Vielleicht bin ich auch der falsche Kandidat." Die Leute seien nett zu ihm, sagt er, "aber sie sind es aus Mitleid".

Hier geht es zur Schulz Story in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL. Und hier berichtet SPIEGEL-Autor Markus Feldenkirchen im Video von seiner Wahlkampftour mit dem SPD-Kanzlerkandidaten:

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Die Schulz Story schlägt Wellen. Die "Bild"-Zeitung berichtet am Montag auf der Titelseite und stellt vor allem die Selbstzweifel des Kandidaten heraus, die ihn angesichts der Aussichtslosigkeit seines Unterfangens gegen Ende der Kampagne plagten. "Eine differenzierte 17-Seiten-Reportage wirkt durch die Konzentration auf ihre heftigsten Zitate allerdings durchaus verdichtet", sagt SPIEGEL-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, der im Newsletter "Die Lage" am vergangenen Samstag die Entstehung des Projektes so erläuterte:

Anfangs war Martin Schulz übrigens, natürlich, zögerlich gewesen. Der Kollege Feldenkirchen und ich hatten den Kandidaten in Hannover getroffen und ihm von der Idee erzählt; ich hatte einen Text des "New Yorker"-Chefredakteurs David Remnick in der Tasche, den dieser über die letzten Amtstage Barack Obamas geschrieben hatte, eben weil Obama dem Kollegen Remnick die Möglichkeit dazu gegeben hatte. So etwas funktioniert ja nur mit Zugängen. Und mit Ernsthaftigkeit. Und wenn beide Seiten glauben, dass Politik, dass überhaupt Macht sich nicht abschotten darf. Zugänglich sein muss. Verletzlich sein darf. Dass eben hierin Mut liegt.

Schulz' Umfeld war gegen das Projekt: viel zu riskant. Das war selbstverständlich nachvollziehbar. Also vergingen drei Wochen. Dann sagte Schulz: "Wir machen das." Und in Zeiten wachsender Politikverdrossenheit hielte ich es für gut, wenn sehr viel mehr Politiker sehr viel mehr Transparenz und Einblicke zuließen. Damit die Bürger erkennen könnten, dass es sich bei denen da oben um Menschen handelt, mit Stärken und Schwächen, mit Zweifeln und Überzeugungen; und damit die Politiker erkennen könnten, dass es nur der AfD hilft, wenn Imageberater und Pressestellen die Schwächen und die Zweifel verdecken wollen.

Der Mediendienst "Meedia" nennt den Report "ein denkwürdiges Kapitel Politgeschichte". In den sozialen Medien wird intensiv über den Artikel diskutiert - auch über die Frage, ob Schulz sich selbst und der SPD einen Gefallen mit seiner Offenheit getan hat.

TV-Legende Thomas Gottschalk etwa sorgt sich um den gescheiterten Kandidaten:

Journalistenkollegen dagegen loben die Geschichte - und auch die Bereitschaft des SPD-Politikers, diese zu ermöglichen:

Politiker halten sich bisher zurück mit Kommentaren über die SPIEGEL-Titelgeschichte. Die CDU-Politikerin Kristina Schröder äußerte sich anerkennend:

Wer in der eigenen Partei danach gefragt wird, nimmt den SPD-Chef in Schutz. "Dass man da mal schnauft, wenn der Wind von vorne kommt, ich glaube, das wird eher als eine menschliche Regung wahrgenommen", sagte SPD-Generalsekretär Hubertus Heil im ARD-"Morgenmagazin". "Wir sind ja alle keine Maschinen."

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Lars Klingbeil sagte der "Bild"-Zeitung, es sei völlig okay, wenn jemand auch mal Zweifel habe: "Martin Schulz hat die Partei immer wieder nach vorne gezogen."

phw/dpa

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