Neujahrsansprache der Kanzlerin Merkel prangert Hass bei Pegida-Märschen an

Ungewöhnlich scharf kritisiert Angela Merkel in ihrer Neujahrsansprache die Pegida-Demos. In Sachen Zuwanderung stellt die Kanzlerin klar: "Selbstverständlich nehmen wir Menschen auf, die bei uns Zuflucht suchen."


Berlin - Jede Woche werden es mehr, zuletzt kamen mehr als 17.000 Menschen: Die Pegida-Märsche in Dresden und anderswo beunruhigen auch die Bundesregierung. Wie sehr das Deutschgetümel und die kaum verschleierte Fremdenfeindlichkeit die Kanzlerin umtreibt, zeigt ihre Neujahrsansprache. Ausführlich geht Angela Merkel dabei auf das Phänomen ein, findet deutliche Worte - ohne Pegida freilich beim Namen zu nennen.

Doch es ist unschwer zu dechiffrieren, wen Merkel meint, wenn sie von "solchen Demonstrationen" spricht, auf denen montags "Wir sind das Volk" skandiert werde. Merkel wörtlich in ihrer Rede, die am Silvesterabend veröffentlicht werden soll: "Tatsächlich meinen sie: Ihr gehört nicht dazu - wegen eurer Hautfarbe oder eurer Religion."

Vor allem in Dresden finden die Demonstrationen der Gruppe "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" (Pegida) wöchentlich mehr Anhänger. Schon kurz nach dem Jahreswechsel soll der nächste Marsch stattfinden. Immer öfter finden sich Neonazis, Hooligans und NPD-Vertreter unter den Protestteilnehmern.

Auch diese dürfte Merkel meinen, wenn sie sagt: "Zu oft sind Vorurteile, ist Kälte, ja, sogar Hass in deren Herzen!" Es sei "selbstverständlich, dass wir Menschen aufnehmen, die bei uns Zuflucht suchen", so die Kanzlerin. Man könne einem Land kein größeres Kompliment machen, als dass die Kinder von Flüchtlingen dort ohne Furcht aufwachsen.

Damit liegt Merkel auf einer Linie mit Bundespräsident Joachim Gauck, der an Weihnachten eindringlich vor einer Abschottung Deutschlands gewarnt hatte.

Recht des Stärkeren gilt nicht in Europa

Generell zieht die Kanzlerin ein nüchternes Fazit des Jahres 2014. Europa habe in "lange nicht gekannter Härte erfahren, was es bedeutet, wenn Grundlagen unserer europäischen Friedensordnung infrage gestellt werden". Genau das mute Russland der Ukraine zu. Trotzdem habe Europa beschlossen, sich nicht spalten zu lassen. Sicherheit in Europa zusammen mit Russland sei zwar das erklärte Ziel - doch ein angebliches "Recht des Stärkeren, der Völkerrechte missachtet", könne unter keinen Umständen akzeptiert werden.

Bei aller Sorge über die Entwicklungen des vergangenen Jahres gab es ein Ereignis 2014, das die Rückschau ein wenig mildert: die Fußball-WM in Brasilien. Beim Titelgewinn habe die deutsche Elf "uns (...) unvergessliche Momente" beschert, so Merkel.

Einen ähnlichen Zusammenhalt wie im Team von Joachim Löw könne auch Deutschland inmitten von Krisen, Kriegen und Fremdenhass 2015 gut gebrauchen. Es dürfte schwer genug werden.

jok



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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warkeinnickmehrfrei 31.12.2014
1. Das einzige was Frau Merkel umtreibt
ist ein möglicher Verlust von Stimmen und das Entstehen einer möglichen Sammlungsbewegung für alle, die mit der "alternativlosen" Politik von CDUCSUSPDGrünen nicht einverstanden sind. Aus Sicht von Frau Merkel sei Gott davor, dass der Urnenpöbel den stillschweigenden Konsens aufkündigt, alle paar Jahre sein irgendwo sein Kreuz zu machen und ansonsten die Politik den Parteifunktionären zu überlassen. Man möge zu Pegida stehen wie man mag, aber wenn hier die verkrustete Parteienherrschaft endlich aufgebrochen wird, so ist ein solche Entwicklung zu begrüßen.
einwerfer 31.12.2014
2. Irgendwas muss ich verpasst haben die letzten Jahre
nämlich den Kurswechsel bei der Union. Ich habe bis eben geglaubt, dass es die Unionsparteien waren, die in den letzten 20 Jahren auf immer weitere Verschärfungen im Asylrecht gedrungen haben.
DDM_Reaper20 31.12.2014
3. Wundert mich ja ein wenig...
...dass Frau Dr. Merkel so eindeutig Stellung bezieht, was ja ansonsten so gar nicht ihr Ding ist. Sie bevorzugt es ja eher, jemanden vorzuschicken, um die Lage zu sondieren und ggf. die Prügel zu kassieren. Wenn sie also schon mal was sagt, ist sie sich verdammt sicher, dass sie damit die allgemeine Meinung wiedergibt. Nun, sie ist halt Vollblut-Politikerin. Hoffen wir mal, dass möglichst viele sich an folgenden Satz erinnern, wenn es wieder zur Urne geht: "Mit mir wird es keine PKW-Maut geben!" Tja, Frau Dr. Merkel, seit der Sache mit der MWSt-Verarsche wähle ich die SPD nicht mehr. So langsam gehen mir die Parteien aus... :-D
Maria-Galeria 31.12.2014
4. Oberflächlich
gesehen liegt unsere Kanzlerin wohl vollkommen richtig, sehr viele Menschen in unserem Land die ihr warmes Stübchen haben, genügend zu Essen, womöglich Bio, mehr als ausreichend gut gekleidet herumspazieren können, nicht an jeder Ecke sparen müssen, sich auf ihren Ruhestand freuen können, da sie mehr als genug Pension erwarten können, können ihr sicherlich folgen. Es wäre angebracht Ursachenforschung zu betreiben und genau zu analysieren wieso eine derartige Unzufriedenheit herrscht die Tausende auf die Straßen treibt, aber bitte nicht mit Statistiken kommen die alles weich wäscht, mit dem so geliebten Durchschnitt. Dass sich da zur Zeit gewisse Gruppierungen die Hände reiben und die Situation zu ihren Gunsten auszunutzen versuchen folgt schon einer durchaus nachvollziehbaren Logik. Also ich habe unter den Christbaum läuten hören, dass ca. siebzehn Millionen Menschen bei uns am unteren Lebensstandartnivou herum krebsen. Rentner, Harz IV-Empfänger, Niedriglöhnler, chancenlose Jugendliche, alleinerziehende Elternteile, da kommen die Milliönchen an Menschen, die sich ungerecht behandelt fühlen, schon zusammen.
thunderstorm305 31.12.2014
5. Die Politik versteht ihre Bürger nicht mehr.
Die Politik und vor allem die CDU hat es in der Vergangenheit versäumt Themen im Bereich der Sicherheitspolitik abzudecken. Hier hat sich eine Mischung aus Angst vor Wohnungseinbrüchen, Diebstählen, illegaler Zuwanderung, abgelehnter Asylanträge die dann doch nicht vollzogen werden, Einwanderung in unsere Sozialsysteme, "No-Go" Gebieten in deutschen Städten und fanatischer Salafisten die versuchen auf den deutschen Marktplätzen uns zu bekehren. Und der Politik fällt nichts anderes ein als diese Bewegung zu kritisieren und sie in die Ecke der Hassprediger selbst zu stellen. Die Union öffnet hier ihre rechte Flanke und es ist nur eine Frage der Zeit bis sich eine neue Partei rechts von ihr formiert. Von der Eurokrise ganz zu schweigen. Ist das dann besser?
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