Von Christina Hebel, Hannover und Hitzacker
Im Norden von Hannover. David McAllister steht in der Werkstatt von Göldo Music, dem Hersteller der weltbekannten Duesenberg-Gitarre. Die Rockband AC/DC und Marius-Müller Westernhagen kaufen hier. Eigentlich ein schöner Termin für einen Landesvater. Doch McAllister wirkt überraschend steif, ernst und angespannt.
Seine Arme hält er vor der Brust verschränkt, oder er formt, wie Kanzlerin Angela Merkel es gern macht, ein Dreieck mit den Händen. Ein Reporter will von McAllister wissen, wie es um seine Musikalität bestellt sei, eigentlich eine Standardfrage bei solch einem Besuch. Der 41-Jährige holt tief Luft, bevor er langsam in die Kameras erzählt, dass er sieben Jahre lang Klavier gespielt habe. Dass er jetzt nicht mehr musiziere, dafür seine beiden Töchter.
Es muss erst ein Dudelsack auftauchen, damit McAllister sich locker macht. Chris Distin, ein Gitarrenbauer aus Großbritannien, spielt ihm ein Ständchen auf dem Dudelsack - so wie der Ministerpräsident hat er schottische Wurzeln. Das verbindet. Plötzlich zeigt sich ein andere McAllister: plaudernd, witzig und zuweilen ironisch. Auf Englisch scherzt McAllister darüber, dass die Briten ihre schottischen Ahnen erst dann entdecken, wenn sie bei der Hochzeit im Kilt heiraten wollen. Er redet über die Army, in der sein Vater Dienst tat. McAllisters Vater ist Schotte, seine Mutter Deutsche. Noch heute besitzt er neben dem deutschen und auch einen britischen Pass.
McAllister ist auf Sommerreise, über 1200 Kilometer fährt er in diesen Tagen mit dem Bus durch Niedersachsen. Knapp sechs Monate sind es noch bis zur Landtagswahl, knapp sechs Monate, in denen McAllister das gelingen soll, was kaum möglich erscheint nach den vergangenen Landtagswahlen, die für die Christdemokraten und Bundeskanzlerin Merkel schlecht ausgingen. McAllister soll den rot-grünen Trend stoppen, er soll der Union mit einem fulminanten Sieg Rückenwind für das so wichtige Wahljahr 2013 verschaffen. Eine Aufgabe, die schwer wiegt.
McAllister und seine Leute sind nervös
McAllister musste noch keine Landtagswahl als Spitzenkandidat bestehen. Er hat das Amt des Ministerpräsidenten von seinem Förderer Christian Wulff vor zwei Jahren gleichsam geerbt, als dieser Bundespräsident wurde. Mittlerweile ist Wulff zurückgetreten, die Staatsanwaltschaft ermittelt noch immer in der Affäre um die Partyveranstaltung Nord-Süd-Dialog, ein Risiko auch für McAllisters Wahlkampf. Fürs Erste scheint die Polit-Affäre einigermaßen ausgestanden. Aber wer kann garantieren, dass nicht neue Details auftauchen, die dann auch für ihn zur Last im Wahlkampf werden?
Der Christdemokrat ist angesehen im Land. Er gibt sich bodenständig, zeigt sich vor Ort, sucht den Kontakt zu den Bürgern. Emsig pflegt McAllister seine Partei. Das macht ihn beliebt, seine Persönlichkeitswerte in den Umfragen sind hoch, SPD-Herausforderer Stephan Weil ist abgeschlagen.
Trotzdem sind McAllister und seine Leute nervös. Sie durchleben ein Wechselbad der Gefühle. Denn in den Umfragen liegt die CDU mal in Führung, dann ist sie wieder hinter der SPD. Das schürt Unruhe in der Partei. Zudem verharren die Liberalen seit Wochen unter der Fünfprozentmarke, es sieht so aus, als ob sich McAllister wohl einen neuen Regierungspartner suchen muss, eigentlich bleibt da nur die Große Koalition mit der SPD.
Doch Sozialdemokrat Weil geht auf Distanz zu ihm. Er schlägt mittlerweile wenig charmante Töne an, McAllister musste sich anhören, er sei der "Wackeldackel auf der Hutablage der Kanzlerin".
Schmettern mit dem Shanty-Chor
"Alles Momentaufnahmen", sagt McAllister abwiegelnd zu Umfragen . Als ihn dann aber die neueste Forsa-Umfrage im Bus erreicht, die die CDU wieder vorne sieht, ist der Ministerpräsident kaum zu bremsen. Emsig tippt er auf seinem Blackberry, "Mac ist back", sagt er und reckt die Faust hoch. "Geht doch", sagt er, um dann noch schnell hinterherzuschieben: "Es ist nur eine Momentaufnahme, aber ich genieße den Moment."
Wenig später radelt er fröhlich am Elbdeich entlang. Das bringt schöne Fotos, zumal wenn er von Gorleben-Gegnern begleitet wird, die nach einer kurzen fast überwiegend ruhigen Diskussion einträchtig neben ihm herfahren. Da solle doch mal einer sagen, dass das vor ihm ein Ministerpräsident in Niedersachsen geschafft habe. In Hitzacker empfangen ihn die Bürger mit Salutschüssen und einem Shanty-Chor, der das Niedersachsen-Lied anstimmt. McAllister ist in seinem Element, schmettert mit, trinkt mit Schützen ein, zwei Bier. Hier fühlt sich der Ministerpräsident wohl. In seiner Heimatstadt Bad Bederkesa im Landkreis Cuxhaven war er selbst mal Schützenkönig. "Einfach schön, toll", sagt er zurück im Bus. "So kann es weitergehen."
Doch McAllister weiß, dass sich die Wähler erst kurz vor dem 20. Januar entscheiden werden, alles eben "eine Momentaufnahme" ist. Er hat die Abstimmung in Schleswig-Holstein analysiert, 40 Prozent der Bürger entschieden sich dort in der Woche vor dem Wahltag. Und es nicht immer leicht, seine Wähler mit Inhalten zu überzeugen.
Das hat er erst neulich wieder schmerzhaft erfahren, da kenterte er mit einem Drachenboot. Mit an Bord: Minister seines schwarz-gelben Kabinetts. Eine Nachricht, die selbst in den Niederlanden für Schlagzeilen sorgte. "Du kannst als Ministerpräsident die Welt retten, das ist egal", sagt McAllister. "Wenn du aber mit dem Drachenboot kenterst, kommst du in den Tagesthemen."
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
| alles zum Thema David McAllister | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH