Fragwürdige Erhebung Angeblich fürchten 58 Prozent der Deutschen den Islam

Ist der Islam eine Gefahr für Deutschland? Eine Umfrage im Auftrag der "Bild-"Zeitung legt nahe, dass die Mehrheit der Bürger genau das glaubt. Allerdings ist die Fragestellung problematisch.

Minarett einer Essener Moschee: Große Vorbehalte gegen den Islam
DPA

Minarett einer Essener Moschee: Große Vorbehalte gegen den Islam


Berlin - Die Pegida-Demonstranten behaupten, dass in Deutschland bald die Scharia gelten könnte, würden sie sich nicht gegen diese angebliche Islamisierung stellen. Diese Stimmung hat nun eine Befragung, die die "Bild"-Zeitung in Auftrag gegeben hatte, aufgenommen. Drei von fünf Befragten (58 Prozent) stimmten in der Erhebung des Insa-Instituts der Aussage "Ich habe Angst vor dem zunehmenden Einfluss des Islam in Deutschland" zu, wie die "Bild"-Zeitung als Auftraggeberin mitteilt. Die Sorge teilten auch 45,7 Prozent der 243 Befragten mit ausländischen Wurzeln. 28 Prozent der insgesamt 2017 Befragten bekundeten, keine Angst zu haben.

Diese Zahlen sind erstaunlich hoch - allerdings scheint es, als wollten die Befrager auch ein ganz bestimmtes Ergebnis erreichen. Denn bereits die Aussage, die die Befragten beantworten sollten, stellt es als Faktum dar, dass der Einfluss des Islam in Deutschland wächst.

Auch eine weitere Aussage der Befragung ist umständlich gestellt - und hätte positiv gestellt womöglich ein anderes Ergebnis gehabt. So lehnten 56 der Befragten die Aussage "Der Islam ist keine Gefahr für Deutschland" ab. 26 Prozent teilten sie. Die Frage nach der Bereitschaft, sich an "Demonstrationen gegen die Islamisierung Deutschlands" - wie sie die umstrittene Pegida-Bewegung organisiert - zu beteiligen, verneinten allerdings 54 Prozent, lediglich 27 Prozent erklärten sich dazu bereit.

Eine repräsentative Studie vom Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung hatte vor wenigen Tagen ein anderes Bild ergeben - aber ebenfalls Vorbehalte gegen Muslime ausgedrückt. In dieser Befragung stimmten zum Beispiel 27 Prozent der Befragten der Aussage zu, Muslime seien aggressiver als sie selber. 30 Prozent glauben, dass Muslime weniger bildungsorientiert seien. Muslimisch und deutsch würden oft als Gegenkategorien wahrgenommen und "Muslime aus dem 'deutschen Wir' herausdefiniert", heißt es in der Untersuchung.

Die Mehrheit der Deutschen allerdings hält es dieser älteren Umfrage zufolge für vollkommen in Ordnung und normal, wenn muslimische Bürger Forderungen in Deutschland stellen. Nur 20 Prozent finden, das sei das ein Zeichen von Unverschämtheit. 17 Prozent sehen es als Zeichen von Undankbarkeit, wenn Muslime Ansprüche geltend machen.

Die Studie des Berliner Instituts offenbarte auch große Wissenslücken und falsche Annahmen in der Bevölkerung - eine mögliche Erklärung für die hohen Werte derer, die Angst vor dem Islam haben in der neuen Befragung. So haben 70 Prozent der Befragten die Zahl der in Deutschland lebenden Muslime höher eingeschätzt als sie tatsächlich ist. Knapp ein Viertel glauben sogar, dass mehr als 21 Prozent der Bevölkerung in Deutschland Muslime seien - in Wirklichkeit sind es rund fünf Prozent.

anr/dpa

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