Merkel in den USA Eine Freundin in der Not

Als Gegenspielerin von Kanzler Schröder und dessen Friedenskurs im Irak-Konflikt wurde CDU-Chefin Angela Merkel von der Bush-Regierung mit offenen Armen empfangen. Sie trage das 'neue Europa' in sich, ließ sie den US-Verteidigungsminister Rumsfeld wissen. Der lachte heftig.


Merkel mit Uno-Chefinspekteur Blix: notwendige Drohkulisse
AFP

Merkel mit Uno-Chefinspekteur Blix: notwendige Drohkulisse

Wer in Mr. Songs schwarze Lincoln-Limousine steigt, wird automatisch fotografiert. Von einer kleinen digitalen Kamera, die über dem Rückspiegel versteckt ist. "Zur Sicherheit", sagt der Chauffeur, "damit mich keiner ausraubt."

Heute ist das Gefährdungspotential gering, die Kamera bleibt ausgeschaltet. Mr. Song fährt eine deutsche Politikerin durch New York: Angela Merkel. "Die Lady ist sehr nett", findet er. Und offenbar nicht ganz unbedeutend, nach der Route durch die Stadt zu urteilen: morgens vom noblen Millenium Plaza Hotel zum Frühstück zu Ex-Außenminister Henry Kissinger, dann zum Uno-Hauptquartier, später zur Börse an die Wall Street.

Nur Bush fehlte auf dem Programm

Über einen Mangel an wichtigen Terminen kann sich die CDU-Vorsitzende auf ihrer kontroversen USA-Reise weiß Gott nicht beklagen. Schon in Washington erwartete Merkel ein Empfang, der den wenigsten Staatschefs - geschweige denn Oppositionsführern - vergönnt ist. Bis auf Präsident Bush nahmen sich alle Mächtigen der Stadt die Zeit für einen Plausch: Vize-Präsident Dick Cheney, Verteidigungminister Donald Rumsfeld, die Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice und namhafte Kongressführer. Eine "königliche Behandlung" wurde Merkel zuteil, fand die "New York Times".

Die Agenda der Besucherin aus dem "alten Europa" ist so unausgesprochen wie offensichtlich: Sie hält nichts von Kanzler Gerhard Schröders Widerstand gegen die US-Kriegspläne im Irak und fordert unbedingte Bündnistreue zur Supermacht. In Washington, wo Teile-und-Herrsche-Taktiken nicht unbekannt sind, schätzt man diese Haltung sehr. "Ich glaube, die wirkliche Absicht ist es, sich wieder zusammenzuraufen und den Schaden zu reparieren, der zwischen diesen beiden Ländern verursacht wurde", kommentierte Gesprächspartner Chuck Hagel, republikanischer Senator aus Nebraska, Merkels Besuch. "Lassen wir es nicht zu, dass Deutschland allein darüber definiert wird, was der Kanzler sagt."

Endlich mal jemand, der uns versteht", das steht auch in den Gesichtern der rund 50 Menschen geschrieben, vor denen Merkel in der jüdischen Anti-Defamation League spricht. Mit stehenden Ovationen bedanken sie sich für eine etwas konfuse, aber sehr gefällige Rede der Besucherin aus Berlin. Darin beteuerte die CDU-Politikerin, wie sehr ihr - ganz in der Tradition Konrad Adenauers und ihres früheren Mentors Helmut Kohl - die transatlantischen Beziehungen zu den USA am Herzen lägen. Die in der DDR aufgewachsene Pastorentochter hat die amerikanischen Verdienste um die deutsche Wiedervereinigung nicht vergessen: "Schließlich waren es nicht Mitterand oder Thatcher, die die Berliner Mauer zum Einsturz gebracht haben, sondern der Präsident der Vereinigten Staaten."

"Königliche Behandlung" in den USA für CDU-Chefin Merkel
AP

"Königliche Behandlung" in den USA für CDU-Chefin Merkel

"Merkels Worte sind Balsam auf die Wunden vieler Amerikaner, die sich in der Irak-Krise von der deutschen Regierung getäuscht und verraten fühlen. "Mit meinem Besuch versuche ich Ihnen zu sagen, dass die Deutschen am gegenseitigen Verständnis interessiert sind", erklärt Merkel den Sinn ihrer Hearts-and-Minds-Mission. Dabei wirkt sie keineswegs provinziell, wie böse Stimmen in Deutschland gerne behaupten, sondern durchaus staatsfraulich. "Ich weiß, viele von Ihnen sind verstört von den Ereignissen der letzten Zeit, aber die Gefühle in Deutschland sind nicht anti-amerikanisch."

Eine bewusste Regelverletzung

Ähnliches schrieb Merkel schon in ihrem viel beachteten Beitrag ("Schröder spricht nicht für alle Deutschen") in der "Washington Post", der ihr von der entrüsteten SPD den Vorwurf einbrachte, eine Nestbeschmutzerin zu sein. Das sei schon eine bewußte Regelverletzung gewesen, sagt ein Mitglied ihrer Delegation. "So im Ausland über die eigene Regierung herziehen, das macht man ja eigentlich nicht. Aber Frau Merkel wollte auch nicht ihre Meinung verleugnen." Dieses Selbstbewusstsein findet sich auch in der Auswahl ihrer Delegationsmitglieder wieder. Statt Wolfgang Schäuble oder, wie vor zwei Jahren, Volker Rühe hat sie den loyalen Experten und außenpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Friedbert Pflüger, mit auf die Reise genommen. So unterstreicht sie ihren Führungsanspruch gegenüber den Rivalen in der Partei.

Etwas vom "neuen Europa"

Die CDU-Chefin ist peinlich darauf bedacht, weitere Äußerungen zu vermeiden, die den Verdacht des Vaterlandsverrats nähren könnten. Nur einmal lässt sie sich im Gespräch mit Rumsfeld und seinem Vize Paul Wolfowitz zu einem gewagten Ulk hinreißen: Da sie östlich der Mauer aufgewachsen sei, habe sie "etwas vom neuen Europa" in sich. Chefscherzer Rumsfeld soll herzlich gelacht haben.

Freundin in der Not will Merkel den Amerikanern sein, das ist deutlich zu merken. Auch ihre unprätentiöse, bodenständige Art mögen die Gastgeber. In einer Zeit, da in den USA klare Unterscheidungen in Gut und Böse, in Freund und Feind, in Mode sind, kommt Merkels einfache Sprache gut an. Es hilft, dass sie den Mut hat, ihre Reden auf Englisch zu halten. Dabei spricht sie recht frei und flüssig, mit vielen konkreten Bildern, und der Mecklenburger Akzent ist eher nett. Abraham Foxman, Präsident der Anti-Defamation League und Überlebender des Holocausts, zeigt sich sichtlich gerührt von ihrem strammen Bekenntnis zu Amerika: "Es war wundervoll, ihre Worte und ihre Sensibilität zu hören. Sie sind die Stimme, das Gesicht des Deutschlands von heute und morgen."

Ob Hans Blix, Chef-Waffeninspektor der Uno in Irak, von Merkel ähnlich hingerissen ist? Zumindest fühlt sich die CDU-Chefin nach ihrem Treffen mit dem Schweden im Uno-Hauptquartier in ihren Ansichten zum Irak voll und ganz gerechtfertigt. "Er hat mir bestätigt, dass die Inspektionen ohne die militärische Drohkulisse gar nicht erst möglich wären." Sie müsse weiter verstärkt werden, um einen Krieg doch noch zu vermeiden. Hingegen würden die Vorschläge aus Berlin und Paris, den Inspektoren noch mehrere Monate Zeit zu geben, zu einem "Katz-und-Maus-Spiel" führen. "Das sieht Herr Blix genauso wie ich."

Merkel mit dem republikanischen US-Senator Chuck Hagel
AP

Merkel mit dem republikanischen US-Senator Chuck Hagel

Nun sei es die Pflicht Deutschlands, im Uno-Sicherheitsrat mit "Flexibilität und Kompromissbereitschaft" einen Beitrag dafür zu leisten, dass eine politische Lösung entsteht. Wie diese aussehen könnte, will Merkel lieber nicht erörtern. Nur so viel: "Es ist keine gute Idee, die USA aus der Uno rauszutreiben und sie so zu zwingen, die Dinge allein in die Hand zu nehmen."

An dieser Stelle müssen einige amerikanische Zuhörer doch schmunzeln. Schließlich ist allgemein bekannt, dass die US-Regierung eine Uno, die sich Washingtons Forderungen nicht beugen will, lieber heute als morgen hinter sich lassen würde.

Am Nachmittag besucht Merkel das zweite Machtzentrum der USA: die New York Stock Exchange an der Wall Street. Neugierig mischt sie sich auf dem Parkett unter die Broker, die wild gestikulierend Aktien kaufen und wieder abstoßen. Während der zehnminütigen Visite steigt der Dow Jones um dreizehn Zähler auf 7881 Punkte.

Ganz zum Schluss fährt Merkel zu Ground Zero, dem Platz, wo bis zum 11. September 2001 die Türme des World Trade Centers standen. Vorbei an Dutzenden Touristen-Bussen, tritt sie kurz an den Stahlzaun, der die riesige Grube umgibt. Sie murmelt etwas vom Ende einer Epoche, die mit dem Fall der Mauer begonnen habe. Es weht ein bitterkalter Wind, Schneefall liegt in der Luft. Merkel bemüht sich, an diesem Ort nicht in die Kameras zu lächeln.

Etwas abseits wartet Chauffeur Mr. Song geduldig vor seiner Leih-Limousine. Noch eine Fahrt zum Flughafen, dann ist Feierabend. Ist der Wagen eigentlich gepanzert? Der Fahrer lacht: "Nein, solche Autos bekommen nur die Reichen und Berühmten."



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