Meinungsvielfalt National befreite Zone

Die einen freuen sich, dass in ihrem Wahlbezirk niemand AfD gewählt hat. Die anderen wollen keine Ausländer in ihrem Viertel. Ob links oder rechts: Man will am liebsten unter sich bleiben - in der geschlossenen Abteilung.

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Eine Kolumne von


Ein Kollege hat nach der Wahl in Berlin mehrere Tweets erhalten, in denen Leute schrieben, wie stolz sie darauf seien, dass in ihrem Viertel niemand AfD gewählt habe. Der Kollege wählt seit Jahren verlässlich Rot oder Grün. Dennoch hat er sich geärgert. Er konnte im ersten Moment nicht genau sagen, was ihn an den Tweets gestört hatte, bis er darauf kam, dass sie ihn an das Bekenntnis von Leuten erinnerten, die ständig sagen, wie stolz sie darauf sind, Deutsche zu sein. Wie kann man auf etwas stolz sein, fragte er, zu dem man mutmaßlich nicht das Geringste beigetragen hat?

Ich hatte noch einen anderen Gedanken. Als er mir von seinem Ärger erzählte, musste ich an den Stolz denken, mit dem rechte Hohlköpfe gern verkünden, dass in ihrem Viertel keine Ausländer leben. National befreite Zone nennen sie das im Osten. Es gibt jetzt auch AfD-freie Zonen, wie man sieht. Manche Leute sind stolz darauf, dass niemand, den sie kennen, einen fremden Pass oder Namen hat. Andere brüsten sich eben damit, keine Leute in ihrer Umgebung zu dulden, die eine andere politische Meinung vertreten als sie selber.

Es heißt immer, das Land sei so polarisiert wie seit Langem nicht mehr. Manche fühlen sich an die Siebzigerjahre erinnert, als die Republik wegen des RAF-Terrors kopfstand, andere sehen die Weimarer Jahre zurückkommen. Aber die Polarisierung führt zu keiner Debatte, jedenfalls zu keiner, die einen zwingt, die Position des Zuschauers aufzugeben. Der einzige Ort, an dem Leute mit unterschiedlicher Meinung aufeinandertreffen, ist die Talkshow. Selbst das ist manchen schon zu viel, wie man an der Klage sehen kann, Leute wie Frauke Petry seien im Fernsehen überrepräsentiert.

Die Wahrheit ist: Die meisten Menschen bleiben am liebsten unter sich. Die Idee der durchmischten Gesellschaft findet auch links der Mitte nur so lange Anhänger, wie sie niemanden einschließt, der die Dinge, die einem wichtig sind, ganz anders sieht und das auch noch sagt. Man kann das sehr schön in einem Viertel wie Kreuzberg beobachten, das als das Epizentrum des Multikulti gilt.

Auf der anderen Seite ist es auch nicht anders

Solange sich die Leute politisch unauffällig verhalten, ist alles okay. Viele Türken, die hier leben, interessieren sich nicht für Politik, oder jedenfalls äußern sie sich nicht dazu - und von den Frauen in ihren langen, schwarzen Mänteln erwartet man ohnehin keine Meinung. Aber versuchen Sie mal, am Kottbusser Tor oder am Paul-Lincke-Ufer einen AfD-Stand aufzubauen: Ich garantiere, das geht keine fünf Minuten gut. Schon ein CDU-Tisch gilt hier als Provokation.

Man wirft den Leuten, die so gerne "Lügenpresse" brüllen, vor, dass sie nur das lesen wollen, was ihnen in den Kram passt. An dem Vorwurf ist etwas dran. Ich habe noch nie gehört, dass sich jemand über die Lügenpresse beschwert hätte, weil er dort etwas beschrieben fand, was sich mit seiner Meinung deckte. Mein Eindruck ist nur, das ist auf der anderen Seite nicht so viel anders.

Hier liest man eben seine Kommentare zum Rechtsruck in Deutschland, sieht zur Erheiterung die "Anstalt" und findet es unfassbar komisch, wenn der "Stern"-Kolumnist Micky Beisenherz den CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer als "Wurmfortsatz" und "Darmzotte" des bayerischen Landesvaters bezeichnet. Beisenherz ist so etwas wie der Andi Scheuer von links: Warum elegant, wenn es auch derb geht? Nichts bekämpft man bekanntlich so sehr wie das, worin man sich insgeheim wiedererkennt.

Mich macht es wahnsinnig, wenn alle der gleichen Meinung sind. Ich kann mir nichts Langweiligeres vorstellen als ein Abendessen mit Leuten, die das nachbeten, was man andernorts schon tausend Mal gehört hat. Meine Meinung habe ich selbst, die brauche ich doch nicht noch endlos reproduziert sehen. Ich lese zum Beispiel regelmäßig die "taz", dann kommt die "Süddeutsche" an die Reihe.

Manche werden jetzt sagen, dass ich Masochist bin. Ich verbuche meine Morgenlektüre eher unter Feindbeobachtung. Ich will wissen, was in dem Teil der Welt vorgeht, zu dem ich politisch den Anschluss verloren habe. Außerdem brauche ich die "Süddeutsche", um auf Touren zu kommen. Es ist ein großes Missverständnis, dass es schlecht für die Gesundheit sei, wenn man sich aufregt. Stress ist gut, wie man aus medizinischen Studien weiß: Es muss nur der richtige sein.

Raus aus der Filterblase

Man kann die Selbstabschottung immer weiter treiben. Der Zeitungsleser läuft noch Gefahr, hin und wieder auf einen Artikel zu stoßen, der seiner Meinung entgegensteht. Wer seine Nachrichten über die sogenannten sozialen Netzwerke bezieht, erfährt lediglich immer mehr vom Gleichen. Er denkt, er sieht die Welt. Tatsächlich sieht er nur die Spiegelwelt, die der Algorithmus aufgrund seiner Vorlieben und Abneigungen erschaffen hat. Die Fachleute sprechen von einer "Filterblase", aber der Ausdruck ist eigentlich zu harmlos. "Geschlossene Abteilung" wäre zutreffender.

Ich habe neulich ein Experiment gemacht und mich bei Facebook unter einem Pseudonym angemeldet. Ich musste mich nur mit ein paar Leuten aus dem Pegida-Umfeld befreunden, und schon nach kurzer Zeit lebte ich in einem Land, in dem Muslime jeden Tag die unglaublichsten Dinge anstellen.

Man kann den Leuten, die sich ihre Weltsicht auf den sozialen Plattformen bilden, nicht einmal vorwerfen, dass sie glauben, die Mainstreampresse würde die Wahrheit verschweigen. Wer die Zeitung aufschlägt und dort nicht eine der Geschichten entdeckt, die ihm den Schlaf rauben, muss zu dem Schluss gelangen, dass er nach Strich und Faden belogen wird.

Lutz Bachmann will nach Teneriffa ziehen. Der frühere NPD-Chef Holger Apfel verbringt jetzt seine Tage auf Mallorca. Was für den Linken Kreuzberg, das ist dem Rechten die spanische Urlaubsinsel, wo im Restaurant noch ungeniert "deutsches Essen" angeboten wird. Und am Abend singt Jürgen Drews.

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Kolumne - Der schwarze Kanal


insgesamt 197 Beiträge
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Seite 1
magicveloce 26.09.2016
1. Unsinn
Als ob nur AfD -Wähler eine andere Meinung haben. Ich wähle grün, habe aber nichts gegen doppelt so viele CDU -Wähler in meinem Viertel. Gegen Menschen, die sich vom demokratischen Spektrum entfernen, habe ich aber eine ganze Menge und bin deshalb froh, wenn in meinem Umfeld niemand AfD wählt.
jojack 26.09.2016
2. Grund für Trumps Erfolg
Ich behaupte mal, Donald Trump ist nicht so sehr deswegen erfolgreich, weil er eine Mauer bauen und Muslime rauswerfen will. Dazu ändert er sowieso täglich seine Meinung. Das Rezept für seinen Erfolg ist sein "ist mir egal" gegenüber dem linksautoritären Dogma politischer Korrektheit, das in immer neue Lebensbereiche vordringt.
kroschwald 26.09.2016
3. Danke
selbst auf die Gefahr hin, wie Sie beschrieben haben, andere Meinungen auszublenden. Mir gefällt es, gute, konservative Kolumnen zu lesen.
Europa! 26.09.2016
4. Merkwürdig
Welcher Instinkt hat mich zu diesem Beitrag geführt? Die Schlagzeilenliste von SPON ist wie eine Wundertüte: Man weiß nie genau, was man erwischt. Das macht sie irgendwie interessant. Trotzdem stoße ich immer wieder auf Fleischhauer. Und finde ihn großartig.
moledehaar 26.09.2016
5. Lieber Herr Fleischhauer
Was wollen Sie uns mit diesem Artikel mitteilen? Es erschließt sich nicht. Sie, sonst doch eher als Realist anzusehen, schreibt doch eigentlich recht sachlich und einigermaßen offen. Was Sie nun zu diesem Artikel getrieben? Druck von Oben oder von Kollegen? Schade eigentlich und ich hoffe sehr, dass Sie zu Ihrer Ehrlichkeit , Darstellung der Realität und Wahrheit zurückfinden. Schon Henry Ford sagte: "Ein Flugzeug startet gegen den Wind"
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