Mecklenburg-Vorpommern Das passiv-aggressive Land

In Mecklenburg-Vorpommern ging zuletzt nur jeder zweite Bürger wählen. Gleichzeitig lässt das Land Populisten und Extreme gedeihen. Wer konnte, hat die Region längst verlassen - so wie unsere Autorin.

Strand in Mecklenburg-Vorpommern
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Strand in Mecklenburg-Vorpommern


Von meinem Heimatdorf zum Schweriner Bahnhof sind es zwölf Kilometer. Die Route führt vorbei an Pferdekoppeln, Reihenhäusern und den üblichen Wende-Trümmern. Ein Kaufladen, in der DDR Konsum genannt, modert seit den Neunzigern vor sich hin. Ein paar Straßen weiter stehen Überreste einer Gaststätte. Im abgefackelten Gebälk trafen sich früher Punks, dann Neonazis. Inzwischen trifft sich dort niemand mehr.

Auf dem Weg zum Zug, der mich zurück nach Berlin bringen soll, sieht man einige solcher Geistergebäude. Ruinenfans fotografieren sie und stellen die Bilder ins Internet. Ansonsten erfüllen die Häuser keinen Zweck. Sie sind so überflüssig, dass sich nicht mal jemand die Mühe machte, sie abzureißen.

Wer sollte das auch übernehmen? Diejenigen, die den Schutt wegräumen und die Grundstücke neu bewohnen könnten, sind weg. Ich bin auch gegangen, wie viele meiner Generation, die pünktlich mit 18 Jahren ihre Sachen packten und woanders hinzogen. Aus sicherer Distanz schaute ich zu, wie sich die Orte und Menschen meiner Kindheit und Jugend entfernten. Nicht nur räumlich.

Am Sonntag, wenn Mecklenburg-Vorpommern wählt, werde ich mich wieder einmal fragen, was mich mit dem Bundesland noch verbindet. Und zwar abgesehen von der Natur, die verlässlich hübsche Werbemotive für Urlaubsportale liefert: Strandkörbe, Eiswaffeln, Windräder, Waldseen, Kreidefelsen, Kornblumen, Altstadtfassaden, gute Luft.

Oft empfinde ich eine Spur Scham, wenn ich erzähle, woher ich komme. "Klar, ist wunderschön dort", sage ich dann, "aber...". Ich muss das Aber nicht bemühen. Es klebt an jedem Satz über meine Heimat, wie ein Bremsklotz gegen zu viel Begeisterung.

Wunderschönes Schweriner Schloss - aber es beherbergt als Sitz des Landtags seit zehn Jahren eine NPD-Fraktion. Demnächst werden Abgeordnete der Alternative für Deutschland (AfD) einziehen, Umfragen sehen sie im zweistelligen Bereich.

Wunderschöne Landschaft - aber jeder vierte Bürger ist arm. Das Bundesland besetzt Spitzenplätze in Statistiken, in denen niemand auftauchen will. Bundesweit hat Mecklenburg-Vorpommern die höchste Jugendarbeitslosenquote, dazu kommen rund 28.000 Menschen, die dauerhaft ohne Job sind. Aufwärts geht es nur langsam. Zu langsam, um mehr gut ausgebildete Leute davon zu überzeugen, sich ausgerechnet in Mecklenburg-Vorpommern eine Zukunft aufzubauen.

Wunderschönes "Land zum Leben", so heißt der offizielle Werbeslogan - aber immer weniger Menschen wollen dort überhaupt leben. Rund 1,6 Millionen sind es noch, es waren mal fast zwei Millionen.

Und der Rostocker Radheld Jan Ullrich? Hat gedopt.

Schweriner Schloss
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Schweriner Schloss

Außerhalb der Tourismusbranche inspiriert Mecklenburg-Vorpommern nicht gerade zum exzessiven Schwärmen. Selbst die mächtigsten Menschen Deutschlands nicht, die enge Bindungen zur Region haben. Bundespräsident Joachim Gauck wurde in Rostock geboren, Kanzlerin Angela Merkel hat ihren Wahlkreis rund um die Insel Rügen.

In der öffentlichen Wahrnehmung spielt das kaum eine Rolle, beide könnten ihre familiären oder politischen Wurzeln auch in Thüringen oder dem Münsterland haben. Nie würden sich Gauck oder Merkel übermäßig mit Mecklenburg-Vorpommern brüsten.

Man kann es ihnen nicht verübeln. Zu viele Probleme der Region sind ungelöst. Nach der Wende brach die Beschäftigung in Landwirtschaft, Fischerei und Werften ein. Einige Wirtschaftszweige konnten sich teilweise erholen, aber der große Boom blieb aus. Nur wenige neue Unternehmen wollen sich im"bäuerlichsten Bundesland" ansiedeln.

Und die Bewohner? Sie sind weitgehend passiv, wenn es um Demokratie, um Engagement in Parteien, Verbänden oder Vereinen geht. Bei der letzten Landtagswahl blieb jeder Zweite zu Hause.

Immer wieder ist Mecklenburg-Vorpommern auch aggressiv: Das Bundesland lässt Extremisten und Populisten gedeihen, das zeigt sich an fremdenfeindlichen Übergriffen und einem erratischen Wahlverhalten.

Zwar hat Mecklenburg-Vorpommern Symptome wie Jugendflucht, einen müden Jobmarkt, Gewalt und Politikverdruss nicht exklusiv. Sie finden sich auch in anderen Regionen ohne Bindekraft, im Studienslang "strukturschwach" genannt. Im Nordosten kommen aber besonders viele Umstände zusammen, die breit gestreuten Frust fördern. Und die es Hetzern leichter machen, sich für lange Zeit zu halten.

1. In anderen Ost-Bundesländern war die NPD eine Phase, hier ist sie ein Dauerzustand. Ganze Landstriche sind tiefbraun, Rechtsextremismus hat sich in der Fläche festgefressen. Und er wird regelmäßig toleriert. Auf jedem Ostsee-Campingplatz wird man auf mindestens eine kahlrasierte Clique stoßen, die um den Grill rülpst. Die allerwenigsten Menschen mögen Glatzentrupps. Aber dass sie offensiv im Alltag geächtet werden, habe ich selten erlebt. Dabei mag auch Angst eine Rolle spielen. Zu Schulzeiten wagte ein Freund von mir ein Wortgefecht mit einer rechten Gruppe. Die Nacht verbrachte er in der Notaufnahme.

2. Für gemäßigte Parteien ist Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern die grüne Hölle. Wer kompliziertere Botschaften im Gepäck hat, für den lohnt sich die Region schon aus geografischen Gründen kaum. Wahlkampfhelfer müssen riesige Entfernungen zurücklegen, um eine Handvoll Menschen zu erreichen - oft ohne Erfolg. Extremisten wie die NPD und Populisten wie die AfD arbeiten mit schlichten Botschaften, die schneller verfangen. Sie müssen sich weniger anstrengen, um höhere Prozente zu bekommen.

3. Wut zählt mehr als Vertrauen. Die Linke zum Beispiel war jahrelang stark im Nordosten, saß in der Regierung und verhielt sich auch in der Opposition pragmatisch. Es gibt linke Landräte und Oberbürgermeister. Nun scheint die Linke einem Teil ihrer Klientel schlicht nicht mehr "dagegen" genug zu sein - in den letzten Umfragen vor der Wahl verlor die Partei an Zustimmung. Es profitiert: die AfD.

Angela Merkel in Mecklenburg-Vorpommern
DPA

Angela Merkel in Mecklenburg-Vorpommern

Die Gründe für die passiv-aggressive Stimmung liegen auch in der Geschichte des Landes. Beziehungsweise darin, dass es keine gibt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Region in drei Teile zerlegt und nach dem Mauerfall zusammengeklebt. "Von 1952 bis zur deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990 existierte Mecklenburg-Vorpommern nicht", erklärt Wikipedia. Die Einheimischen haben kaum historische Substanz, von der sie zehren könnten. Teile der Vergangenheit sind umbenannt, abgeschafft oder tabu, weil sie DDR-belastet sind.

Menschen aus Mecklenburg-Vorpommern haben nicht mal eine Spezialität oder ein bizarres Tellergericht, auf das sie stolz sein könnten. Wenn im Studium die Hessin den Äppelwoi, der Niedersachse Grünkohl und Pinkel pries, dachte ich an die Pizza-Produktionshalle von Dr. Oetker in Wittenburg. Die war mir im Gedächtnis geblieben, weil sie ausnahmsweise gut lief. Ansonsten werden in "MeckPom" häufig Großprojekte versenkt, oder sie schrammen an der Insolvenz vorbei - Spaßbäder, eine Skipiste, ein CD-und-DVD-Werk.

Die Politik weiß um diesen Hohlraum in der Identität, um den kollektiven Minderwertigkeitskomplex. Sie versucht, ihn mit Wohlgefühl zu stopfen. In diesem Wahlkampf war Heimatverbundenheit so wichtig wie nie zuvor. Die Parteien schmissen penetrant mit Begriffen um sich, die Gemeinsamkeit verströmen sollen. "Mecklenburg-Vorpommern ist uns allen eine liebenswerte Heimat", sagte die SPD. Die CDU sah die "Heimat in guten Händen", die Linkspartei handelte "Aus Liebe zu MV". Dabei nahmen die gemäßigten Parteien in Kauf, sich noch weniger von den Rechten abzugrenzen: Die AfD kombiniert ihre Heimatlobgesänge mit Elitenverachtung und Fremdenhass, die NPD missbraucht den Heimatbegriff schon lange.

Aufgeben darf man Mecklenburg-Vorpommern trotz allem nicht. Manches hat sich bewegt in den letzten 25 Jahren. Schulden wurden abgebaut, Straßen saniert, Internetkabel verlegt, Studierende angeworben, Landgasthöfe eröffnet, Flüsse gereinigt. Die Gewerkschaften protestierten um die Jahrtausendwende herum mit einem Technofestival für mehr Ausbildungsplätze, und heute gibt es in Unistädten wie Rostock und Greifswald zahllose Anti-Rechts-Initiativen. Es ist wichtig, dass sie sichtbar sind.

Seit Kurzem gibt es sogar einen leichten Bevölkerungszuwachs. Eine Trendwende ist das nicht. Für viele ist das Risiko, sich womöglich eine sichere Existenz zu verbauen, noch immer zu hoch. Auch ich werde mein Heimatbundesland bis auf Weiteres bloß besuchen.

Nur manchmal, wenn sich der Zug nach Berlin füllt, verfluche ich das Gedränge und vermisse mein Zuhause. Da, wo kaum Menschen und reichlich Bäume sind. Hinfahren werde ich bestimmt wieder. Vielleicht irgendwann für länger.

Zur Autorin
Jeannette Corbeau
Annett Meiritz ist Politik-Redakteurin im Parlamentsbüro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Annett_Meiritz@spiegel.de

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Seite 1
geando 02.09.2016
1. Wie schwach
Weil Meck-Pomm ein hohes AfD-Wähler-Potenzial hat wird nun ein medialer Furor über dieses Bundesland entladen. Wie schwach.
lupenreinerdemokrat 02.09.2016
2. Ich weiß ja nicht....
.... ob die Autorin den nötigen Durchblick hat, warum viele Einwohner Mecklenburg-Vorpommern verlassen haben, aber zumindest ist sicher, dass dies nicht an der Wahlbeteiligung und dem Gedeihen von Populisten liegt ;-) MV gehört zu den Bundesländern mit der höchsten Arbeitslosenquote in Deutschland. Logisch, dass man, falls man nicht Rentner ist, sich in ein anderes Bundesland begeben muss, um Arbeit zu finden. Dass gerade in solchen Regionen die extremen politischen Parteien besonders hohen Zuspruch haben, ist ja nun wohl eine Binsenweisheit. Wenn ich aber zum Beispiel Köln als Vergleich nehme, dann würde ich sagen: MV ist das "passiv-aggressive Land", Köln ist die "aktiv-aggressive Stadt" (Silvesternacht, Pro-Erdogan-Demo usw). Da ist mir ein passiv-aggressives Land ehrlich gesagt lieber.
utfcmac 02.09.2016
3.
Nicht mehr lang, und es werden sich viele wieder in Richtung MV aufmachen. In westlichen Großstädten ist Hopfen und Malz verloren...
kaisergarten 02.09.2016
4. die Arme...
Ich werde meine Heimat nie vergessen und mich auch nicht ihretwegen schämen. Mecklenburg-Vorpommern erscheint mir nicht als Hölle (nein, nein, nicht meine Heimat) und wenn ich jemand von dort kennengelernt habe hat dieser kein "aber" im satz bedurft (und ich habe keines erwartet). Übrigens erwarte ich das auch nicht von Sachsen, Berlinern, Hamburgern und Pottlern. Es ist auch nicht schlimm, dass andere Menschen anders wählen oder denken als man selbst. Die Gründe dafür darf man sicher auch hinterfragen, aber machen Sie (liebe Autorin) es sich doch bitte nicht so einfach.
per.newgro 02.09.2016
5.
"Ich bin auch gegangen, wie viele meiner Generation, die pünktlich mit 18 Jahren ihre Sachen packten und woanders hin zogen." & "Aufwärts geht es nur langsam. Zu langsam, um mehr gut ausgebildete Leute davon zu überzeugen, sich ausgerechnet in Mecklenburg-Vorpommern eine Zukunft aufzubauen." Können Sie eventuell einen Zusammenhang sehen?
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