Medienberater Spreng: "Merkel plant eine Kampagne mit nationalen Untertönen"

CDU und SPD haben ihre ersten Plakate vorgestellt. Wirken sie? So nicht, meint der ehemalige Wahlkampfberater Michael Spreng. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über maue Minister, riskante Auftritte von Ex-Kanzlern - und Angela Merkels riskanten Flirt mit der Kernklientel der Union.

SPIEGEL ONLINE: Angela Merkel hat sich mit Helmut Kohl getroffen und das ausgiebig fotografieren lassen. Ein geschickter Wahlkampf-Schachzug der Kanzlerin?

Spreng: Sie glaubt offenbar, dass sie das nötig hat. Das Treffen war eine Botschaft an den harten Kern der Kernwähler, nach dem Motto: Ich stehe in der Tradition der CDU und der großen Politiker der Partei. Merkels Hauptproblem der letzten Monate war ja, dass es ihr zwar gelungen ist, durch die kulturelle Öffnung der CDU in Wählerschaften der SPD einzudringen. Aber ein Teil der Kernwählerschaft ist dabei auf der Strecke geblieben. Dieses Versäumnis will sie mit dem Kohl-Foto nachholen.

SPIEGEL ONLINE: Wird sich das auszahlen?

Spreng: Über den harten Kern der Kernwähler geht die Wirkung nicht hinaus. Im Gegenteil: Je mehr Menschen Wechselwähler sind, umso mehr können solche Bilder auch kontraproduktiv sein.

SPIEGEL ONLINE: Im Wahlkampf 2002 waren Sie Berater von Edmund Stoiber. Damals gaben Sie dem CSU-Politiker den Rat, auf keinen Fall Fotos mit Helmut Kohl zu machen.

Spreng: Da hat er sich auch dran gehalten. Den Rat habe ich vor dem Hintergrund der ganz frischen CDU-Spendenaffäre gegeben. An die Schlussphase der Ära Kohl hatten die Menschen auch keine positiven Erinnerungen.

SPIEGEL ONLINE: Und inzwischen hat sich die Lage geändert?

Spreng: Etwas, ja. Kohl wird nicht mehr so sehr mit der Schlussphase seiner Kanzlerschaft assoziiert, sonder eher mit der deutschen Einheit. Daran will Merkel anknüpfen, genauso wie an Konrad Adenauer, wenn sie im September ihre Reise mit dem Rheingold-Express von dessen Heimat Rhöndorf startet. Sie plant ja ohnehin eine Kampagne mit nationalen Untertönen - Schwarz-Rot-Gold, Einheit, Geschichte Deutschlands. Aber wie gesagt: Ich kann mir vorstellen, dass es auf Wechselwähler, etwa zwischen CDU und FDP, eher negativ als positiv wirkt.

SPIEGEL ONLINE: Auch SPD-Kanzlerkandidat Frank Walter Steinmeier könnte im Wahlkampf auf ein altes Zugpferd seiner Partei setzen: Gerhard Schröder. Sollte er das tun?

Spreng: Schröder steht heute für zweierlei: Für die Agenda 2010 und für Gazprom. Insofern würde ich Steinmeier dringend abraten, Auftritte und Fotos mit Schröder zu machen. Er ist zwar einer der besten Wahlkämpfer gewesen, aber heute kein positives Zugpferd für die SPD mehr.

SPIEGEL ONLINE: Die SPD hat heute ihre ersten Wahlplakate vorgestellt. Im Gegensatz zum aggressiven Europawahlkampf sind die jetzigen Bilder eher brav. Eine richtige Strategie?

Spreng: Das ist eine klassische Testimonial-Kampagne, wie sie oft in Wahlkämpfen gemacht wird: Sympathische Menschen bekennen sich zu den Hauptbotschaften einer Partei. Die Plakate sind zudem sehr textlastig, also nicht unbedingt für Autofahrer geeignet. Die Wirkung dürfte begrenzt sein. Die Bilder nutzen nicht viel, sie schaden auch nicht. Sie wirken sympathisch, aber nicht mobilisierend.

SPIEGEL ONLINE: Frank-Walter Steinmeier soll erst ab Ende August großflächig plakatiert werden. Ist das normal oder merkwürdig?

Spreng: Merkel wird auch erst in der Schlussphase plakatiert. Dann spitzt sich alles auf das Duell mit Steinmeier zu. Daran hält sich auch die SPD.

SPIEGEL ONLINE: Auch die CDU hat ihre Plakate vorgestellt. Sie setzt eher auf Porträts ihrer Minister als auf Themen.

Spreng: Auch diese Plakate werden nur begrenzt Wirkung entfalten. Da sind zwar einige populäre Leistungsträger dabei: Herr zu Guttenberg, oder Frau von der Leyen. Aber aus Gründen des innerparteilichen Proporzes und um der SPD keinen Einstieg für Vorwürfe zu geben, plakatiert die CDU alle ihre Minister - also auch die schlechten und unpopulären, wie Herrn Jung oder Frau Schavan. Das ist eher hinderlich für eine durchschlagende Kampagne…



SPIEGEL ONLINE:
… und wohl auch für die Mobilisierung.

Spreng: Natürlich. Entscheidend können die Schlussplakate in den letzten drei Wochen werden. Die sind möglicherweise mobilisierend. Aber die jetzigen Plakate sollen nur optisch signalisieren, dass auch die CDU nicht eingeschlafen ist.

SPIEGEL ONLINE: Frau Merkel dürfte jegliche harten Auseinandersetzungen im Wahlkampf meiden. Wird sie damit durchkommen?

Spreng: Das ist durchaus ein Problem. Nicht zu polarisieren, sondern sich als sachliche Kümmerin der Nation darzustellen ist ja ihre Strategie. Nicht umsonst hat sie in ihrer Partei den Spitznamen Mutti.

SPIEGEL ONLINE: Wo ist der Nachteil?

Spreng: Das kann erfolgreich sein, aber mobilisierend ist natürlich es nicht. Es rächt sich jetzt, dass sie keine bedeutenden Mitspieler hat, die auch mal eine Attacke reiten und polarisieren können. Von Herrn Pofalla und Herrn Kauder dürfte jedenfalls eine begrenzte Wirkung ausgehen. Diese Rolle müssten andere übernehmen, aber solche Stürmer gibt es in der CDU nicht mehr. Sie sind entweder weggebissen oder entmachtet worden. Merkel fehlt ein Heiner Geißler.

Das Interview führte Veit Medick

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insgesamt 15 Beiträge
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1. *
praise 12.08.2009
Merkel und ihr Wahlkampf sind zu brav. Sie wird - wie letztes Mal - den Wahlsieg auf den letzten Metern verspielen.
2. nationalen Untertönen
Berta 12.08.2009
Der Aufschwung ist angekommen. Ich habe mich für Frau Merkel geschämt. Schlimmer wie Honnecker Parolen. Frau Merkel verlassen sie bitte mal ihren Bunker.
3. Zustimmung
Winthor 12.08.2009
Zitat von praiseMerkel und ihr Wahlkampf sind zu brav. Sie wird - wie letztes Mal - den Wahlsieg auf den letzten Metern verspielen.
Ich stimme dir zu 100 % zu.
4. *
praise 12.08.2009
Zitat von BertaDer Aufschwung ist angekommen. Ich habe mich für Frau Merkel geschämt. Schlimmer wie Honnecker Parolen. Frau Merkel verlassen sie bitte mal ihren Bunker.
1. Sie brauchen sich für andere Menschen nicht schämen. 2. Der Vergleich Merkel - Honecker ist absolut daneben.
5. hät ich mir auch gewünscht, aber
debe 12.08.2009
Zitat von praiseSie wird - wie letztes Mal - den Wahlsieg auf den letzten Metern verspielen.
das hat selbst Schröder nur sehr kurze Zeit nach der Wahl 2005 vertreten und mußte sich schnell eines besseren belehren lassen. Also wie kommen Sie auf diesen Quatsch? Noch gar nicht mitbekommen, wer Kanzlerin ist?
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