Massaker an Herero und Nama "Verbrechen, die heute als Völkermord bezeichnet würden"

Die Bundesregierung hat sich zu ihrer Verantwortung an den Massakern deutscher Truppen im heutigen Namibia vor 114 Jahren bekannt. Den Begriff Völkermord lehnt sie weiter ab. Namibische Delegierte bestehen weiter auf der Anerkennung.

HAYOUNG JEON/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Kulturstaatsministerin Michelle Müntefering hat sich für die Verbrechen deutscher Kolonialtruppen im heutigen Namibia vor 114 Jahren entschuldigt. "Deutschland steht fest zu seiner historischen Verantwortung", sagte Müntefering.

Sie vermied es jedoch, den Tod von Zehntausenden Angehörigen der indigenen Gruppen Herero und Nama durch die Gewalt deutscher Schutztruppen Völkermord zu nennen. "Die Verbrechen waren das, was heute als Völkermord bezeichnet würde", sagte die SPD-Politikerin. Allerdings habe der Tatbestand zum Zeitpunkt der Verbrechen nicht bestanden.

Müntefering sprach bei der Übergabe von sterblichen Überresten an eine namibische Regierungsdelegation in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin. Bei dem Festakt wurden 19 Menschenschädel und weitere Skelettteile überreicht, welche aus der damaligen Kolonie Deutsch-Südwest-Afrika entwendet wurden. An die Namibier gewandt sagte die Staatsministerin, sie bitte diese "aus tiefstem Herzen um Verzeihung".

Schädelknochen, den Deutsche aus dem heutigen Namibia entwendeten
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Schädelknochen, den Deutsche aus dem heutigen Namibia entwendeten

Die politischen Reden von Müntefering, der namibischen Kultusministerin Katarina Hanse-Himarwa und mehrerer traditioneller Oberhäupter der Herero und Nama schlossen an einen deutsch-namibischen Gedenkgottesdienst an. Dabei sprachen alle namibischen Vertreter von Genozid und Völkermord und erneuerten die Forderung nach Reparationen.

Ausgerichtet wurde die Trauerfeier von der Evangelischen Kirche Deutschland. Daran gab es auch Kritik der Herero-Gruppe um das Oberhaupt Vekuii Rokuro. Er hätte eine Übergabe in einem Regierungsgebäude oder im Parlament bevorzugt, sagte Rukoro. Er kritisierte zudem, dass eine Gruppe der Initiative "Völkermord verjährt nicht" nicht mit all ihren Mitgliedern an den Feierlichkeiten teilnehmen durfte.

Begleitet wird die namibische Delegation auf ihrer Rückreise von Kultusministerin Müntefering und Ruprecht Polenz (CDU), dem Sonderbeauftragten der Bundesregierung für Verhandlungen über die Wiedergutmachung mit der namibischen Regierung. Die Verhandlungen dauern bereits fünf Jahre an und gehen bald in die siebte Runde.

Ottmar von Holtz, Abgeordneter der Grünen im Bundestag mit namibischen Wurzeln, kritisierte das schleppende Verfahren. Deutschland müsse sich "zu seiner Schuld am Völkermord in Namibia bekennen und ihn auch so nennen", fordert Holtz, der auch Mitglied im Ausschuss für Entwicklungszusammenarbeit ist.

cht

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