Mecklenburg-Vorpommern Rechtsextreme planen braunes Pfingstfestival

Dem Westen Mecklenburg-Vorpommerns droht ein braunes Pfingstfest. In einem kleinen Örtchen bei Schwerin wollen Hunderte Rechtsextreme ein Open-Air-Festival feiern. Motto der Veranstaltung mit einschlägig bekannten Nazi-Bands: "Wahlen und Musik".

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Hamburg - Es klingt nach Info-Ständen mit Sonnenschirmen in Parteifarben, Luftballons, Hüpfburg und leichter Jazz-Musik zu Bratwurst und Bier. "Wahlen und Musik" haben die Veranstalter als Motto in den behördlichen Anmeldebogen geschrieben. Doch was für das Pfingstwochenende im kleinen Gammelin-Bakendorf im Mecklenburger Landkreis Ludwigslust geplant ist, ist alles andere als eine friedliche Kundgebung knapp vier Monate vor der Landtagswahl.

Neonazis in Deutschland (hier bei einer NPD-Demo im Mai 2005 in Berlin): "Freier Eintritt für Polizisten in Uniform"
DDP

Neonazis in Deutschland (hier bei einer NPD-Demo im Mai 2005 in Berlin): "Freier Eintritt für Polizisten in Uniform"

Hinter dem harmlosen Titel verbirgt sich der Plan für ein großes Neonazi-Treffen. Jürgen Witt heißt der Mann, der auf rechtsextremen Internet-Seiten für Anfang Juni zum "nationalen Open-Air-Konzert mit gleichzeitigem Zeltlager" in seinen Heimatort einlädt. Witt tritt gegenüber der zuständigen Kreisordnungsbehörde des Landkreises Ludwigslust als offizieller Veranstalter auf, als Stellvertreter unterstützt ihn Klaus Bärthel, der für die NPD im Kreistag von Ludwigslust sitzt. Bis zu 500 Besucher erwarten die beiden nach Behördenangaben in dem Dorf, so viele wie die Gemeinde Gammelin-Bakendorf Einwohner zählt.

Witt ist in der Region als Rechtsextremist bekannt, gründete vor einigen Jahren im Städtchen Hagenow den Verein "Freie Deutsche". Im Februar 2001 meldete er unterstützt vom Hamburger Rechtsextremisten Christian Worch laut Landesverfassungsschutz eine "Großdemonstration des Nationalen Widerstandes" in Parchim an. Auch für ein Nazi-Open-Air zeichnete Witt bereits verantwortlich. Im Sommer 2002 löste die Polizei das Festival in Witts damaligem Wohnort Scharbow auf. Nun möchte er auch sein neues Zuhause Bakendorf mit Hassliedern beschallen. Im Internet verspricht Witt für den "musikalischen Teil" seiner Veranstaltung einschlägig bekannte Szene-Größen.

Allen voran die Berliner Skinhead-Band "Spreegeschwader". Mit Textzeilen wie "Kämpft für Euer Blut, Eures Volkes Fortbestand; vernichtet diesen Virus, der unser Volk befiel; die Reinheit zu wahren, das ist unser Ziel" schaffte es "Spreegeschwader" problemlos auf den Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, auf der Homepage der Band grüßen sich die Besucher gern mit "Heil Kameraden". Erst im April wurde ein illegales Konzert der Gruppe in Berlin-Lichtenberg von der Polizei abgebrochen.

"Nationale Redner"

Ebenfalls angekündigt: die Nazi-Rocker von "Words of Anger", die die Neonazi-Terrorgruppe "Combat 18" für eine "feine Sache" halten, wie eines der Bandmitglieder in einem Interview auf deren Website stolz kundtut, die in der Szene populäre hessische Band "HKL", kurz für "Hauptkampflinie", und "Kommando Ost" aus Thüringen - alles alte Bekannte des Verfassungsschutzes. Eine Liste der teilnehmenden Bands hat Witt der Schweriner Polizei vorgelegt, Auszüge aus den hetzerischen Song-Texten inklusive. Auch der Staatsschutz beim Landeskriminalamt ist über das geplante Konzert informiert und prüft das Programm.

Außer Musik gebe es auch einen politischen Teil, schreibt Veranstalter Witt weiter, "verschiedene nationale Redner" würden zum derzeit laufenden Wahlkampf Stellung beziehen. Wer wolle, könne auch selbst "ein paar Worte an alle richten oder singen". Bemüht provokant schließt Witt seine Online-Einladung: "Polizisten in Uniform oder Staatsschützer unter Vorlage ihres Dienstausweises haben freien Eintritt."

Wie der Organisator auf seinem Grundstück Hunderte Besucher unterbringen will, ist dem Mobilen Beratungsteam für demokratische Kultur in Schwerin schleierhaft. Das nicht besonders große Gelände liege mitten im Gammeliner Ortsteil Bakendorf und sei derzeit "ziemlich unaufgeräumt".

Die Bürger hoffen, dass sich die Veranstaltung noch verhindern lässt. Am Dienstagabend traf man sich, um über das drohende braune Pfingstfest zu beraten. Niemand will die Neonazis im Ort haben, soviel steht fest. Mit einem fettgedruckten "Nein" ist eine Erklärung der Einwohner überschrieben. Darin lehnen die Gammeliner und Bakendorfer das rechte Pfingsttreffen ab und distanzieren sich "von extremistischem und antidemokratischem Gedankengut".

Obwohl die Einladung bereits verbreitet wird, ist das Neonazi-Treffen noch nicht genehmigt. Nach Angaben der Kreisordnungsbehörde Ludwigslust ist Witt nach einem ersten Koordinierungsgespräch mit der Behörde und der Polizei für den kommenden Montag zur Anhörung geladen.



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