Martin Schulz auf Sommertour Weiter, immer weitermachen

Martin Schulz will mit seiner Sommertour entspannte Bilder für die SPD produzieren - stattdessen muss er immer wieder über die Randale beim G20-Gipfel reden. Unterwegs mit einem Kanzlerkandidaten, der es schwer hat.

Schulz bei der Feuerwehr in Kösching
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Schulz bei der Feuerwehr in Kösching

Aus Kösching und München berichtet


In Kösching kommt Martin Schulz an diesem Montag weiter voran in Richtung Kanzleramt. Jedenfalls, wenn es nach ihm geht. Gerade hat er sich im Goldenen Buch der oberbayerischen Gemeinde eingeschrieben, nun erzählt ihm die Bürgermeisterin, wer da noch verewigt ist. Beispielsweise Gerhard Schröder, der 2005 als Bundeskanzler da war - aber auch schon zwölf Jahre zuvor, damals noch als niedersächsischer Ministerpräsident.

Damit ist für Schulz klar: "Es ist noch kein SPD-Politiker Kanzler geworden, der nicht in Kösching war." Für seine Pläne nach der Bundestagswahl bedeute der Eintrag ins Goldene Buch also: "Ein weiterer Schritt ist gemacht worden."

Kösching liegt unweit von Ingolstadt, der Heimat von Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer, tiefstes CSU-Land. Aber um die Kanzlerin zu besiegen, braucht ihr Herausforderer jede Stimme, also tingelt der SPD-Chef zu Beginn seiner Sommerreise auch durch die sozialdemokratische Diaspora im Südosten Deutschlands, in Kösching ist als nächstes die Freiwillige Feuerwehr dran. Mitte der Woche wird er in seinem Heimatland Nordrhein-Westfalen sein, dann in Hamburg.

Sommerreisen sind schöne Gelegenheiten für Politiker, um entspannte Bilder zu präsentieren - gerade im Wahlkampf, bevor es in die heiße Phase geht und sie nur noch von einem Termin zum anderen hetzen. Doch der Start der Schulz-Sommerreise steht erst mal unter dem Eindruck von fürchterlichen Bildern: die Szenen aus Hamburg, wo schwarz Vermummte am Rande des G20-Gipfels ganze Straßenzüge verwüsteten, brandschatzten und sich heftige Schlachten mit der Polizei lieferten.

Schulz auf Sommertour - immer lächeln!
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Schulz auf Sommertour - immer lächeln!

Egal wo der SPD-Kanzlerkandidat an diesem Montag hinkommt - immer geht es erst mal um dieses Thema: Ob vor der Audi-Zentrale in Ingolstadt, bei seinem Auftritt im malerischen Kösching oder am Abend beim Empfang der Münchener SPD-Stadtratsfraktion in der Anlage von Schloss Nymphenburg.

Und immer versucht Schulz, so souverän wie möglich über die verstörenden Ereignisse in der Hansestadt zu sprechen. Aber die SPD wirkt im Moment alles andere als souverän in dieser Debatte - auch ihr Vorsitzender nicht. Die Marodeure von Hamburg mögen nichts mit linker Politik am Hut haben, auch wenn sie sich als militante Speerspitze linker Systemkritik ausgeben: Dennoch steht die SPD plötzlich unter Rechtfertigungsdruck.

"Die Versuche, so etwas politisch auszuschlachten, zeugen von wenig Respekt", sagt Schulz am Morgen in Ingolstadt. "Mordbrenner" hat er die schwarz vermummten Gewalttäter am Wochenende genannt, nun spricht er von "Zügen von Terrorismus". Klarer distanzieren kann man sich von diesen Leuten nicht - aber die Vorwürfe von der anderen Seite des politischen Spektrums in Richtung SPD, das Problem des Linksextremismus in den vergangenen Jahren unterschätzt und zu wenig dagegen getan zu haben, werden so schnell trotzdem nicht verstummen. Zumal Hamburg mit Olaf Scholz ja auch noch von einem Sozialdemokraten regiert wird.

Sozialdemokratischer Sisyphos

Wie gesagt: Es ist Wahlkampf. Und da agiert mancher wenig zimperlich. Je länger Schulz an diesem Tag durch Bayern reist, umso wütender machen ihn entsprechende Äußerungen. "Einfach dumm" sei manches, was er da teilweise von Unions-Politikern höre, findet Schulz. Später in München sagt er: "Die SPD kämpft seit 150 Jahren für die Demokratie - wir brauchen keine Belehrungen von niemandem."

Dabei würde Schulz so gerne über anderes sprechen: Wie er es schaffen will, die übermächtig wirkende Angela Merkel am 24. September tatsächlich noch abzufangen. Schulz will die Menschen davon überzeugen, dass er eine Idee für die Zukunft des Landes hat, während die Kanzlerin es nur verwalte. Aber es ist schwer, damit durchzudringen, so lange der Schock noch so tief sitzt und alle nur über Hamburg sprechen wollen.

Und dann auch noch diese ständigen Verwechslungen. "Was sagen Sie zu den Vorwürfen gegen Hamburgs Bürgermeister Schulz", fragt in Ingolstadt eine Reporterin. "Scholz heißt der", sagt der Kanzlerkandidat, "Scholz!"

Audi-Werksbesuch in Ingolstadt
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Audi-Werksbesuch in Ingolstadt

Es ist nicht leicht in diesen Tagen, Martin Schulz zu sein. Aber wann war es das schon in den vergangenen Wochen? Nach dem furiosen Start als neuer SPD-Chef und Kanzlerkandidat ist einiges schief gegangen, ein bisschen muss sich Schulz schon fühlen wie ein sozialdemokratischer Sisyphos: Was er auch angestellt hat zuletzt - in den Umfragen geht es nicht voran.

Aber Schulz kämpft weiter. Am Sonntag wird der SPD-Kanzlerkandidat bei einem Auftritt in Berlin ein paar Ideen zu den Themen Europa und Wirtschaft präzisieren, dann will Schulz weiter durch Deutschland ziehen und für sich werben. Soll die Kanzlerin doch weiter große Weltpolitik machen, er will "nah bei de Leud'" sein, wie es der frühere SPD-Chef Kurt Beck einmal ausgedrückt hat. Mut macht er sich mit Umfragen, laut derer viele Bürger die Wahl als noch nicht entschieden sehen, rund ein Drittel sei demnach unentschlossen. Und er sieht seine Partei, anders als bei den beiden vorangegangenen Bundestagswahlen, geeint und hoch motiviert für die verbleibenden zehn Wochen bis zum 24. September.

Am Nachmittag ist Schulz im Münchener Technologiezentrum im Nordwesten der Stadt zu Gast. Dort bekommt er vorgeführt, was die Top-Tüftler der bayerischen Metropole können. Am Ende zeigt man ihm ein Projekt, das historische Momente wie die Mondlandung oder bahnbrechende Erfindungen virtuell nachempfinden lassen kann. Als die Vorführung vorbei ist, fragt Schulz: "Können Sie auch virtuelle Wahlsiege?" Großes Gelächter. Die Antwort lautet: nein. "Schade", sagt Schulz.

Und weiter zum nächsten Termin.

insgesamt 68 Beiträge
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Seite 1
eryx 11.07.2017
1.
Es bleibt ganz und gar unverständlich, wieso sich die SPD pausenlos rechtfertigen muss und einen Großteil der Kritik abbekommt und die CDU mal wieder komplett ignoriert wird. Man kommt einfach aus dem Staunen nicht heraus, wie es Merkel gelingt, als gütige G 20 Mutter dazustehen, die betrübt den Kopf schüttelt, aber ansonsten alles an ihr abperlt.
dedude 11.07.2017
2. Unverständliches fingerpointing
In der Tat unverständlich, wieso der SPD und der Linken die Verantwortung Zugeschoben wird. Die Polizei hat versagt, aber dafür beide, CDU und SPD sind in der Regierungsverantwortung. Und: Frau Merkel wollte sich als Gastgeberin sonnen, nicht Linke oder SPD
16to 11.07.2017
3. "viele Bürger die Wahl als noch nicht entschieden sehen"
Ja, ich sehe es auch als noch nicht entschieden, ob wir nach der Wahl schwarz-rot, schwarz-gelb oder schwarz-grün regiert werden.
l-39guru 11.07.2017
4. Oh Herr,
die Gesichter der Kameraden der Feuerwehr sagen alles...
micromiller 11.07.2017
5. St. Martin's Marketing Leute
müssen sich irgendetwas spektakuläres einfallen lassen. Unsere Frau Merkel hat ihre weltbekannte Raute und die auffallenden Hosenanzüge und reist zu Putin, Donald, Erdo etc. Wenn St. Martin mit einer Marke verbunden würde, z. B. rotes oder rot/schwarzes Hemd und linken Daumen hoch beim Phototermin, das würde ihn schon weiterbringen. Einfach einmal dort hinreisen wo Merkel sich nicht sehen lässt, Venezuela, Kuba, Nord Korea, Iran und mit den Herrschern kritische aber freundliche Gespräche führen. Die Medien wären begeistert und er könnte täglich als fast Erster bei den Nachrichten vorkommen.
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