Möglicher SPD-Kanzlerkandidat Die Schulz-Frage

Verzichtet SPD-Chef Sigmar Gabriel auf die Kanzlerkandidatur und lässt seinem Freund Martin Schulz den Vortritt? Immer mehr Genossen sprechen sich für den Präsidenten des Europaparlaments aus. Welche Chancen hat er wirklich?

Martin Schulz
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Martin Schulz

Von Florian Gathmann


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Eines dürfe nicht wieder passieren, darin waren sich ausnahmsweise so gut wie alle Spitzengenossen einig: ein Chaos wie bei der letzten Ausrufung des SPD-Kanzlerkandidaten. Peer Steinbrück wurde im Frühherbst 2012 plötzlich zum Herausforderer von CDU-Chefin Angela Merkel gekürt, weil Frank-Walter Steinmeier am Abend zuvor gegenüber Journalisten seinen Verzicht auf die Kanzlerkandidatur angekündigt hatte. Das Prozedere, der Zeitplan - alles im Eimer.

Willkommen im Herbst 2016.

So wie es aussieht, wird es auch diesmal nichts mit der geordneten Kür des SPD-Kanzlerkandidaten: Der sollte frühestens Ende des Jahres ausgerufen und dann erst im Frühjahr 2017 offiziell nominiert werden. Mancher dürfte an diesem Montag schon froh sein, die Sache wenigstens über das Wochenende gebracht zu haben. Allerlei Gerüchte waberten bei den Genossen seit Freitag umher, die unmittelbare Ausrufung eines Kanzlerkandidaten schien nicht ausgeschlossen, mancher raunte sogar von einem neuen "Schwielowsee" in der SPD: An diesem brandenburgischen Gewässer hatte die Parteispitze im Spätsommer 2008 gegen ihren damaligen Vorsitzenden Kurt Beck geputscht, auch damals ging es um die K-Frage.

Was ist da nur los bei den Genossen? Warum die Hektik?

Im Kern geht es um den zaudernden Vorsitzenden Sigmar Gabriel, Europaparlaments-Chef Martin Schulz, der sich neben einer weiteren Amtszeit auch herausragende bundespolitische Funktionen in der SPD vorstellen kann - und eine zunehmend nervöse Partei, in der nach SPIEGEL-Informationen der Wunsch nach einer Kanzlerkandidatur von Schulz wächst. Die ganze Angelegenheit wird dadurch noch komplizierter, dass er und Gabriel eng befreundet sind.

Schulz erinnerte an den Sinn des Satzes "Wir sind das Volk"

Martin Schulz steht am Sonntagabend an einem gläsernen Rednerpult in der Leipziger Nikolaikirche. Die Menschen drängen sich in den Bänken, wer keinen Sitzplatz gefunden hat, steht. Knapp 2000 Menschen wollen erleben, wie Schulz die diesjährige "Rede zur Demokratie" hält. Die Nikolaikirche war der zentrale Ort der friedlichen Revolution in Leipzig, die am 9. Oktober 1989 ihren ersten Höhepunkt erlebte. 27 Jahre später spricht nun jener Mann, der die SPD möglicherweise in den kommenden Bundestagswahlkampf führen wird.

Schulz beschwört den europäischen Geist, lobt den Mut der Menschen, die 1989 in Leipzig und anderswo auf die Straße gingen - und erinnert an den Sinn des Satzes "Wir sind das Volk". Den dürfe man eben nicht den Anti-Demokraten überlassen, die ihn nun für sich reklamierten. Am Ende gibt es Standing Ovations für den kleinen Mann aus Würselen bei Aachen.

Es ist ein weiter Weg von Würselen nach Leipzig. Aber er ist schon ganz andere Wege gegangen, ohne Abitur in die ganz große Politik. Es gibt wohl kaum einen wichtigen Staatsmann, den Schulz noch nicht getroffen hat. Er hat den Job des Europaparlamentspräsidenten neudefiniert und damit auch der Institution Glanz verschafft. Aber nach zwei Perioden in diesem Amt ist wohl Anfang 2017 Schluss, die Konservativen haben dann Anspruch auf den Posten. Es sei denn, Schulz gelingt mal wieder ein kleines politisches Kunststück.

Deutsche Genossen hoffen auf politische Magie von Schulz

Gefordert ist ein bisschen politische Magie. Die erhoffen sich offenbar auch immer mehr deutsche Genossen von Schulz.

Mit ihm, so lautet nämlich die Hoffnung, könnte die SPD auf die Beine kommen und sich im nächsten Herbst einem Ergebnis von 30 Prozent annähern. Jedenfalls viel eher als mit einem Kanzlerkandidaten Gabriel.

Schulz, Gabriel
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Schulz, Gabriel

Noch hat Gabriel alles in der Hand. Auch nach diesem Wochenende, an dem dann doch nichts passiert ist. Das macht die Sache so vertrackt: Schulz würde es nur machen, wenn Gabriel zurückzieht. Ansonsten ist die Bewerberlage übersichtlich, zumal die Kanzlerkandidatur angesichts der schlechten SPD-Werte und der wahrscheinlichen Gegnerin Angela Merkel brutal wird. Auch deshalb hält sich Hamburgs Regierungschef Olaf Scholz zurück. Genau deshalb zaudert und zögert Gabriel nach wie vor. Und weil er seine schlechten Beliebtheitswerte kennt.

Dabei hat sich Gabriel wirklich abgerackert: die Partei nach der Wahl 2009 in ihrer schlimmsten Krise übernommen, sie aufgerichtet und 2013 zurück in die Bundesregierung geführt. Seitdem ist Gabriel auch noch Vizekanzler und Wirtschaftsminister. Mangelnden Einsatz werfen ihm selbst seine schärfsten Gegner nicht vor. Es ist vielmehr seine Art, Politik zu machen und mit den Politikern seiner Partei umzugehen: Er sei erratisch, lasse sich zu oft von den Falschen beraten und behandele selbst ihm Wohlgesinnte häufig mies.

Für Gabriel geht es um alles - das weiß er auch

Gabriel weiß: Diesmal geht es um alles für ihn. Wenn er Schulz die Kanzlerkandidatur überlässt, muss der SPD-Chef anders als vor der Bundestagswahl 2013 auch diesen Posten räumen. Vielleicht könnte er dann noch die verbleibenden Monate als Vizekanzler und Wirtschaftsminister weitermachen - aber dann war's das. Das politische Alphatier Gabriel wird sich in der SPD dauerhaft niemandem mehr unterordnen. Deshalb ist die Sache so spannend: Gabriel hat zwar seine Heimatstadt Goslar, seine Frau und das gemeinsame Töchterchen. Aber er liebt die Politik.

Die Partei verliert offenbar zunehmend die Geduld mit ihrem Vordermann. Und verguckt sich immer mehr in Schulz. Der wiederum wartet ebenfalls auf Gabriels Entscheidung. Noch hält die Freundschaft zwischen den beiden, das gegenseitige Vertrauen und die Abmachung. Und Schulz wiederum hofft ja auch weiterhin auf die Verlängerung seines Parlamentsjobs.

Deshalb fährt er zweigleisig: Schulz lässt sich in Deutschland mehr blicken als sonst. Auftritte wie in Leipzig, neulich war er in der Bundespressekonferenz, kommenden Freitag wird er in Berlin dabei sein, wenn eine Journalistin ihre Schulz-Biografie vorstellt. Und wo immer er spricht, redet und diskutiert, ist das Echo positiv. Das schmeichelt seinem Ego. Und verstärkt das Gefühl: Ich könnte auch Kanzlerkandidat.

Dass er keine Netzwerke in der SPD hat? Dass die Bürger ihn bisher nur als den überzeugenden Supereuropäer kennen, aber nicht als Bundespolitiker? Dass er als Kanzlerkandidat von Gabriels Gnaden gälte? Geschenkt. Und: Es blieben, falls Gabriel verzichtet und es wegen des Drucks der Partei zu einer vorzeitigen Ausrufung kommt, noch viele Monate Zeit, Schulz' Schwächen auszuleuchten.

"Solange die Union nicht Klarheit hat, wer bei denen antritt, obwohl sie die Kanzlerin stellt, ist die SPD unter gar keinem Druck", sagt Gabriel. Klingt vernünftig. Aber was zählt das schon in der SPD, wenn es darauf ankommt?


Zusammengefasst: Die SPD will ihren Kanzlerkandidaten frühestens Ende des Jahres ausrufen. Dennoch macht die Partei den Eindruck, als stünde sie unter Zeitdruck. Unter den Genossen wird offenbar zunehmend der Wunsch nach Martin Schulz für den Posten laut - der soll die SPD wieder auf die Beine bringen. Schulz wiederum ist gut mit Parteichef Sigmar Gabriel befreundet, der seinerseits nach der Kanzlerschaft strebt.

insgesamt 210 Beiträge
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Seite 1
Ontologix II 10.10.2016
1. Schulz wäre ...
... ein Merkel 2.0, fürchte ich.
mamas.duemmster 10.10.2016
2. Jeder,
ich betone JEDER ist besser als die "Raute".
cossy 10.10.2016
3. Vorteil Schulz - er ist im Volk genauso beliebt wie Gabriel
Nachteil Schulz, Gabriel ist mittlerweile mehr zur Lachnummer verkommen und den EU-Schulz mögen viele genauso wenig. Problem SPD: es fehlt ein echter überzeigendr Sympathieträger. Aber der CDU geht es ja ähnlich, denen fehlen in großen Teilen des Volkes auch Sympathieträger. Da sind die Ecken und Kanten der bayrischen Politiker, neben der CSU auch die der Freien Wähler, doch um einiges besser, als diese gleichgeschalteten Politiker aller Couleur. Ausnahmen: Sarah Wagenknecht, Jörg Meuthen und Christian Lindner.
silenced 10.10.2016
4.
Diese Weltfremde Karikatur eines Politikers? Die SPD will sich mit Gewalt ins Aus torpedieren habe ich den Eindruck. Sigmar Gabriel weiß, daß er nicht mehr gebraucht werden wird wenn er nicht zum Kanzler wird, aber er hat noch "Verpflichtungen" seine außerpolitische Zukunft betreffend in der Politik, welche er erst im trockenen haben will und muss. Ist schon 'Mist' wenn man so tief drin steckt. Die Chancen stehen nunmal schlecht, daß er Kanzler wird, da "verheizt" er lieber einen anderen. Anders kann man sich sowas nicht erklären. Wenn man sich die Lobbypolitik anschaut welche Sigmar Gabriel vertritt, kommt man leider zu keinem anderen Schluß.
kalim.karemi 10.10.2016
5. Welche Chancen hat er wirklich?
Keine. Politiker werden, wie jeder andere Verkäufer, vom Kunden gekauft, es sei denn man hat keine andere Wahl. Schultz ist leider ein unsympat vorm Herren, wie seinerzeit Lafontaine und Scharping. Ebenso könnt man Nahles zur Kandidatin machen, wenn man nicht ernsthaft gewinnen möchte, nur zu.
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