Schulz-Euphorie im SPD-Ortsverein Ein bisschen begeistert

Bessere Umfragewerte, viele neue Mitglieder: Kanzlerkandidat Martin Schulz holt die SPD aus dem Dauertief. Wie fühlt sich das an? Unterwegs mit einer Frau, die gerade in die Partei eingetreten ist.

Paul Lovis Wagner

Von Sophie Krause, Hannover


Sigrid Beddig musste 60 Jahre alt werden, um hierherzukommen. In die Gaststätte "Zur Eiche" in Hannover. In einem kleinen Hinterzimmer des Gastraumes im Stadtteil Groß-Buchholz sitzt sie an einem Tisch und wartet. Beobachtend, nicht schüchtern.

"Ich habe lange überlegt. Eigentlich wollte ich das nicht", sagt Beddig. Neben ihr sitzt ihr Lebenspartner, Joachim Döring, und nickt. Döring ist seit 28 Jahren SPD-Mitglied, aber sie ist es erst seit ein paar Tagen.

Die beiden sind gemeinsam zur Mitgliederversammlung des SPD-Ortsvereins gekommen. Sie, die hier noch niemanden kennt und für die Veranstaltungen wie diese fremd sind. Er, um sie zu unterstützen und weil er selbst Genosse ist. Sie sitzen nebeneinander und nippen an ihrem Mineralwasser.

Unter Gabriel fehlte die Perspektive

Beddig ist Krankenhaus-Seelsorgerin, arbeitet im Diakoniebüro und engagiert sich ehrenamtlich in der evangelischen Kirche.

Dann kam Martin Schulz. Und nun ist die Hannoveranerin Teil der Schulz-Euphorie.

Laut ARD-"Deutschlandtrend" wünschen sich derzeit 50 Prozent der Deutschen ihn als Bundeskanzler, nur 34 Prozent Angela Merkel. Mehr als 2000 Menschen sind in den vergangenen zwei Wochen in die Partei eingetreten, allein in Niedersachsen mehr als 300. Eine davon ist Sigrid Beddig.

Langsam füllt sich der Raum, dessen Tische zu einem großen U zusammengeschoben sind. Der Geräuschpegel steigt. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Kerstin Tack hat zu diesem Abend in ihrem Wahlkreis geladen. Hier trifft sich die Basis. Man sitzt an Tischen mit vanillepuddingfarbenen Decken, Kellnerinnen bringen Getränke. Die meisten kennen sich.

In den vergangenen Jahren gab es hier nicht viel zu feiern. Die SPD steckte im 20-Prozent-Tief fest, nichts bewegte sich. Auf Sigmar Gabriel waren viele Genossen nicht gut zu sprechen. Es fehlte die Perspektive.

Neugenossin Beddig, politisch geprägt von Willy Brandt und Helmut Schmidt, ist eine Frau der klaren Worte: "Martin Schulz finde ich klasse." Seine Reden im Europaparlament und sein Auftritt bei Anne Will hätten ihr sehr imponiert. Schulz' Art überzeuge sie. "Schulz holt einfach das Volk ab. Das gefällt mir." Also ist sie in die Partei eingetreten.

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SPD im Umfragehoch: Das Schulz-Syndrom

Ob es an seinem fehlenden Abitur, seiner Buchhändlerkarriere, seiner überwundenen Alkoholsucht liege, dass er als volksnah empfunden werde? Nein, findet Beddig: "Ich würde sagen, das ist ein Stück Lebenserfahrung." Sie faltet die Hände auf dem Tisch. Beddig wirkt nicht überschwänglich-euphorisch.

Ein Handschlag, dann gibt es das rote Parteibuch

Sie hat ihre Überzeugungen. Über die AfD sagt sie: "Das geht gar nicht!"

Und über Sigmar Gabriel: "Nee, ist nicht mein Fall."

Ob die Große Koalition ein Fehler war? "Das denke ich nicht."

Ein Bündnis mit Linkspartei und Grünen? "Lieber Rot-Grün."

Die Flüchtlingspolitik? "War absolut richtig."

Wenn Beddig spricht, spricht sie für sich, wiederholt immer wieder: "Das ist meine Meinung" oder "So sehe ich das". Sie will ungern verallgemeinern.

Es wird ruhig im Raum. Vorne erhebt sich der Ortsvereinsvorsitzende Chris Jäger und begrüßt die rund 30 Genossen. Mit einem Handschlag überreicht er Beddig das kleine rote Parteibuch. Beddig lächelt, dankt, nimmt das Buch entgegen und setzt sich wieder. Weiter geht's mit der Tagesordnung. Schließlich müssen heute Abend noch Delegierte für diverse Wahlkreiskonferenzen und Parteitage gewählt werden.

Kerstin Tack, die Abgeordnete aus Berlin, hat das Wort, holt aus zu einer langen sozialdemokratischen Grundsatzrede. Sie will sich nicht mit parteipolitischen Entscheidungen aufhalten, nur so viel: Sigmars Rücktritt habe alle überrascht.

Beddig ist nicht in erster Linie wegen der Kommunalpolitik gekommen. Schon lange sei sie mit ihrer SPD-Idee schwanger gegangen, erklärt sie. "Ich habe gedacht, man muss Farbe bekennen." Die großen Themen bewegen sie. "Im Moment wird überall die Demokratie und die Freiheit ausgehebelt", sagt sie. "In Amerika, Russland, in der Türkei - und wir sind so mittendrin."

Für Beddig ist das "S" in SPD wichtig: "Ich finde es falsch, dass Menschen, die den ganzen Tag arbeiten, nicht davon leben, ihre Miete bezahlen und ihre Kinder ernähren können", sagt sie. In ihrer Stimme liegt Empörung. "Wenn eine Krankenschwester heute alleinerziehend ist, muss sie einen Nebenjob annehmen, sie schafft es sonst nicht. Die kriegen wirklich Peanuts für ihre Arbeit."

Berlin ist weit weg

Diese Themen bewegen auch die anderen Mitglieder. Eine Genossin fragt, warum Hartz-IV-Empfängerinnen das Elterngeld mit ihren Sozialleistungen verrechnet würde. "Das treibt mich schon seit Jahren um", sagt sie.

Die Abgeordnete Tack beantwortet alle möglichen Fragen: Koalitionsoptionen, Einwanderungs- und Außenpolitik. Die Genossen, überwiegend bürgerliche Mittelschicht, duzen einander, suchen das Gespräch, statt zu schimpfen. Euphorisch wirkt hier dennoch niemand. Berlin ist weit weg.

Tack erklärt das so: "Viele haben eine Sehnsucht danach, sich mitgenommen zu fühlen." Beddig nickt zustimmend, sie fühlt sich angesprochen. Martin Schulz bekomme einen Vertrauensvorschuss dafür, dass er die Hoffnung der Genossen trage, so Tack.

Beddig glaubt daran, dass Schulz der Richtige ist. "Ich halte ihn für einen sehr fähigen Mann", sagt sie. "Ich vertraue ihm." Und wenn sie jemandem vertraue, nun, dann sei das "schon ein Bonus".

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paulvernica 04.02.2017
1. Die armen Leute
glauben das wirklich. Also wenn die Dame 20 wäre könnte ich es ja noch mit jugendlicher Unerfahrenheit erklären, aber als 60 jährige sollte sie es besser wissen. Die SPD hat noch nie etwas wirklich grundsätzlich besseres für die sogenannten "kleinen" Leute herausgeholt. Sobald sie an der Macht sind oder daranteilnehmen, mutieren sie vom Hoffnungsträger Verein zum Kegelverein. Das wird auch bei Martin Schulz nicht anders sein. Eine sozialsdemokratische Partei die 7000 Euro nimmt für ein Mittagsessen mit ihren Ministern hat verloren. Jedenfalls bei denkenden Menschen. Aber ich glaube , dass es bei der nächsten Bundestagswahl, eh nur noch darum geht die Menschen als Wähler zu gewinnen, die sich nicht für Politik interessieren und aus dem Bauch heraus abstimmen. Die andere Gruppe Wähler, wählt AFD oder eben gar nicht und wartet bis die nächste nicht rechte Protestpartei entsteht.
prologo 04.02.2017
2. Der Aufwind von Schulz
Der Aufwind von Schulz ist nur der Amtierenden geschuldet. Denn diese hat selbst mit ihrer fürchterlichen Politik zu ihrer Abwahl alles getan. Deshalb ist jetzt eigentlich jeder Politiker aus den etablierten Parteien ein annähernd erfolgreicher Kanzler Kandidat. Das hat mit Schulz und seiner Person als Politiker gar nichts zu tun. Die Bürger wollen endlich Merkel weg. Sie hat genug Fehler gemacht. Epochale Fehler für Deutschland. Die Aufzählung spare ich mir. Aber ihre fatale Flüchtlingspolitik, mit Missachtung aller vorhandenen Gesetze zu allen Flüchtlingen, hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Die Losung ist eigentlich, Merkel muss weg, egal mit wem. Das ist der alleinige Grund für Schulzens Aufwind. Spätestens, wenn den Bürgern die von der SPD eingeführte Volks Verarmung mit Hatz IV und der Renten Verarmung wieder einfällt, dann ist der Aufwind dahin. Allein wegen Schulz wähle ich die SPD auch nicht mehr. prologo
Skyscanner 04.02.2017
3.
Nun fordert Schulz (ein SPD Politiker) mehr Gerechtigkeit. Bei fordert er das - von unserer heutigen Regierung? Die SPD sitzt doch in der Regierung - dann muss ja die jetzige SPD mit all Ihren regierenden Politiker Ungerecht sein! Warum macht er denn nicht jetzt die SPD gerechter, warum will er erst nach der Wahl alles gerechter machen. Sowas Blödes hab ich mein Lebtag von einen Politiker gehört. Sowas abgedroschenes blödes Wahlgerede – Unfassbar Blöd. Das weiß auch Schulz, der uns nur eine Show abliefern soll. Er wurde nur vor geschickt um die Wahl für die SPD zu verlieren, danach gibt es einen sehr gut dotierten Posten und jeder in der Partei ist zu frieden. Nach der Wahl kommt der nicht mehr zu ertragende Wendehals Sigi wieder um die Ecke - HALLO ich bin wieder da, der Retter der SPD! Ach ist die SPD lächerlich geworden und zeug von einer Unfähigkeit das es schon ein Verbrechen ist die an den Schalthebel der Macht rum spielen zulassen.
tanee 04.02.2017
4. Unwirklich
Es kommt mir geradezu unwirklich vor, wie seit Wochen so getan wird als sei die SPD seit 20 Jahren Oppositionspartei. Jetzt holt man sich den Naechsten ran, der zufaellig z.Z. kein Ministeramt bekleidet und schickt ihn mit dauerausgelutschten Standardthemen wie soziale Ungerechtigkeit ins Rennen. Wer soll das bitte glauben? Die SPD ist doch Teil der Regierung! Zumal diese ewige Umverteilungsmasche sowieso nach Hinten losgeht. Die angeblichen Opfer werden immer weiter in Staatsabhaengigkeit getrieben, anstatt es endlich der Wirtschaft und den Buergern leichter zu machen eigene Unternehmungen aufzubauen. Hauptsache es gibt mehr verpflichtende Gleichstellungsbeauftragte, 12-mio. schwere Dax-Aufsichtsraetinnen und sonstige Gaengelungen eines Jeden der versucht in diesem Lande etwas aufzubauen. Und nein, nach dem Umfragenhoch kommt nicht das Umfragentief, sondern der verdiente Normalzustand. Allein die Liste der krummen Geschäfte diverser SPD Mitglieder aus dem letzten Jahr koennte einen ganze Spiegel fuellen.
otelago 04.02.2017
5. Landes SPD in Rheinland Pfalz oder NRW
Da wo die SPD machen könnte, da versagt sie total. NRW - Kraft hat sich als totaler Flop erwiesen, das Ruhrgebiet wird zur Chaos - Zone ungebrochenen Niedergangs, nur mit Tricks und Bundeshilfen hält man das am Leben. NRW ist peinlich, Schulen am Abgrund, Migrantenviertel im Ruhrgebiet wurden zu NoGo Zonen. Rheinland - Pfalz: Chaos am Flughafen Hahn, Inkompetenz hoch zehn. "Malu Dreyer" wieder mal völlig abgetaucht Außer schöne Fotos für Wahlkampf nichts los.
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