Meinhof-Tochter Anzeige gegen Fischer wegen Mordversuchs

Eine Frau jagt den Außenminister: Jetzt will Bettina Röhl, die Tochter der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof, Joschka Fischer wegen versuchten Mordes anzeigen. Mit der Jagd auf Fischer arbeitet sie ihre eigene Familiengeschichte auf.

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Berlin - Es gibt keine Beweise, aber Bettina Röhl. Und einen 27-seitigen Brief. Den schrieb die Tochter der Terroristin Ulrike Meinhof am Montag an Bundespräsident Johannes Rau. In dem Brief kündigt die selbsternannte Anklägerin an, Joschka Fischer wegen versuchten Mordes anzuzeigen. "Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf zu erfahren, dass ich Strafanzeige erstatte", schreibt Röhl an Rau.

Die Mordanzeige ist der neueste Zug der 38-Jährigen im Kampf gegen den Bundesaußenminister. Vergangene Woche hatte sie die Diskussion um die militante Vergangenheit Fischers mit der Veröffentlichung einer Serie von Fotos ausgelöst. Sie zeigen, wie Fischer am 7. April 1973 in Leder und mit Motorradhelm bewehrt auf einen Polizisten einschlägt.

Drei Jahre später, am 10. Mai 1976, zogen militante Linksradikale durch die Innenstadt von Frankfurt am Main. Sie protestierten wegen des Todes der RAF-Frau Ulrike Meinhof und warfen der Polizei Mord vor. Tatsächlich hatte sich Meinhof selbst umgebracht. Die Demonstranten lieferten sich eine Straßenschlacht mit der Polizei. Ein Molotowcocktail traf den Polizisten Jürgen Weber, fügte ihm schwere Verletzungen zu.

Röhl: "Fischer war die Führungsfigur"

Ein Auszug aus dem Schreiben von Bettina Röhl an den Bundespräsidenten

Ein Auszug aus dem Schreiben von Bettina Röhl an den Bundespräsidenten

Zu dem Einsatz mit "Mollis" soll Fischer am Vorabend aufgerufen haben, behauptet nun Bettina Röhl. Der heutige Außenminister bestreitet das. "Ich habe aus allem mir Bekannten den Schluss gezogen, dass Josef Martin Fischer die Führungsfigur schlechthin in der Gewaltgruppe war und auch parallel agierende Gewaltgruppen de facto mitstrukturierte", schreibt Röhl. Für sie gebe es keinen Zweifel daran, dass es einen Anfangsverdacht wegen versuchten Mordes gegen Fischer gebe.

"Fischer hatte das fragwürdige Glück, lediglich dabei fotografiert worden zu sein, als er einem fallenden Polizisten ins Rückgrat schlug", schreibt Röhl in ihrem Brief an den Bundespräsidenten und deutet an, sie kenne noch weitere Details aus Fischers Vergangenheit, über die sie aber noch nichts sagen wolle. Beweise hat Röhl bis heute nicht vorgelegt.

Röhl fühlt sich von Kommunisten umzingelt

Eine weitere Passage aus dem Schreiben

Eine weitere Passage aus dem Schreiben

So wirkt ihre Jagd auf Fischer wie die Aufarbeitung ihrer eigenen Familiengeschichte. Wegen ihrer Kindheit unter der RAF-Frau Meinhof hasst sie alles, was links ist, fühlt sich von Kommunisten umzingelt. Sogar die Springer-Presse bezeichnet sie als linksorientiert.

Nicht die Glaubwürdigkeit des Außenministers sinkt, sondern ihre eigene. "Frau Röhl ist unseriös", sagt Grünen-Geschäftsführer Reinhard Bütikofer. "Wir als Grüne Partei stehen zu Joschka Fischer", sagt der Vorsitzende Fritz Kuhn. Fischer sei ein guter Außenminister.

Teil 3 des Briefes an Rau

Teil 3 des Briefes an Rau

Die Veröffentlichung der Fotos könnte sich jetzt gegen Röhl wenden. Sie war es, die die Fotos des prügelnden Joschka Fischer auf den Medienmarkt brachte. Eine fünfstellige Summe kassierte sie dafür vom Magazin "Stern". Dabei gehören die Fotos nicht ihr, sondern dem Frankfurter Fotografen Lutz Kleinhans, der die Bilder selbst gemacht hat. Auch den Film, der Fischer bei der Prügelei mit einem Polizisten zeigt, gehört entgegen Röhls Behauptungen nicht ihr: Sie hatte ihn aus dem Archiv der Tagesschau ausgeliehen und zum Verkauf angeboten.

So könnte die Journalistin bald selbst vor Gericht stehen: wegen Verstoßes gegen das Urheberrecht.



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