Schulz und Gabriel in Wolfenbüttel Immer noch dicke

Martin Schulz hat die SPD wiederbelebt - dank des Rückzugs von Sigmar Gabriel. Nun besuchte der Kanzlerkandidat den scheidenden Parteichef bei dessen Wahlkreis-Nominierung: Es wurde ein rührseliger Abend.

Martin Schulz (l.), Sigmar Gabriel
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Martin Schulz (l.), Sigmar Gabriel

Aus Wolfenbüttel berichtet


Wie bedeutend dieser Abend für die 50.000-Einwohner-Stadt Wolfenbüttel ist, macht Marcus Bosse schon nach wenigen Minuten klar. "Eine solch große Veranstaltung gab es hier das letzte Mal, als Willy Brandt hier war", sagt er. Bosse ist Vorsitzender des hiesigen SPD-Unterbezirks und Abgeordneter im niedersächsischen Landtag.

800 Zuhörer sind in die Wolfenbütteler Lindenhalle gekommen, Martin Schulz und Sigmar Gabriel schreiten unter pompösen Klängen über das Parkett. Unterbezirksvorstand Bosse kann sein Glück kaum fassen.

Gabriel ist der örtliche Bundestagsabgeordnete, der an diesem Abend erneut für die Wahl im Herbst nominiert werden soll. Einen Gegenkandidaten gibt es nicht, eigentlich also eine reine Formalie für die 138 anwesenden Delegierten. Man hätte sich auch im Hinterzimmer einer größeren Kneipe treffen können, aber in diesen Tagen muss in der SPD ja alles ein bisschen größer sein. Und einer wie Gabriel weiß zudem, wie er seine örtlichen Parteifreunde glücklich machen kann: genau, mit Martin Schulz.

Kein Politiker scheint die Deutschen momentan so zu faszinieren wie Schulz, in der eigenen Partei hat er eine Begeisterung ausgelöst wie lange niemand. Vielleicht tatsächlich seit Willy Brandt nicht mehr.

Freundschaft geht lange zurück

Auch weil das alles eine Menge mit Gabriel zu tun hat, ist Schulz in die Wolfenbütteler Lindenhalle gekommen. Er ist hier, um Danke zu sagen. Und allen zu zeigen: Der Sigmar und ich, wir sind immer noch dicke.

In den Wochen und Monaten vor der Kanzlerkandidaten-Ausrufung wurde die Freundschaft arg auf die Probe gestellt. Und kaum einer kann sich vorstellen, dass die Beziehung der beiden keine Kratzer abbekommen hat, auch wenn beide das Gegenteil behaupten - und an diesem Abend einmal mehr ihr enges Verhältnis betonen.

Die Freundschaft der beiden geht lange zurück: Nach der Landtagswahl 2003 in Niedersachsen hatte der damalige Kanzler Gerhard Schröder dem gefallenen Ministerpräsidenten Gabriel angeboten, die Spitzenkandidatur für die anstehende Europawahl zu übernehmen. Doch Gabriel verzichtete nach einem Gespräch mit Schulz, dem er die Kandidatur hätte entreißen müssen. Seitdem vertrauen sich die beiden, offenbar entwuchs daraus Freundschaft.

Die spannende Frage seit der Nominierung von Schulz ist allerdings: Wie läuft das denn nun zwischen den beiden? Schulz ist jetzt die klare Nummer eins in der Partei, viel unangefochtener zudem, als es Gabriel je war. Letzteres dürfte den Noch-Parteichef wohl am meisten treffen: Dass der Neue in wenigen Wochen das geschafft hat, was ihm in siebeneinhalb Jahren an der Spitze der SPD nicht gelungen war.

Schulz weiß, wie schwer das für Gabriel ist. Umso fester umarmt er ihn in Wolfenbüttel.

Anerkennung für Gabriel

"Das ist heute ein sehr bewegender Moment", sagt Schulz, denn er sei hier "wegen eines außergewöhnlichen Mannes". Er erinnert an die vielen Rückschläge, die Gabriel als Parteichef hinnehmen musste, an die Härten des politischen Geschäfts. Aber Gabriel habe sich nie beirren lassen, sagt Schulz - und am Ende die richtige Entscheidung getroffen. "Dass ein Mann in der Lage ist, seine eigene Ambition zurückzustellen im Interesse seiner Parteimitglieder, ist eine außergewöhnliche Charakterstärke." Es ist sehr still geworden in der Lindenhalle. "Ich bin dankbar dafür, diesen Menschen meinen Freund nennen zu dürfen", sagt Schulz schließlich.

"Wenn das alles stimmen würde, was hier erzählt wird...", sagt Gabriel, als er nach Schulz ans Rednerpult tritt. Das tut nach dem vielen Pathos gut. Aber natürlich gefällt ihm das Lob. Anerkennung hat ihm oft gefehlt in den vergangenen Jahren.

Jedenfalls lässt es sich der neue Außenminister nicht anmerken, falls er Schulz den Erfolg neiden würde. Im Gegenteil: Unter führenden Genossen in Berlin ist man überrascht, wie sehr sich Gabriel innenpolitisch zurückhält. Zwar koordiniert er als Vizekanzler weiterhin die Arbeit der SPD-Minister in der Großen Koalition, aber das funktioniert nun weitestgehend geräuschlos. Stattdessen konzentriert sich Gabriel auf seine Arbeit als deutscher Chef-Diplomat - und erntet dafür ebenfalls eine Menge Lob.

Wie tief ihre Freundschaft wirklich noch ist, wissen nur Schulz und Gabriel selbst. Am Ende ist das auch egal, solange es der Partei gut geht und das neue Rollenspiel funktioniert. "Ich bin nicht irgendwie im Zweifel - sondern saufroh, dass das gelungen ist", sagt Gabriel in Wolfenbüttel über die Übergabe an Schulz. Er betont ebenfalls die gemeinsame Freundschaft, macht aber klar, "dass ich ihn auch vorgeschlagen hätte, wenn er nicht ein enger Freund gewesen wäre". Ihm sei einfach klar geworden, dass Schulz die besseren Chancen habe. "Du wirst ein großartiger Vorsitzender der SPD sein", sagt Gabriel. Und er werde ihn "mit allem, was ich tun kann, unterstützen".

Dann wird gewählt: Eine Enthaltung, einmal Nein, 136 Stimmen für Gabriel - ein noch besseres Ergebnis als vor vier Jahren. Der Schulz-Besuch hat sich also in jeder Hinsicht gelohnt.



insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
HansPa 16.03.2017
1. Klar
Natürlich sind die dicke. Haben sie doch den gleichen Freund: Das Vermögen! Diese Hartz 4 Korrekturen sind das Papier nicht Wert auf dem es verfasst werden soll. Am Ende wird sich, wie in den letzen 20 Jahren bei der SPD, das Vermögen und die Wirtschaft durchsetzen. Wer als AN noch die SPD wählt hat nichts verstanden!
franz.v.trotta 16.03.2017
2.
Schön, dass Schulz und Gabriel kooperieren. Alle Versuche, sie gegeneinander in Stellung zu bringen, waren bislang nicht erfolgreich. -- Nach der Durchsetzung des Mindestlohns werden sie gemeinsam für Korrekturen an der Agenda 2010 arbeiten. Zum Wohle der Schwachen in unserer Gesellschaft.
styxx66 16.03.2017
3. xxx
Martin Schulz hat den Komapatienten SPD wiederbelebt - dank des Rückzugs von Gabriel. Da kann man natürlich geteilter Meinung sein. Der Heilsbringer der SPD Schulz, hat in seinem bisherigen politischen Leben noch nicht viel geliefert. Alleine ein paar populistische Ankündigungen von ihm haben den Schulz-Hype ausgelöst, der von den Medien multipliziert wurde, warum auch immer, das verstehe wer will. Was Nebenkriegsschauplätze betrifft, äußert sich Schulz mit großem Tamtam. Die wichtigsten Fragen, die DE bewegen, die für uns Bürger existenziell sind, da macht der Meister der markigen Sprüche einen großen Bogen darum. Ich will als Wähler wissen, wer sind seine bevorzugten Koalitionspartner, was will er gravierendes ändern im Land, wie steht er zu Renten und Rentnern, wie hält er es mit der Bildung, und vor allem mit der Inneren Sicherheit? Die Fragen aller Fragen lautet für micht, behält er die offenen Grenzen bei, will er DE und seine Sozialsysteme noch mehr belasten mit Leuten, die unsere Sprache nicht sprechen, die eine ander Kultur haben, die eine andere, teilweise agressive Religion haben, die unsere Frauen nicht respektieren, geschweige denn den Gastgeber, die wenn man's genau nimmt, auch nichts beitragen zur Integration. Die meisten bleiben lieber unter sich, deshalb möchte ich wissen, was ist mit der Ghettoisierung und den Parallelgesellschaften? Wird Schulz die weiter dulden? Aus diesem Szenario möchte ich ausdrücklich die Kriegsflüchtlinge ausschliessen, den Leuten muss geholfen werden. Darüber hat Schulz bisher noch nicht parliert und hat diese Themen mit traumwandlerischer Sicherheit gemieden. Erst wenn der Mann dern Mut hat, alle wichtigen Themen zur Sprache zu bringen, können die Medien den Mann hochjubeln oder verdammen, vorher nicht. Zuerst liefern Herr Schulz, damit die Wähler die Möglichkeit haben, sie zu beurteilen. Erst dann wird ein Schuh draus.
andreas13053 16.03.2017
4. Na, das wäre
Zitat von franz.v.trottaSchön, dass Schulz und Gabriel kooperieren. Alle Versuche, sie gegeneinander in Stellung zu bringen, waren bislang nicht erfolgreich. -- Nach der Durchsetzung des Mindestlohns werden sie gemeinsam für Korrekturen an der Agenda 2010 arbeiten. Zum Wohle der Schwachen in unserer Gesellschaft.
doch mal eine schöne Überraschung. Allerdings gibt es dafür praktisch gar keine Indizien.
wasistlosnix 16.03.2017
5. Welche Alternative
hätte es für Gabriel gegeben. Als Verlierer wieder in eine Groko zu gehen?
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