Merkel und Co. bei der WM Der Reiz der Umkleidekabine

Angela Merkel besucht die DFB-Elf, Irans Präsident Rohani lässt sich im Wohnzimmer ablichten, Joe Biden feiert mit dem US-Team: Spitzenpolitiker nutzen die WM geschickt zur Inszenierung. Aber muss man sich deshalb gleich aufregen?

AP/ Bundesregierung

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Berlin - Am Sonntag ist Angela Merkel mit ein paar Kollegen aus dem Bundestag in den Regierungsflieger gestiegen. Die Kanzlerin hat einmal den Atlantik überquert, um in Brasilien mal kurz beim Eröffnungsspiel der Nationalmannschaft vorbeizuschauen. Nebenbei ist noch dieses hübsche Kabinenfoto herausgesprungen, das ihre Leute sogleich im Internet verbreiteten. Am Dienstagmorgen war Merkel wieder zurück in Berlin.

Welch ein Trip.

Politiker und die WM - das ist ein durchaus spezielles Thema. Ob Präsidenten oder Kanzler, schon immer haben sich die Staatenlenker bei wichtigen Turnieren gerne als große Fußballfans inszeniert. In diesem Jahr jedoch scheinen besonders viele Mächtige die Weltmeisterschaft für sich entdeckt zu haben. Merkel schaut bei der DFB-Elf vorbei. Irans Präsident Hassan Rohani zeigt sich, sehr weltlich, im Trainingsanzug vor dem heimischen Fernsehgerät. Joe Biden erscheint zur Siegesfeier des US-Teams. Es sind nur drei Beispiele von vielen.

Natürlich: In Zeiten, in denen die Politik immer größere Schwierigkeiten hat, die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu ziehen, ist so ein Fußballturnier eine vielversprechender Bühne. Mit verhältnismäßig geringem Aufwand können die Staatenlenker sich mit ihren Sporthelden verbrüdern, und darauf hoffen, dass ein wenig Glanz auf sie abfällt. Wir sitzen alle in einem Sportboot - so die Botschaft jener Bilder, die quasi in Echtzeit über die modernen Kanäle gejagt werden.

Es sind teilweise lustige Dinge zu beobachten

Man kann sich darüber aufregen. Man könnte zum Beispiel fragen, was so eine 48-Stunden-Rundreise, wie Merkel sie unternommen hat, den Steuerzahler eigentlich kostet. Oder ob sie und ihre Kollegen nicht wichtigere Dinge hätten tun können, als sich bei den Kickern anzubiedern. Oder was die Fußballverbände sich davon versprechen, mit den Mächtigen zu kuscheln.

Man kann es aber auch alles etwas entspannter sehen. Natürlich sind solche WM-Szenen immer auch Werbung in eigener Sache. Aber immerhin hat der Zuschauer eine Gelegenheit, die Politiker mal außerhalb ihrer herkömmlichen Umgebung zu beobachten. Nicht beim EU-Gipfel oder beim Truppenbesuch, sondern auf der Stadiontribüne oder in der Kabine. Für einen Moment bewegen sich Merkel und Co. in einer ihnen weitgehend unbekannten Sphäre. Die Regeln bestimmen mal andere.

Es sind dann teilweise auch lustige Dinge zu beobachten. Wenn die Mächtigen auf ihren Sitzen jubeln, übt das zum Beispiel immer einen besonderen Reiz aus, was auch daran liegen mag, dass das Jubeln eine Disziplin ist, die der Politik im Allgemeinen eher fremd ist. Zwei Sorten Mensch, der Fan und der Politprofi, fließen dann für einen Moment ineinander und ergeben eine durchaus ulkige Kreation. Nicht zuletzt die jubelnde Merkel verströmt im Stadion einen ganz eigenen Charme.

Wie Kohl sich 1986 in Szene zu setzen versuchte

Ob die Spitzenpolitiker dabei authentisch wirken oder nicht, kann letztlich jeder für sich selbst beurteilen. Es geht ja auch hin und wieder mal schief. Helmut Kohl war zum Beispiel 1986 beim WM-Finale in Mexiko-Stadt. Deutschland verlor gegen Argentinien. Nachher war die Stimmung schlecht. Außer beim Kanzler.

Der große SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann beschrieb damals in einer wunderbaren Glosse, wie Kohl sich mit den leidenden Spielern zu verbrüdern versuchte.

"Ob Briegel, Augenthaler oder der sich zierende Magath, der mit einer eleganten Körpertäuschung wenigstens andeutet, daß er politisch die Nähe zum Kanzler scheut und eigentlich aus der Kernkraft aussteigen will - sie alle müssen sich in dieser entscheidenden dritten Halbzeit auf der Ehrentribüne der überlegenen Physis der alles überrollenden Regierungswalz aus der Pfalz beugen", schrieb Leinemann. "Wenig Schwierigkeiten hat der aus der Tiefe des deutschen Raums über den rechten Flügel herangebrauste Kanzler auch mit dem an diesem Tag besonders reaktionsschwachen Torhüter Toni Schumacher. Wie schon beim ersten Tor der Argentinier verschätzt der sich bei der Berechnung der gegnerischen Attacke und landet in den fest zugreifenden Armen des ehemaligen Ludwigshafener Jugendliberos, der ihn gnadenlos abschmatzt."

Die Spieler, so der Subtext Leinemanns, hatten nach ihrer Niederlage auf alle gewartet. Nur nicht auf den Kanzler.

insgesamt 155 Beiträge
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lynx2 17.06.2014
1. Hoffentlich hat sich..
Zitat von sysopAP/ BundesregierungAngela Merkel besucht die Umkleidekabine, Irans Präsident Rohani lässt sich im Wohnzimmer ablichten, Joe Biden feiert mit dem US-Team: Spitzenpolitiker nutzen die WM geschickt zur Inszenierung. Aber muss man sich deshalb gleich aufregen? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/merkel-in-der-dfb-kabine-wie-politiker-die-wm-zur-inszenierung-nutzen-a-975667.html
... Schweinsteiger sauber geduscht (er macht ja Werbung für ein Duschgel-Marke), damit er nicht stinkt wie ein Schwein, wenn ihm die Murksel gratuliert. Aber die Kanzlerin mag anscheinend den Testosteron- und Schweiß-geschwängertern Geruch von Sportler-Umkleide-Kabinen, vielleicht wirkt das erotisierend auf sie.
GGArtikel5 17.06.2014
2. Gestern im Anorak auf der Eisscholle
Aber, aber, wer wird denn so knausrig sein und was von 12.000,- die Flugstunde meckern, die übrigen Kosten nicht eingerechnet, wenn unsere verehrte Klima-Kanzlerin ein nettes Bildchen knipsen lassen will für ihre Hofpostillen. Gestern im roten Anorak als Retterin der Arktis, heute in der Umkleide mit dem WM Team. Man darf gespannt sein, was ihre Spin-Doctors sich für morgen einfallen lassen. Vielleicht ein Selfie mit einer Rentnerin beim Flaschensammeln?
xxbigj 17.06.2014
3.
Zitat von GGArtikel5Aber, aber, wer wird denn so knausrig sein und was von 12.000,- die Flugstunde meckern, die übrigen Kosten nicht eingerechnet, wenn unsere verehrte Klima-Kanzlerin ein nettes Bildchen knipsen lassen will für ihre Hofpostillen. Gestern im roten Anorak als Retterin der Arktis, heute in der Umkleide mit dem WM Team. Man darf gespannt sein, was ihre Spin-Doctors sich für morgen einfallen lassen. Vielleicht ein Selfie mit einer Rentnerin beim Flaschensammeln?
[QUOTE=GGArtikel5;15945109] So habe ich das noch nicht gesehen! Da haben Sie aber vollkommen Recht! Der Bürger wird voll gespamt mit irgendwelchen Bildern von ihr wo es gerade gut wirkt. Aber das zeigt einmal mehr, das sie nicht wirklich an Politik interessiert ist sondern an Eigenvermarktung!!
sysiphus-neu 17.06.2014
4. Östrogen oder Berechnung?
Man kommt auf seltsame Gedanken bei der Frage, was die Kanzlerin mit dieser Penetranz in die Umkleidekabine zu 20 jungen, verschwitzten und halbnackten Männern treibt. Ist es wirlklich nur der populistische Kolateralnutzen, mit der erfolgreichen Mannschaft ein paar gemeinsame Fotos über regierungsnahe Medien ventilieren zu können? Wie hätte wohl die veröffentlichte Meinung reagiert, wenn Gerhard Schröder in seiner Regierungszeit so ein auffälliges Faible für den Umkleidebereich der Frauenfussballerinnen entwickelt hätte???
Celestine 17.06.2014
5. Muss man sich deswegen aufregen ...?
Nein, man muss nicht, aber man darf. Ich finde es putzig, wie der Leser zwischen den Zeilen gemahnt wird, bloß nicht so kleinkariert zu sein, den Flug zu kritisieren. Tja, es ist inzwischen gang und gäbe, dass der Leser nicht informiert sondern ihm Meinungen aufgedrängt werden, damit er das Selberdenken aufgibt? Weil seine eigene Meinung vielleicht doch nicht positiv ausfallen würde, im Merkelschen Wohlfühl-Land, wo alles ganz supi ist? Damit er sich schlecht und ungenügend fühlt und es sich abgewöhnt, die Politiker zu kritisieren, wie bei den Nobilitäten im 19. Jahrhundert: schön artig obrigkeitshörig. Ich finde solch einen Day Trip unangemessen, besonders angesichts dessen, dass Frau Merkel gerne die "schwäbische Hausfrau" mimt und den Bürgern ohne Bedenken etliche Entbehrungen zumutet. Sie hätte meinetwegen sehr gerne später hin fliegen können, wenn es um ein entscheidendes Spiel handelt, wo das Team bereits Erfolge verbucht hat, aber nicht so. Aber vielleicht hatte Frau Merkel diesmal kein Vertrauen auf die Mannschaft und wollte sich als Maskottchen gerieren. ;-)
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