Meinungsfreiheit Achtung, Sie verlassen den öffentlich kontrollierten Sektor!

Wo endet Meinungsfreiheit? Bei einem "Focus"-Redakteur, der als zu rechts gilt, um ihn auftreten zu lassen? Oder einer Punkband, die so politisch korrekt ist, dass die Kartoffeln geschält aus dem Keller laufen?

Punkband Feine Sahne Fischfilet
DPA

Punkband Feine Sahne Fischfilet

Eine Kolumne von


Es gibt viele Gründe, Feine Sahne Fischfilet für eine Strafe Gottes zu halten. Das beginnt mit dem Bandnamen, der wahrscheinlich so etwas wie selbstironische Unverfälschtheit signalisieren soll, tatsächlich aber, was den Ironie-Level angeht, nicht mal Bommerlunder-Niveau erreicht.

Es gibt den Frontmann Jan Gorkow, genannt "Monchi", den sie im Feuilleton wegen seiner vorbildlichen antifaschistischen Haltung so sehr herzen, dass ihm trotz seiner drei Zentner die Puste auszugehen droht. Da ist überhaupt dieser ganze ostdeutsche Links-Proll, der aus jedem Auftritt und jeder Zeile spricht, und der einem als "Punk" verkauft wird, weil das besser klingt. Ich würde ja immer meinen, es ist etwas faul, wenn Punkgrößen mit Kosenamen bedacht werden, aber was verstehe ich schon von Punk.

Wenn sich Künstler politisch äußern, geht das meist zulasten der Kunst. Bei Pianisten fällt das nicht so auf. Da sind die Noten vorgegeben. Bach und Mozart interessiert es nicht, was der Interpret auf Twitter an Herzensergießungen postet. Leider heißen Monchi und seine Kumpels nicht Levit sondern Irrgang oder Ney - sie verstehen auch nichts von Bach und Mozart, weshalb sie uns mit Reimen heimsuchen, die so quietschen, dass die Kartoffeln freiwillig geschält aus dem Keller gelaufen kommen, wie der große Dieter Bohlen sagen würde.

Die Bauhaus-Stiftung in Dessau hat dummerweise den schlechtesten aller Gründe gefunden, Feine Sahne Fischfilet nicht auftreten zu lassen. Vergangene Woche hat die Stiftungsleitung ein Konzert abgesagt, weil im Internet ein paar Nazis ihr Missfallen über den Auftritt geäußert hatten.

Man befürchte Demonstrationen vor der eigenen Tür, hieß es in einer Mitteilung. Das ist nun allerdings ein Argument, mit dem sich sogar der Auftritt eines notentreuen Pianisten wie Igor Levit verhindern ließe. Es müssen nur ein paar Verrückte auf die Idee kommen, im Netz Protest anzukündigen, und schon wäre das Bauhaus gezwungen, seinen Saal zu verrammeln.

Ich bin für weitgehende Meinungsfreiheit, ich war das immer. Ich bin dafür, dass es ein Recht auf die ungehinderte Verbreitung von politischem Unsinn sowie schlechter Kunst gibt, womit Feine Sahne Fischfilet gleich doppelt unter Schutz stünde. Ich bin sogar dafür, dass Menschen zweifelhafte Witze machen dürfen. Das Aussterben des Polenwitzes seit dem TV-Abgang von Harald Schmidt empfinde ich als Verlust. Wer traut sich denn heute noch, sich über andere Volksgruppen lustig zu machen? Die einzige Grenze, die ich akzeptiere, ist die, die das Gesetz zieht.

Meinungsfreiheit heißt nicht, dass jeder überall auftreten können muss - um diesem Missverständnis gleich entgegenzutreten. Ein privater Veranstalter ist frei, sich die Leute auszusuchen, die ihm passend erscheinen. Auch politische Erwägungen müssen eine Rolle spielen dürfen.

Wenn ich eine Demonstration gegen Hass zu organisieren hätte, würde ich zum Beispiel dafür Sorge tragen, dass nicht Gruppen mitlaufen, die Politiker wie Angela Merkel und Horst Seehofer als "Schweine" bezeichnen oder von der Bühne eine Vernichtung Israels herbeiwünschen. Problematisch wird es, wenn Veranstalter unter Druck gesetzt werden, bereits gemachte Zusagen zurückzuziehen. Das ist der Punkt, wo die Freiheit endet.

ANZEIGE
Jan Fleischhauer:
Unter Linken

Von einem, der aus Versehen konservativ wurde.

Rowohlt; 384 Seiten; 9,99 Euro.

Bevor jetzt alle Freunde links der Mitte sagen: "Was ist bloß in den Fleischhauer gefahren? 100 Prozent Zustimmung. Das mit der Absage der Bauhaus-Stiftung ist wirklich unmöglich", ein Wort der Warnung. Freiheit ist unteilbar. Das heißt, man kann sie nicht nach Opportunität gewähren. Das wäre dann nämlich keine Meinungsfreiheit mehr, sondern Meinungsfreiheitszuteilung.

In dem Zusammenhang deshalb der Hinweis auf eine Geschichte, die vergleichsweise klein wirkt, aber ebenfalls nicht unbedeutend ist. Ein Bekannter von mir, der "Focus"-Redakteur Alexander Wendt, hat in diesen Tagen ein Buch vorgelegt, in dem er für eine andere Drogenpolitik plädiert. Es heißt "Kristall" und will dem "Microdosing" einen Weg bahnen. So heißt der aus den USA importierte Trend, sich so geringe Mengen harter Drogen zuzuführen, dass nur die positiven Effekte übrig bleiben. Ich habe einen Blick hineingeworfen, das Buch liest sich gut. Ich bin allerdings extrem skeptisch, was die These angeht. Mir scheint das ein Projekt, das eher zu den Grünen passt.

Das Buch sollte in einer bekannten Buchhandlung in Berlin-Mitte vorgestellt werden. Die Einladungen waren schon versandt, da erreichte den Autor die Nachricht, dass man von der Buchpremiere leider zurücktreten müsse. Man sei darauf aufmerksam gemacht worden, dass er, Wendt, einer der Initiatoren der "Erklärung 2018" sei. Für alle, die das nicht mehr in Erinnerung haben: Das war der Aufruf, mit dem eine Reihe von Intellektuellen im März eine Unterschriftenaktion gegen die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin lancierte.

Auch hier gilt: Not my cup of tea. Weder fühle ich mich von Flüchtlingen bedroht, noch glaube ich an die Unterschriftenliste als politisches Mittel. Was mich hingegen besorgt, ist die Eilfertigkeit, mit der einem Autor ein vereinbarter Auftritt aufgekündigt wird.

Das Ganze wiederholte sich, als die Agentur, die Wendt betreut, einen Ausweichort gefunden hatte. Dieses Mal dauerte es nur ein paar Tage, bis die Veranstaltung gecancelt wurde. Es ist nicht klar, ob es Druck von außen gab, aber das liegt nahe. Buchhändler ist ein Beruf nahe am Existenzminimum, da kann man es sich nicht mit seinem Publikum verscherzen.

Die Berliner Buchhandlung Topics musste vor einem Jahr ihre Türen schießen, weil die Betreiber es gewagt hatten, eine Lesung zu einem Vordenker der Alt-Right-Bewegung zu organisieren. Das reichte einem Teil der Szene, um so lange gegen den Laden zu mobilisieren, bis er in die Insolvenz getrieben war.

Beide Vorgänge, der in Dessau und der in Berlin, zeigen aus meiner Sicht, was für ein empfindliches Gut die Meinungsfreiheit ist. Und dass die Feigheit der erste Schritt auf dem Weg in die Unfreiheit ist.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Der schwarze Kanal


insgesamt 205 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
petruz 25.10.2018
1. unsinn
wieso genau ist antifaschismus "politischer unsinn"?
derhatschongelb 25.10.2018
2. Mag ja alles sein....
....viel schlimmer finde ich das Bedürfnis von so vielen Menschen, zu allem und jeden eine Meinung zu HABEN. Wer leistest sich denn noch die Freiheit, zu sagen: Tja, also Stuttgart 21, das interessiert mich eigentlich nicht so sehr....BER....Elbphilharmonie teurer....Müssen wir immer unseren Senf zu allem dazu geben? Ich finde nicht, und darin besteht die wahre Freiheit!!!
felisconcolor 25.10.2018
3. You
left me speechless. Werter Herr Fleischhauer auch wenn ich manch anderer ihrer Meinungen nicht so wirklich teilen mochte (ich aber auch mein Leben dafür geben würde das sie diese äussern dürfen) In diesem Kommentar haben sie mitten ins schwarze getroffen (habe schwarz extra klein geschrieben damit es nicht missverstanden wird). Es gibt einen Paragraphen in der deutschen Gesetzgebung der birngt das ganze sogar noch etwas kürzer auf den Punkt. §1 StVO. Ersetze die Worte Strassenverkehr und Verkehr durch das Wort Gesellschaft und es sagt alles was unsere Gesellschaft ausmachen sollte.
paysdoufs 25.10.2018
4. Ich
Ziehe meinen Hut vor Herrn Fleischhauer. Diese Kolumne is m.E. ganz großes Kino. Schade dass man wahrscheinlich trotzdem die Uhr danach stellen kann wann die ersten Forumisten das Gesagte als „rechte Hetze“ brandmarken werden. Einfach weil der Absender nicht gefällt...
NikolausStruck 25.10.2018
5.
"Ein privater Veranstalter ist frei, sich die Leute auszusuchen, die ihm passend erscheinen. Auch politische Erwägungen müssen eine Rolle spielen dürfen." So geschehen in dem geschilderten Fall. Eine Zusage heisst nicht, dass man seine Meinung nicht ändern darf - auch das ist Meinungsfreiheit, Herr Fleischhauer. Und ja: Leuten, die vorsätzlich unsere Demokratie gefährden, muss man keine Bühne bieten - das Maul aufreissen dürfen sie ja trotzdem.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.