Reaktionen auf Schulz-Kandidatur CDU kritisiert Sturzgeburt, SPD gibt sich euphorisch

Martin Schulz wird Kanzlerkandidat - viele Sozialdemokraten reagieren beglückt. Andere Parteien fordern jetzt klare Positionen von ihm. Sie mühen sich um Deutung: Zu welcher Koalition tendiert er?

Martin Schulz
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An diesem Mittwochmorgen ist viel von Klarheit die Rede - oder dem Mangel daran. Martin Schulz soll Kanzlerkandidat der SPD werden, und einen Tag später gehen die Meinungen darüber auseinander, welche Folgen das haben wird.

Acht Monate vor der Bundestagswahl sei "mit der Entscheidung für Martin Schulz völlig unklar, wofür die SPD steht", meint Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt. Auch CDU-Präsidiumsmitglied Jens Spahn fordert Schulz auf, klare Position zu beziehen und Konzepte vorzulegen. Man werde sehen müssen, wie Schulz sich positioniere, wenn es um deutsche Politik gehe.

Die meisten in der SPD sehen das naturgemäß anders. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht in der Entscheidung für Schulz gar ein klares Signal gegen eine weitere Große Koalition.

Tatsächlich?

Linke und Grüne sehen in der Entscheidung für Schulz keine Signalwirkung für oder gegen eine rot-rot-grünes Bündnis. "Ich glaube nicht, dass das einen großen Unterschied macht", so Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht.

"Für uns ändert sich durch die Entscheidung der SPD nichts", sagt auch Grünen-Politikerin Göring-Eckardt. "Wir ziehen eigenständig in den Wahlkampf und reden über Inhalte, statt Koalitionsdebatten zu führen."

"Ist Rot-Rot-Grün eine Option?"

Auch die Union sucht nach Antworten. CDU-Politiker Spahn sagt, er wolle wissen: "Ist Rot-Rot-Grün eine Option für Martin Schulz oder nicht?" CDU/CSU jedenfalls sähen keinen Anlass für einen politischen Strategiewechsel, "nur weil die SPD in so einer Sturzgeburt einen neuen Kandidaten aufs Parkett bringt". Eine Neuauflage der Großen Koalition strebe die Union ausdrücklich nicht an.

SPD-Chef Sigmar Gabriel hatte am Dienstag überraschend seinen Verzicht auf die Kanzlerkandidatur erklärt und seinen Rückzug von der Parteispitze angekündigt. Schulz hat bereits angekündigt, dass er auf einen Wahlkampf für mehr Gerechtigkeit und Zusammenhalt setzt.

Familienministerin Manuela Schwesig begrüßte die Entscheidung für Schulz. "Mit ihm haben wir die Möglichkeit, einen engagierten, lebendigen Wahlkampf zu führen", sagte die stellvertretende SPD-Vorsitzende der "Rheinischen Post".

"Es gibt eine große Euphorie"

Malu Dreyer, Sozialdemokratin und rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin, sieht nach der angekündigten Kanzlerkandidatur sogar Euphorie in der SPD. "Martin Schulz ist wirklich sehr beliebt in der SPD", sagte sie im Radiosender SWRinfo. "Es gibt eine große Euphorie."

Auch Juso-Chefin Johanna Uekermann lobte Schulz als "richtigen Kandidaten in der jetzigen Zeit". Schulz habe "immer sehr klar dem Rechtspopulismus in ganz Europa eine Absage erteilt", außerdem sei er "ein engagierter Wahlkämpfer". Sie glaubt, dass er sich gegen Kanzlerin Angela Merkel bei der Bundestagswahl am 24. September durchsetzen könne.

Meinungskompass

Kritik an der Öffentlichkeitsarbeit der SPD rund um das Bekanntwerden des Rückzugs von Gabriel und der Kandidatur von Schulz äußerte SPD-Vize Ralf Stegner. "Das war rumpelig, das hat nur einen Stern verdient", sagte Stegner im Bayerischen Rundfunk. Dass Gabriel nun Außenminister werden wolle, verteidigte der SPD-Vize. "Warum sollen wir nicht denjenigen nehmen, der nach Martin Schulz die meiste internationale Erfahrung hat?"

kgp/dpa/AFP/Reuters



insgesamt 118 Beiträge
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kleineRatte 25.01.2017
1. Zu welcher Koalition könnte er neigen?
Warum immer sofort die Frage nach der Koalition ? Diese Fragen stellten sich immer erst nach dem Wahltag. Das Festlegen vor der Wahl kann auch schaden
brandyandy 25.01.2017
2. Gute Wahl
vielleicht im Procedere ein wenig holperig, aber so hat die SPD wenigstens eine Chance, in der wohl zu erwartenden Fortsetzung der groKo eine etwas gewichtigerer Rolle zu spielen. Mehr als das kann man wohl im Moment nicht erwarten für die SPD. Redet zwar viel und gerne, aber zumindest klar verständlich und kultiviert - ein angenehmer Gegenentwurf zu den ganzen Dummtröten, die man sich im Moment anhören muss. Für einen Kanzler Schulz müsste allerdings schon einiges passieren. Eine Wechselstimmung gibt es nicht. Eher gilt es für die demokratischen Parteien, etwas zusammen zu rücken um die wohl in den Bundestag einziehende AfD klein zu halten. Und um mit denen im Parlament Schlitten zu fahren, dafür gibt's keinen besseren als den Schulz.
franz.v.trotta 25.01.2017
3. Rumpelig?
Herr Gabriel hat sich jetzt öffentlich erklärt und einen Vorschlag gemacht, über den der Parteivorstand am kommenden Sonntag entscheidet. Planmäßig. Dass er seine Entscheidung (Verzicht auf die Kandidatur, Rücktritt vom Parteivorsitz) jetzt öffentlich macht, finde ich korrekt. So ist der am Sonntag zusammentretende Parteivorstand in die Lage versetzt, überlegt und informiert zu diskutieren und zu entscheiden. Dass Gabriel die Erfolgsaussichten der Partei über seine persönlichen Ambitionen stellt, ist respektabel.
archi47 25.01.2017
4. Stegner?
Wie bitte sonst, soll so eine Entscheidung die nötige Aufmerksamkeit bekommen? Ich finde das Timing und die Herangehensweise richtig, goldrichtig sogar. Dass in der zweiten Garnitur der Eine oder Andere gefragt werden wollte, vielleicht gar um noch etwas Sand ins Getriebe zu bringen? Geschenkt!
günter1934 25.01.2017
5. Aussenminister
Dass Herr Schulz keinen Ministerposten bekommt, ist verständlich. Er soll nicht in der Groko mitwirken, damit er ohne Hemmungen Wahlkampf betreiben kann. Allerdings kann ich mir Martin Schulz wirklich nicht als harten Wahlkämpfer gegen Angela Merkel vorstellen! Passt irgendwie nicht zu seinem verbindlichen Wesen.
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