Umstrittene Mauerfall-Aktion Aktivisten werfen CDU-Politiker Henkel "üble Nachrede" vor

Eine Künstlergruppe wollte zum Mauerfall-Jubiläum das Leid von Flüchtlingen an Europas Außengrenzen anprangern - und wurde für die Aktion angezeigt. Die Künstler stellen nun selbst eine Anzeige - gegen Berlins Innensenator Frank Henkel.

Berlins Innensenator Henkel: "Verabscheuungswürdige Tat" oder Kunstfreiheit?
DPA

Berlins Innensenator Henkel: "Verabscheuungswürdige Tat" oder Kunstfreiheit?


Berlin - Eine umstrittene Kunstaktion zum Mauerfall-Jubiläum hat in Berlin eine heftige politische Debatte ausgelöst: Das Kollektiv "Zentrum für politische Schönheit" hatte Gedenkkreuze für Maueropfer entwendet und nach einer Kunstaktion wieder aufgestellt. Weil Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) die Kunstaktion als "verabscheuungswürdige Tat" kritisiert hatte, werfen die Aktivisten um den Theaterregisseur Philipp Ruch ihm nun "üble Nachrede" vor.

Die Gruppe hatte 14 weiße Gedenkkreuze vor dem Spreeufer am Reichstagsgebäude abmontiert. Sie erinnern an DDR-Flüchtlinge, die während des Kalten Kriegs an der Berliner Mauer ums Leben gekommen sind. Die Kreuze hatte die Gruppe nach eigenen Angaben an die Außengrenzen Europas gebracht, fotografiert und anschließend wieder in der Deutschen Hauptstadt installiert. Damit solle an die Flüchtlinge erinnert werden, die an Europas Außengrenzen abgewiesen werden.

Unterlassungserklärung und Strafantrag

Die Polizei nahm daraufhin Ermittlungen wegen "besonders schwerem Diebstahl" auf, mehrere Politiker kritisierten die Aktion scharf. Bundestagspräsident Norbert Lammert bezeichnete das Entwenden der Gedenkkreuze als "blanken Zynismus", CDU-Senator Henkel beschuldigte zudem das Maxim Gorki Theater der Mittäterschaft an der Aktion. Das Theater wies die Vorwürfe entschieden zurück. Man habe die Entwendung weder veranlasst noch von dem Plan gewusst, betonte die Theaterleitung um Intendantin Shermin Langhoff.

In einem Beitrag für den "Tagesspiegel" bezeichnete Henkel die Kunstaktion zudem unter anderem als "verabscheuungswürdige Tat". Dagegen geht die Gruppe nach eigenen Angaben nun auch juristisch vor: Henkel sei wegen "übler Nachrede" eine Unterlassungserklärung zugestellt worden, zudem werde Strafantrag gegen ihn gestellt, teilte die Künstlergruppe mit.

Das Künstlerkollektiv hat etliche Unterstützer: SPD und Grüne nannten Henkels Äußerungen Zensur und forderten eine öffentliche Entschuldigung. Auch der Rat für die Künste in Berlin forderte Henkel auf, jede staatspolitische und strafrechtliche Verfolgung sofort einzustellen. "Die temporäre Entfernung symbolischer Kreuze ist keine Grabschändung, die Aktion war keine Verunglimpfung unseres Staates und vor allem: Kunst ist frei und grundgesetzlich geschützt", erklärte das gewählte Gremium der Berliner Kulturszene.

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Kunstaktion: Alte und neue Maueropfer

mxw/dpa



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Seite 1
CommonSense2006 11.11.2014
1. sorry
aber das Verunglimpfen der Mauertoten ist keine Kunst, da muss ich dem CDU-Menschen recht geben, auch wenn ich weder ihn noch seinen Verein sonderlich schätze. Durch den Mantel "Kunst" wird eine Straftat nicht zu etwas anderem.
Indigo76 11.11.2014
2.
Wenn es der Gruppe darum ging, Bilder von den Kreuzen zu machen, hätten sie de Kreuze nachbauen können. Auf den Bildern wäre kein Unterschied zu sehen gewesen. Kunst entschuldigt weder Sachbeschädigung noch Diebstahl. Und von Diebstahl musste man ausgehen, da die Aktion wohl nicht angemeldet war.
bert.hagels 11.11.2014
3. Man hat es ...
... ja immer schon ahnen können und erhält nun wieder einen neuen Beweis: Demokratie ist eine Übung, welcher sich die Konservativen nur widerwillig unterziehen; begriffen haben sie sie nicht. Die autoritäre Versuchung ist ihnen nicht abzugewöhnen. Pikant wird die Sache noch dadurch, dass die CDU (Ost) 1982 in der Volkskammer der DDR dem Grenzgesetz zugestimmt hat, dessen § 27 den Schußwaffengebrauch an der innerdeutschen Grenze legalisierte. Diese CDU (Ost) ist mit nur marginalen personellen Veränderungen 1990 komplett der gesamtdeutschen CDU beigetreten. Vor diesem Hintergrund erhält Herrn Henkels Empörung einen üblen Beigeschmack.
Zaphod 11.11.2014
4. Auf in die bessere Welt
Wir gedenken der Toten von früher, die nur auf der Suche nach einem besseren Leben waren - und lassen gleichzeitig den Tod von vielen Menschen im Meer zu, die ebenfalls nur auf der Suche nach einem besseren Leben sind. Diese Merkwürdigkeit hat die Aktion gut aufgezeigt und drastisch ins Bild gesetzt. Gibt es gute und schlechte Tote. Wer gedenkt der Flüchtlinge, die heute sterben?
SamusAran 11.11.2014
5. #3
Zitat von bert.hagels... ja immer schon ahnen können und erhält nun wieder einen neuen Beweis: Demokratie ist eine Übung, welcher sich die Konservativen nur widerwillig unterziehen; begriffen haben sie sie nicht. Die autoritäre Versuchung ist ihnen nicht abzugewöhnen. Pikant wird die Sache noch dadurch, dass die CDU (Ost) 1982 in der Volkskammer der DDR dem Grenzgesetz zugestimmt hat, dessen § 27 den Schußwaffengebrauch an der innerdeutschen Grenze legalisierte. Diese CDU (Ost) ist mit nur marginalen personellen Veränderungen 1990 komplett der gesamtdeutschen CDU beigetreten. Vor diesem Hintergrund erhält Herrn Henkels Empörung einen üblen Beigeschmack.
Nicht nur das, denn es wusste jeder, aber wirklich jeder DDR Bürger, dass er eine Kugel in den Allerwertesten geschossen bekommt, wenn er versucht, über die Mauer oder die grüne Grenze zu fliehen. Dieser ganze Hype um die "Mauertoten des kalten Krieges" regt mich auf. Denn der Westen hat auch geschossen, es gab ebenso Tote auf Seiten der DDR. Aber das wird verschwiegen. Wie es auch verschwiegen wird, dass die ganzen Blockflötenparteien in ihren jeweils westlichen Parteien aufgegangen sind. Aber wahrscheinlich waren das jetzt alle aktive Bürgerrechtler, so wie es uns jetzt der BundesGauckler vorlügt. Die haben doch von System damals am meisten profitiert. Dem normalen Bürger ging es damals wenigstens noch gut, der hatte seine Arbeit, sein Geld, seine Wohnung und sein Essen. Alles bezahlbar. Heute läuft es, Dank dem Raubtierkapitalismus, mehr schlecht als recht. Ich hätte lieber eine bessere DDR gesehen, wie es auch viele Bürgerrechtler wollten, anstatt der Wiedervereinigung.
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