Kanzlerin auf Schulbesuch Selfie mit Merkel

Angela Merkel zeige zu wenig Leidenschaft für die europäische Idee, heißt es oft. Doch beim Besuch einer Berliner Oberschule präsentiert sich die Kanzlerin als wahrer Europafan.

Charmeoffensive: Merkel beim Besuch der Robert-Jungk-Oberschule
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Charmeoffensive: Merkel beim Besuch der Robert-Jungk-Oberschule

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Berlin - Solche Termine mag die Kanzlerin. Angela Merkel steht im Atrium der Berliner Robert-Jungk-Oberschule und lässt sich von Schülern Projekte der staatlichen Europaschule erklären, Tanzveranstaltungen sind darunter ebenso wie Geschichtskurse.

"Was haben Sie denn da genau getanzt?", fragt die Kanzlerin einen blonden Schüler. "Und wie lange habt ihr dafür geprobt?" Smalltalk. Ein Schulbesuch ist für Spitzenpolitiker eine einfache Sache, eine angenehme Zerstreuung zwischen Staatsbesuchen und Gipfeltreffen. So auch für die Kanzlerin. Allein bei der passenden Anrede für die Schüler hat sie so ihre Probleme, sie schwankt zwischen du und Sie.

Die Kanzlerin nimmt auf der Bühne der Schule Platz. Sie sitzt zwischen sieben Oberstufenschülern, um mit ihnen aus Anlass des EU-Projekttags über Europa zu diskutieren. Die Robert-Jungk-Oberschule bietet Unterricht in den Sprachen Deutsch und Polnisch an. Alle Schüler sind gut vorbereitet und sprechen fast druckreife Sätze.

Merkel gibt sich als Europaemphatikerin

In Polen fordere man, dass Deutschland innerhalb der EU eine Führungsrolle übernehme, sagt einer der Schüler. Zwar finde sie es verständlich, dass andere mehr Verantwortung von Deutschland forderten, erwidert Merkel: "Aber das mit der Führung ist so eine Sache. Führung bedeutet nicht, laut aufzutreten, sondern die Aspekte der anderen miteinzubeziehen."

Schnell kommt die Runde auf die Krim-Krise zu sprechen. Das Krim-Referendum verstoße gegen die ukrainische Verfassung und sei somit völkerrechtswidrig, betont Merkel. Dann kritisiert sie Putins Politik: "Es gibt immer Leute, die die Uhr zurückdrehen wollen. Die Friedensordnung in Europa beruht aber darauf, dass wir über Territorien nicht mehr streiten." Die letzten Wörter sagt sie leidenschaftlich, mit viel Nachdruck. Und erntet dafür spontanen Applaus. Die Kanzlerin wird an diesem Tag mehrmals von der Idee Europa schwärmen. An anderer Stelle sagt sie: "Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, das alles gilt in der EU. Wenn man Europa verlässt, wird's damit schon schwierig."

Viele Schüler im Saal beteiligen sich mit Fragen an der Diskussion. Vor allem aber: Immer wieder ragen Smartphones aus der Menge, die auf die Kanzlerin gerichtet sind. Merkel bemüht sich, nahbar zu wirken. "Können wir denn einfach sagen: Schwamm drüber?", erwidert sie - nach der Wirkung von Sanktionen gegen Russland gefragt - und tippt ihrem Sitznachbarn an den Arm.

"Nicht so langweilig wie ich erwartet hätte"

Kurz vor Schluss der Veranstaltung lenken die Schüler die Diskussion in Richtung Europawahl. Ob sie den Schülern zur Wahl etwas mit auf den Weg geben möchte, fragt einer die Kanzlerin. Merkel betont, wie wichtig die EU-Institutionen seien. Vieles liege ja gar nicht mehr in ihrem Aufgabenbereich: "Wisst ihr denn, wer hier eure Europaabgeordneten sind? Da müsste man sich mal interessieren. Vielleicht kann man die auch noch einladen." Die Europawahl bleibt am EU-Projekttag erstaunlich konturlos. Aktuelles wie die Krim-Krise scheint mehr zu interessieren.

Als Merkel vor die Schule tritt, wird sie von Schülern aller Alterstufen umringt wie ein Popstar. Viele treten mit gezücktem Handy an sie heran und bitten um ein Selfie. Auch Büsra Top, eine der Schülersprecherinnen der Robert-Jungk-Schule, hat ein Selfie mit der Kanzlerin ergattert. Sie habe Merkel als lässig empfunden, sagt sie: "Auf jeden Fall nicht so langweilig wie ich erwartet hätte."



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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
leserbrief123 31.03.2014
1. Um die Friedensordnung in Europa
...wäre es besser bestellt, wenn man mit der NATO Russland nicht auf den Pelz gerückt wäre! Aber Hauptsache ein paar Kindern die Geschichte vom guten Westen verinnerlicht.
evolution2.0 31.03.2014
2. optional
Pressefreiheit in der EU?Diese These wurde leider die letzten Wochen widerlegt.Ach ja,wenn Wahlen etwas ändern könnten ...
Zickenschulze 31.03.2014
3. Europäische Krisenbewältigung
ála Merkel. Wenn dann noch für Uneingeweihte offenbart wird, was ein "Selfie" (inzwischen weiß ich es) ist, kann der Auftritt unserer Kanzlerin als voller Erfolg gewertet werden. Die EU-Wahl ist wohl grad nicht so der Renner, da mit einer Neuorientierung breiter Schichten zu rechnen ist. Einen kleinen Vorgeschmack gab es gerade in Frankreich. Zitat: "Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, das alles gilt in der EU. Wenn man Europa verlässt, wird's damit schon schwierig." Zitatende. Frage: Hat sie den Schülern auch gesagt, welche EU sie meint?
Modest 31.03.2014
4. Konkret
Was BK Frau Merkel besonders gut kann sind Worthülsen zu verbreiten. Was Sie nie gelernt hat deM Volk Freiheit und Verantwortung zu übertragen. So ist auch Ex-Pastor Gauck ein Volksredner. Faszit: Eine Betschwester und ein Betbruder sind noch lange kein betendes Paar, auch wenn ihre Worthülsen Gebetsmühlenartig beim Volk aufgenommen werden.
dietrich71 31.03.2014
5. Die jungen....
kommen bald drauf, das Angie nur Mist verzapft....früh genug kommen sie drauf.... in der zwischenzeit sollten die Älteren vielleicht mal WACH werden...
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