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Massenaktion in Braunschweig: Protest-Picknick wider den Ordnungswahn

Aus Braunschweig berichtet

Brotzeit und Kuchen, Klapptische und ein Bier - mitten auf dem Schlossplatz: Hunderte haben sich in Braunschweigs Zentrum an diesem Wochenende zum Massenpicknick versammelt. Der Flashmob hatte nur ein Ziel: der Stadt zu zeigen, dass man Flashmobs besser nicht zu verbieten versucht.

Sie haben eine bunte Decke mitgebracht, ein paar Dosen Bier, einen Kuchen. Die drei jungen Studenten wollen picknicken, einfach so, mitten in der Stadt. Und weil sie mit ihrem Vorhaben nicht allein sind, werden sie und ihre Mitstreiter zur Bedrohung für Braunschweig - dessen Bürgermeister viel von Sicherheit und Ordnung hält.

Rund 300 Menschen sind am Samstagnachmittag für ein Picknick auf den Schlossplatz gekommen. Sie besetzen einen kleinen Teil der weiten kargen Fläche. Helge, einer der drei Studenten, hat im Internet von dem sogenannten Flashmob erfahren und gleich noch zwei Kumpel mitgebracht. Er breitet seine Decke aus und setzt sich in die Sonne.

"Der Platz ist doch sonst nur leer", sagt Helge. Den Flashmob findet er gut, "alleine setzt sich doch niemand hierhin". Jetzt hocken sie beisammen, auf Sixpacks, Campingstühlen oder gleich auf dem Boden. Sogar ein Tisch steht in der Menge, festlich gedeckt, Blumen stecken in einer Vase. Helge nickt anerkennend und macht sich an den Kuchen.

"Erlaubnispflichtig" und "nicht genehmigungsfähig"

Etwas abseits von der nachmittäglichen Vesper rückt Dirk Schadt seine Schiebermütze zurecht. Schon wieder muss er jemandem von der Presse erklären, dass er keineswegs der Veranstalter ist. Dabei hatte er die Idee, stellte die Einladung ins Internet. Das Ordnungsamt, einen riesigen Flashmob mit saufenden Jugendlichen wie vor kurzem auf Sylt vor Augen, schlug Alarm. Schadt wurde aufs Amt zitiert.

"Erlaubnispflichtig" und "nicht genehmigungsfähig" sei das Picknick-Vorhaben, teilt die Stadt Braunschweig mit. Veranstaltungen auf dem Schlossplatz müssen sich in den "städtebaulichen Kontext" fügen, so will es eine Sonderverordnung. So können zwar Bundeswehr-Rekruten vor der neuen Fassade des ehemaligen Schlosses, das einst eine Junkerschule der SS beheimatete, feierlich ihr Gelöbnis ablegen. Picknicken hingegen - ausgeschlossen.

Also sagte Schadt das Treffen wieder ab. Die Nachricht vom "Flashmob-Verbot", verbunden mit einem Erlebnisbericht von seinem Kontakt mit der Behörde, verbreitete sich daraufhin erst recht im Internet. Wie Helge wurden viele nur deshalb auf das Picknick aufmerksam und verstanden die explizite Absage des Picknicks als noch deutlichere Ansage zum Protest-Picknick.

Deshalb sind auch die Piratenpartei, die Grünen, Jusos und die Bürgerinitiative Bibs heute hier. Die Politiker picknicken sich an die überwiegend Jugendlichen heran, protestieren gegen die Nutzungsordnung und verteilen ihre Flyer. Auf Plakaten fordert die Linkspartei: "Schluss mit Flashmobverbot".

"Als es noch den Schlosspark gab, haben wir hier immer unseren Ferienbeginn gefeiert", sagt Jan Philipp Albrecht, jüngster deutscher Abgeordneter im Europaparlament. Dann musste der Park weichen, die Fassade des Schlosses wurde wieder aufgebaut und dahinter ein großes Einkaufszentrum gepflanzt. Vor dem Eingang der "Schloss-Arkaden" sitzen nun die Picknicker auf den Steinplatten.

Albrecht zeigt auf die Shopping-Meile. "Wer nicht die Kohle hat, die ganze Zeit nur einzukaufen, für den gibt es in der Innenstadt immer weniger Platz", sagt er. Der junge Grünen-Politiker ärgert sich über die Nutzungsordnung für den Schlossplatz, über die zunehmenden Restriktionen für den öffentlichen Raum.

Rigorose Nutzungsordnungen und Alkoholverbote

Die Angst des Ordnungsamts vor der Flashmob-Horde, verkleidet als bürgernahe Fürsorge für Dirk Schadt, kann Albrecht nicht verstehen. "Braunschweig brennt", lacht er und zeigt auf die friedlich mümmelnden Picknicker. Rigorose Nutzungsordnungen und Alkoholverbote, wie sie in immer mehr Städten eingeführt werden, sieht er kritisch. "Das ist mir zu viel Prävention."

Von nebenan duftet es süßlich herüber, dort sitzt Ursula in Rock und Flip-Flops mit ihren Freundinnen, sie essen Thailändisch aus Aluschalen. Sie haben es sich auf einer Regenbogen-Decke bequem gemacht und genießen das Picknick. Sonst ist sie kaum einmal auf dem Schlossplatz. "Die Innenstadt ist halt nicht so spannend."

Die paar Stühle, die vor den Schlossarkaden stehen, gehören zu einem Café. Ganz lustig finden zwei dort ihren Milchkaffee trinkenden Shopper die Versammlung. Die beiden älteren Damen gucken dann aber doch etwas skeptisch auf die meist jungen Aktivisten, die Wein entkorken, Biere zischen und Baguette herumreichen. Andere Passanten haben weniger Hemmungen, werfen ihre Pullover auf den Boden und setzen sich zu den Picknickern und spachteln ihr eben gekauftes Fastfood.

Für einen Moment bolzt der Lautsprecherwagen der Piratenpartei ein paar Bässe über den Platz. Eine Gruppe Jungs mit sehr kurzen Haaren und sehr weiten Hosen hüpft dazu synchron im Takt, Jumpstyle nennt sich das. Später kommt noch ein Junggeselle mit seiner Gitarre vorbei. Der langhaarige Jüngling feiert seine anstehende Hochzeit und röhrt "Die Gedanken sind frei".

Oberbürgermeister feiert fast nebenan

Von der Polizei weit und breit keine Spur. Was auch daran liegen könnte, dass ein Infostand, den die Bürgerinitiative angemeldet hat, für die Stadt als Demonstration gilt. Die kann selbst auf dem Schlossplatz nicht einfach verboten werden, dafür muss der Anmelder Auflagen erfüllen, für einen geordneten Ablauf sorgen. "Die Stadt wird sich das schon gut überlegt haben, fürs Image", mutmaßt Schadt. Das sei ohnehin ziemlich schlecht: Kaiserjahr, Fackelzüge und Schlossfassade, das sei die Welt von Oberbürgermeister Gert Hoffmann.

Während die Braunschweiger auf dem Schlossplatz picknicken, feiert der CDU-Politiker zur gleichen Zeit nur ein paar hundert Meter mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten und Parteifreund Christian Wulff. Sie eröffnen die Landesausstellung "Otto IV. ", man feiert den glücklosen Welfen-Kaiser und seine kurze, wenig ruhmreiche Amtszeit. Dafür habe Braunschweig zwei Millionen Euro ausgegeben - aber die freie Kulturszene bleibe auf der Strecke, sagt Flashmob-Initiator Schadt.

Kurz bevor sich die Versammlung nach zwei Stunden wieder auflöst, werden blaue Plastiksäcke herumgereicht. Die Picknicker räumen ihren Müll weg. Um leere Dosen und Flaschen kümmert sich ein Pfandsammler, der seinen Einkaufswagen durch die Reihen schiebt. Kurz danach sieht der Schlossplatz wieder aus wie vorher.

Sicher und sauber.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Mob ohne Flash
Moralinsäure 09.08.2009
Wenns halt nur ein Flashmob wäre...
2. coole aktion
ty4n 09.08.2009
das war doch eine echt chillige geschichte. ohne gewalt, gesaufe etc. wenn ich in braunschweig wohnen würde ich da auch hingehn.
3. fragliches Ziel
Jan B. 09.08.2009
Das Ziel war es also, der Stadt zu zeigen, dass sich Flash-Mobs nicht verbieten lassen? Manchmal kommt es mir so vor, als hätten einige Menschen zu viel Freizeit. Aber ist ja alles Kunst....Hühner die mit Farbe an den Füßen über Papier laufen machen ja auch Kunst. Wenn ich einen roten Kreis auf weißen Grund male...hey ist Kunst. Wie dem auch sei, ich finde Flash-Mobs mal wieder eine stumpfsinnige Idee, nur weil man mal wieder was ungewöhnliches machen will. Wann gibts mal einen Flash-Mob gegen Hunger und Umweltverschmutzung? Ach vergessen...das ist ja nicht chillig und crazy genug.
4. Ja klar
Hovac 09.08.2009
Zitat von Jan B.Das Ziel war es also, der Stadt zu zeigen, dass sich Flash-Mobs nicht verbieten lassen? Manchmal kommt es mir so vor, als hätten einige Menschen zu viel Freizeit. Aber ist ja alles Kunst....Hühner die mit Farbe an den Füßen über Papier laufen machen ja auch Kunst. Wenn ich einen roten Kreis auf weißen Grund male...hey ist Kunst. Wie dem auch sei, ich finde Flash-Mobs mal wieder eine stumpfsinnige Idee, nur weil man mal wieder was ungewöhnliches machen will. Wann gibts mal einen Flash-Mob gegen Hunger und Umweltverschmutzung? Ach vergessen...das ist ja nicht chillig und crazy genug.
Man sollte sowieso nur aktiv werden wenn als Ergebnis mindestens der Weltfrieden lockt. Bedürfnisse des lokalen Bürgers sind sowieso albern, stattdessen sollte man immer allen Mitbürgern zeigen das man gegen Folter in China ist oder so ähnlich, weil das am meisten bringt und am politisch korrektestem ist.
5. Überreglementierung
stupp 09.08.2009
Die ordnungspolitische Überreglementierung deutscher Städte ist mir schon lange ein Graus: Da verstecken sich Polizisten mit Mountain-Bikes in Büschen, um radfahrende Studenten abzukassieren, die die Kreuzung auf der falschen Seite passieren, Politessen patroullieren mehrmals täglich auf Straßen mit Parkverboten und die Ordnungsamtautos sind allgegenwärtig auf der Suche nach Ordnungswidrigkeiten. Eines haben alle gemeinsam: Einen Ermessensspielraum gibt es nicht mehr, es wird immer abkassiert. Der Verdacht, daß letzteres das eigentliche Motiv ist, drängt sich einem auf. Die Frage ist, ob tatsächlich alle Ordnungswidrigkeiten verfolgt werden müssen. Warum einschreiten, wenn sich niemand beschwert und niemand gestört wird? Was ist denn so schlimm daran, wenn ein Fußgänge eine leere Straße passiert, auch wenn die Ampel auf rot steht? Die Städte sollten sich der Straftaten an ihren wirklichen "Brennpunkten" widmen. Was ist mit dem zunehmenden Diebstahl, Raub und Vergewaltigung? Eine Obrigkeit, die ihre "braven" Bürger büßen läßt, entfremdet sich von ihren Bürger und provoziert deren Widerstand. Ein bisschen Lässigkeit würde uns dagegen gut tun. Stupp
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