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Menschenkette in Schwaben: "Fukushima ist überall!"

Von , Stuttgart

Die Atomkatastrophe in Japan wird für Ministerpräsident Mappus zur Gefahr: Im Wahlkampf in Baden-Württemberg ging es bislang um Stuttgart 21 und Bildung - jetzt könnte die Kernkraft alle anderen Themen verdrängen. Zigtausende demonstrierten mit einer Menschenkette gegen die Regierung.

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Jetzt haken sie sich unter, die Kameras blitzen, grüne und rote Fahnen flattern im Frühlingswind. Die Sonne scheint über dem Schlossplatz in Stuttgart, aber Nils Schmid und Winfried Kretschmann, die Spitzenkandidaten von SPD und Grüne, lächeln nicht. Mit ernster Miene sprechen sie in die Mikrofone. "Es gibt Dinge, die kann man nicht voraussehen", sagt Schmid, grauer Anzug, rote Krawatte, "aber es geht hier in erster Linie darum, den Menschen in Japan unser Mitgefühl zu zeigen." "Ich kann nur einen geordneten Rückzug empfehlen", ergänzt Kretschmann, grauer Anzug, grüner Anstecker, "die Atomkraft ist eine klare Sackgasse."

Es ist Wahlkampf in Baden-Württemberg. Für eine "Richtungswahl", wie CDU-Ministerpräsident Stefan Mappus in der vergangenen Woche erklärte. Und in Japan explodiert vor den multimedialen Augen der Weltöffentlichkeit ein Atomkraftwerk.

Seit Wochen war die Anti-Atom-Kette an diesem Samstag geplant. 40.000 Menschen hatten sich für die Aktion vorgemerkt, am Ende kamen laut Veranstaltern rund 60.000 zusammen. Noch in der Nacht, als die verheerenden Folgen des Erdbebens in Japan sichtbar wurden, hätten sich Tausende per E-Mail nachgemeldet. Sie alle bildeten eine rund 45 Kilometer lange Menschenkette zwischen dem Atomkraftwerk Neckarwestheim und der Villa Reitzenstein, dem Sitz der schwarz-gelben Landesregierung in Stuttgart.

"Ned schwätza - abschalda", steht auf einem großen weißen Transparenz. An diesem Samstag hat die Realität alle Plakatparolen überholt. "Ich wäre auch ohne den Wahltermin oder die Ereignisse in Japan zu dieser Demo gekommen", erklärt Roland Bartel, 43, aus Vaihingen, "aber jetzt war es mir wichtiger denn je." Der Geologe, einen dicken Rucksack auf dem Rücken, ist mit seiner Frau und vier Kindern auf den Schlossplatz gekommen, am Kinderwagen hüpfen grüne Luftballons. Seine Schwester, zu Besuch aus Göttingen, hat eine gelbe Anti-AKW-Binde auf ihren blauen Fleecepulli geklebt. "Ich denke, die Chance, dass sich hier im Land politisch etwas ändert", so Bartel, "ist so hoch wie nie zuvor."

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Menschenkette gegen Kernkraft: "Ungeahnte Aktualität"
"Fukushima ist überall!"

Seit 57 Jahren wird das Land von der CDU regiert, doch seit Wochen liefern sich im Ländle nun Rot-Grün und Schwarz-Gelb in Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Nach der jüngsten Forsa-Prognose liegt Rot-Grün bereits einen Prozentpunkt vor dem Regierungsbündnis aus FDP und CDU.

Doch das war vor dem Erdbeben in Japan, bevor über dem Atommeiler in Fukushima graue Dampfwolken aufstiegen.

Bis vor wenigen Tagen galt die größte Sorge der Südwest-CDU noch der Frage, ob der Rücktritt von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg negative Auswirkungen auf die Landtagswahl haben würde. Heute erklärte Generalsekretär Thomas Strobl: "Es darf keinen Wahlkampf auf dem Rücken der Opfer dieser Katastrophe geben. Das geht gar nicht. Punkt."

"Fukushima ist überall!", steht auf dem handgemalten Plakat, das Susanne Bouché an der Spitze ihres lilafarbenen Regenschirms befestigt hat. "Das ist mein Multifunktionsschirm, ich habe heute aus aktuellem Anlass das Anti-Stuttgart-21-Schild überklebt", erklärt die pensionierte Gymnasiallehrerin aus Stuttgart-Sillenbuch. Die Dame mit den grauen Locken hat sich eine große Anti-Atomkraft-Flagge um die Schultern drapiert, sie trägt Sonnenbrille und feine Ohrstecker. Bundesumweltminister Röttgen, fordert sie, "soll nicht beten, sondern handeln".

20 Prozent der Wahlberechtigten noch "generell unentschlossen"

Einige Meter weiter verschnauft das Ehepaar Grauer aus Esslingen auf einer Parkbank, "wir haben uns im Sitzen an der Kette beteiligt", sagen die beiden. Ihr Sohn, mit einer Japanerin verheiratet, lebe nicht unweit des Atomkraftwerks Fukushima, erzählen die beiden. "Heute Nacht haben wir noch telefoniert - alle dort haben natürlich große Angst", erzählt Ruth Grauer, 73. "Die Politik muss endlich umdenken", fordert die Rentnerin, die vor der Demo mit ihrem Mann noch einen Abstecher zur Holbein-Ausstellung in der Staatsgalerie gemacht hat. "Es ist wichtig, hier ein Zeichen zu setzen."

Den Umfrageinstituten zufolge sind 20 Prozent aller befragten Baden-Württemberger noch zwei Wochen vor der Landtagswahl am 27. März "generell unentschlossen", wen sie wählen sollen. Bislang standen in der Landeshauptstadt die Themen Bildung, Länderfinanzausgleich und Stuttgart 21 ganz oben auf der Wahlkampf-Agenda. Doch jetzt könnte das Thema Atomkraft alle anderen verdrängen.

Das Wahlvolk, das sich an diesem Samstag auf dem Stuttgarter Schlossplatz versammelt hat, ist politisch eindeutig links zu verorten. Aber optisch könnte es kaum bunter sein: herausgeputze Werber mit dicker Hornbrille und Cordjacket, Studenten mit Rastalocken, alte Damen mit Pelzweste, junge Mütter mit Sonnenblume am Edel-Kinderwagen. Dazwischen steht Familie Riethmüller aus Leonberg.

"Es ist schrecklich, dass es ein solches Ereignis braucht, damit die Leute aufwachen", sagt Svendy Riethmüller, 33, "aber besser spät als nie." Die Familie ist nach dem Streit um Stuttgart 21 schon demonstrationserprobt, wie offensichtlich viele Besucher hier. Mit drei Fingerchen zeigt die kleine Tochter ihr Alter an, und wer sie fragt, ob auch sie schon einmal bei einer Demonstration dabei war, dem flüstert die Kleine im blauen Sternen-Pulli schüchtern und aufgeregt entgegen: "Mappus weg. Abschalten!"

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insgesamt 134 Beiträge
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1. Ha, ha, ha...
doc 123 12.03.2011
Nicht Stuttgart 21, nicht weggespritzte Schüler und Rentner, nicht die Außerkraftsetzung des Parlaments, nicht die desavourierendenden Äußerungen gegenüber dem Stuttgarter OB, sondern JAPAN wird ein Problem für Mappus... So gehts natürlich auch!
2. 4,5 auf der Richterskala
kaksonen 12.03.2011
Ja, ich habe in Schwaben auch schon mal ein Erdbeben erlebt! Die Stärke betrug 4,5 auf der Richterskala!
3.
Thomas Kossatz 12.03.2011
Zitat von sysopDie Atom-Katastrophe in Japan wird für Ministerpräsident Mappus zur Gefahr: Im Wahlkampf in Baden-Württemberg ging es bislang um Stuttgart 21 und Bildung - jetzt könnte das Thema Kernkraft alle anderen verdrängen. Zigtausende demonstrierten mit einer Menschenkette gegen die Regierung. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,750598,00.html
Es hätte mich auch sehr gewundert, wenn bestimmte Kreise nicht versuchen würden, den Geiern gleich Kapital aus einer Naturkatastrophe ohne gleichen zu ziehen. Dass der Unfall über lokale Bedeutung nicht herausreicht, bleibt aussen vor. Es sind die gleichen, die da demonstrieren, die noch vor 3 Tagen wisenschaftliche Redlichkeit forderten und den Rücktritt eines Ministers. Was wahr ist, bestimmt das Wahlziel.
4. ...
s.s.t. 12.03.2011
Mein Strom kommt aus der Steckdose und dabei bleibt es gefälligst, BASTA.
5. Kommentar
Zephira 12.03.2011
Die Leichen waren noch nicht einmal kalt, da wurde schon politisches Kapital aus der Katastrophe geschlagen...
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