Menschenrechte "Wir nehmen unseren Glauben nicht ernst genug"

In vielen Ländern werden Christen unterdrückt oder müssen sogar um ihr Leben fürchten. Bei einem Diskussionsforum analysierte die Unionsfraktion die Gründe für die Menschenrechtsverletzungen: Es mangele am Bekenntnis zum Glauben.

Von Sonja Pohlmann


Berlin - Günter Nooke will sich nicht mehr entschuldigen müssen, er will jetzt in die Offensive gehen. Seine Mission: Allen Menschen soll es möglich sein, den christlichen Glauben zu leben - so fern sie es wollen. Sich für Religionsfreiheit einzusetzen, gehört zu seinen Aufgaben als Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung.

80 Prozent der Menschen, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden, sind Christen - ihre Religion ist damit zurzeit die meistverfolgte auf der Welt. Grund genug für die CDU/CSU-Fraktion, ein Diskussionsforum zum Thema "Christenverfolgung heute" zu veranstalten.

"Im Gegensatz zu Menschen anderer Glaubensrichtungen, nehmen wir unsere Religion nicht ernst genug", sagt Nooke. Er sieht im mangelnden Bekenntnis einer der wesentlichen Gründe, dass so viele Christen verfolgt werden - doch haben die meisten von ihnen kaum eine Chance, sich für ihren Glauben einzusetzen. Teilweise müssen sie sogar mit Todesstrafe rechnen - wie der vom Islam konvertierte Christ Abdul Rahman in Afghanistan. Erst nachdem die internationale Gemeinschaft Druck machte, wurde er freigesprochen. Doch ist sein Schicksal kein Einzelfall.

"Kredite mit Auflagen für Menschenrechte verknüpfen"

Vor allem in Nord-Korea haben Christen unter Repressionen zu leiden. Das Land führt derzeit die aktuelle Rangliste der Länder an, die Christen am stärksten verfolgen - vor Saudi-Arabien, Iran und Somalia. Ebenso ist China auf der Liste zu finden. "Wir müssen gegenüber diesen Ländern unsere Stimme lauter erheben", sagt Nooke. Ein mögliches Druckmittel, um dort die Menschenrechte zu verbessern: Mittel für Entwicklungshilfe. "Wir sollten diese Kredite mit Auflagen verknüpfen, damit die Länder im Bereich Menschenrechte endlich etwas tun", sagt Nooke.

Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Türkei - auch hier können Christen ihren Glauben nicht frei ausleben. "Christen werden hier nicht nur diskriminiert, sondern tatsächlich verfolgt", sagt Otmar Oehring, Leiter der Fachstelle Menschenrechte bei der "missio", dem Internationalen Katholischen Missionswerk. Um der Europäischen Union beitreten, muss das Land die Kopenhagener Kriterien erfüllen - zu denen auch die Wahrung der Menschenrechte und damit die Religionsfreiheit gehört.

"Ende der Beitrittsverhandlungen wären eine Katastrophe"

Vor allem syrisch orthodoxe Christen in der Südosttürkei hätten unter Repressionen durch die islamische Mehrheitsbevölkerung zu leiden. So könnten christliche Kinder beispielsweise in kurdischen Dörfern nicht zur Schule gehen - sie würden dort bedroht, Frauen müssten sich vor Vergewaltigungen fürchten, berichtet Oehring. Türkische Christen seien deshalb schon vor etwa 30 Jahren nach Deutschland geflüchtet, um Asyl zu beantragen.

Heute würden viele von ihnen wieder in ihre Heimat zurückgeschickt. "Zwar gibt es dort heute keinen Bürgerkrieg mehr, aber sonst hat sich nichts verändert", sagt Oehring. Der türkische Staat würde sich für die Rechte der Christen überhaupt nicht stark machen. "Zwar stehen die Reformbemühen auf dem Papier, aber gebracht haben sie nichts", sagt Oehring. Trotzdem hofft er, dass die Beitrittsverhandlungen nicht ausgesetzt werden. "Das wäre eine Katastrophe für die Menschenrechte und die Religionsfreiheit in der Türkei", sagt Oehring.

Erika Steinbach sieht das anders. Sie ist klar gegen den Beitritt des Landes zur Europäischen Union. "Das Land ist von einer tatsächlichen Religionsfreiheit weit entfernt", sagt sie. Dem Islam steht sie kritisch gegenüber. "Diese Religion hat ein hierarchisches Menschenbild, wir dürfen sie nicht naiv verkennen", sagt sie. Steinbach will mit ihrer Fraktion den Menschen zur Seite stehen, die ihren christlichen Glauben ausleben möchten. "Schließlich gibt es ein Missionsgebot", sagt sie. Allerdings auch die Freiheit, keiner Religion angehören zu müssen.



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