Wahlprogramm von Martin Schulz Unsere Heimat

Was meint Martin Schulz, wenn er von Würde redet? Soziale Gerechtigkeit! Aber die ist nicht alles. Auch Heimat gehört dazu. Die SPD darf das Thema nicht den Rechten überlassen.

Martin Schulz vor dem Haus, in dem sein Vater geboren wurde und heute noch sein Großcousin wohnt
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Martin Schulz vor dem Haus, in dem sein Vater geboren wurde und heute noch sein Großcousin wohnt

Eine Kolumne von


Martin Schulz hat gesagt, er wolle die "hart arbeitenden Menschen in den Mittelpunkt" stellen. Schulz redet zu diesen Menschen von Würde. Aber was bedeutet Würde? Zum würdigen Leben gehört mehr als nur soziale Gerechtigkeit. Eine andere Bedingung ist die Identität. Die soziale Gerechtigkeit muss gegen Kapital und Konzerne errungen werden - aber die Identität gegen die Migration. Das Thema ist für die Linken gefährlich: In der Theorie soll doch der Ausländer ein Freund sein. Aber in der Wirklichkeit ist die Einwanderung ein Quell der Sorge. Wenn die Aufgabe einer linken Regierung die Solidarität mit der arbeitenden Bevölkerung ist, dann gehört dazu auch der Schutz der Heimat.

"Wie viel Heimat braucht der Mensch?" hieß ein Aufsatz von Jean Améry aus dem Jahr 1966. Das ist eine Frage, die sich die Linken in Deutschland - egal in welcher Partei - stellen sollten. Denn "das Menschenrecht", das die Linke in ihrem alten Kampflied besingt, umfasst mehr als höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Auch Heimat ist ein Menschenrecht. Und es sind weiß Gott nicht nur AfD-Demagogen, die sich angesichts des großen Zustroms von Migranten Sorgen um ihre Heimat machen.

Ein Problem verschwindet nicht, indem man nicht hinsieht

Sahra Wagenknecht, die eine durch und durch bürgerliche Linke ist und in Wahrheit die soziale Marktwirtschaft gegen den Kapitalismus verteidigt, hat viel Ärger für ihre Äußerungen zur Migration bekommen. Als sie gesagt hat, auch ein Flüchtling könne durch sein Verhalten sein Gastrecht verwirken, warf man ihr AfD-Rassismus vor. Unsinn. Ein Problem verschwindet nicht, indem man nicht hinsieht. Es ist eine Tatsache, dass viel Zuwanderung erst mal viele Probleme schafft. Und es sind eben die "hart arbeitenden Menschen", von denen Martin Schulz spricht, denen diese Probleme auf die Füße fallen.

Wagenknecht hat gesagt: "Ich rede über innere Sicherheit, wenn über innere Sicherheit geredet werden muss. In einem Land, in dem in den letzten Jahren 18.000 Polizeistellen abgebaut wurden, ist das leider nötig. Wenn sich laut einer Umfrage heute 58 Prozent der Frauen in Deutschland nicht mehr sicher fühlen, dann sollten Linke nicht so tun, als gäbe es kein Problem."

Auch der grüne Provokateur Boris Palmer wurde gescholten, als er von den grünen Professoren sprach, die ihm - angeblich - sagten: "Ich habe zwei blonde Töchter, ich sorge mich, wenn jetzt 60 arabische Männer in 200 Meter Entfernung wohnen." Palmer hatte da ein klassisches Muster bedient, blond gegen arabisch, Identität gegen Alterität. Aber Politik hat die Wirklichkeit der Menschen zu berücksichtigen, nicht die Konvulsionen der Kommentatoren.

In Migrantenklassen wachsen die Probleme von morgen heran

Es gibt kein Recht auf Nischen, an denen die Zeit vorüber geht. Aber es gibt auch unter den Bedingungen der Beschleunigung ein Recht auf die eigene Identität. Der Chef der Böll-Stiftung in Washington, Bastian Hermisson, hat neulich auf dem Parteitag der Grünen gesagt, wir hätten die Arbeitermittelschicht wie eine kulturelle Unterschicht behandelt, indem wir ihre Lebensweise und ihre Wertvorstellungen für rückständig erklärt haben. Migranten sind Konkurrenten um Wohnraum und Arbeitsplätze. Und sie sind zusätzlich Konkurrenten im Lebensstil.

Reden wir von handfesten Maßnahmen: In keiner deutschen Schulklasse soll der Anteil der Kinder, für die Deutsch keine Muttersprache ist, höher als 25 Prozent liegen. Wie viele Eltern - und Lehrer - würden der SPD danken, wenn sie diese Forderung in ihr Wahlprogramm aufnähme? Denn in den Migrantenklassen, in den Migrantenbezirken wachsen die Probleme von morgen heran. Jeder weiß das. So war es mit den ersten Wellen der Einwanderung. Schulz könnte sagen: Dieses Mal wird es anders sein. Er könnte sagen, mich interessieren die Hürden nicht, die einer Lösung dieses Problem im Wege stehen - die Länderhoheit, der Haushalt - ich werde sie überkommen. Das wäre ein starkes Signal.

Man sollte sich durch sinkenden Zustimmungswerte der AfD nicht täuschen lassen. Die Migration wird Wirklichkeit bleiben. Und wirklich sind auch die Sorgen der Einheimischen und der Migranten. Was bedeutet Heimat unter Bedingungen der Globalisierung? Die Sozialdemokraten sollten darauf eine Antwort haben. Und wer bei den Linken das Thema mit der großen Geste des guten Gewissens vom Tisch wischen will, überlege noch diesen Satz des Flüchtlings und KZ-Überlebenden Amery: "Man muss Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben."

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insgesamt 153 Beiträge
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Seite 1
mps58 30.03.2017
1. Die Heimat muss Grenzen haben
Heimat ist ein geographisch begrenzter Kulturraum. Daher gibt es keine Heimat ohne sichere Grenzen. Die Öffnung der Grenzen für alle geschundenen oder auch nur als solche so wahrgenommenen dieser Erde ist das Kernproblem bei Linken, Grünen und Teilen der Sozialdemokratie.
busytraveller 30.03.2017
2. Die deutsche Linke hat den Bürger nicht verstanden.
Sahra Wagenknecht eine durch und durch bürgerliche Linke? Immerhin verweigert sie regelmäßig den Opfern des Stalinismus ihre Anerkennung. Klingt nicht so bürgerlich, oder? Ansonsten: völlig richtig, was Augstein schreibt. Nur stünde die geforderte Politik konträr zur Willkommenseuphorie und Nichtabschiebe - Politik, die in weiten Teilen der SPD, sowie den bevorzugten künftigen Koalitionspartnern Grüne und Linkspartei herrschen. Schulz rückt die SPD massiv nach links und da haben die echten Sorgen des kleinen Mannes gegen die überall erspähten Gerechtigkeitslücken keine Chance. Die deutsche Linke will den Bürger mit Geld zuschmeißen, damit er zufriedener ist. Sie hat ihn eben nicht verstanden.
Leser161 30.03.2017
3. Ja
Man gräbt den rechten Politkarrieristen genau so das Wasser ab. Indem man Themen besetzt, statt sie zu verdammen. Heimat existiert nunmal, manche finden sie wichtig, manche nicht. Auch uncoole Heimatgernhaber sollten die Möglichkeit haben ihre Interessen von einer "normalen" Partei vertreten zu lassen. Auch einer der auf Weisswurst, Grünkohl oder Äbbelwoi steht ist ein ganz normaler Mensch. Das vergessen die hippen Globalisierer gerne mal.
jakam 30.03.2017
4.
Es ist für die Realität irrelevant, wie ein paar Träumer das Utopia sehen, das man (leider) nie umsetzen können wird. Mit "könnte/hätte/sollte man" kommen wir nirgendwohin, denn der Mehrheit ist das vollkommen egal. Worüber ärgern sich Menschen denn am meisten? Das ist nicht das Flüchtlingsthema, sondern die Abzocke gegenüber Arbeitnehmern und allgemein dem Mittelstand. Wenn Hr.Schulz jetzt nur Lösungen für Extremfälle anspricht, wird er krachend scheitern.
abccbaabc123 30.03.2017
5. Augstein liegt richtig
...und ich würde mir sehr wünschen, dass noch viel mehr Linke genau dies genau so erkennen und aus den Erkenntnissen sinnvolle Politikangebote machen. Auch die bisherige linke Politik, die Heimat und Identität nicht wahrnehmen wollte oder konnte, hat Menschen in die Arme der rechten Rattenfänger getrieben. Gut, wenn jetzt Ansätze zum Umdenken von einem ausgewiesenen Linken ausgesprochen werden. Danke, Herr Augstein.
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