SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

18. Juli 2010, 17:57 Uhr

Merkel ohne Männer

Die Null-Bock-CDU

Der Abgang von Ole von Beust offenbart ein Motivationsproblem in der Union: Die Parteioberen sind vielerorts verbraucht, ein großer Umbruch vollzieht sich. Auf starke Köpfe folgen Nobodys - für Angela Merkel ist das ein Problem. Ein Kommentar von Roland Nelles.

In der Politik galt bislang eine eiserne Regel. Das "Mit-den-Füßen-voran-Gesetz". Kanzler, Ministerpräsidenten, Minister, Abgeordnete klammerten sich so sehr an ihre Macht-Jobs, dass es sehr schwer war, sie freiwillig zum Verzicht zu bringen. Meist mussten diese Politiker dann, wie es so schön heißt, aus dem Büro herausgetragen werden. Wahlweise vom Wähler oder von den Parteifreunden. Eben "mit den Füßen voran".

So gesehen ist die Tatsache, dass Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust braungebrannt und entspannt nach dem Sylt-Urlaub seinen Amtsverzicht verkündet, ein Meilenstein in der deutschen Geschichte. Heute wird nicht mehr geklammert. Heute haben Politiker einfach keine Lust mehr. Niemand hat Beust zu diesem Rücktritt gezwungen. Kein Parteifreund, kein Wähler, kein Niemand. Er geht, weil er gehen will. Nach Sylt oder sonst wohin. Die neue Glücksformel lautet: Sansibar statt Sacharbeit.

Beust liegt im Trend: Nach Roland Koch und Horst Köhler ist er der dritte Top-Politiker, der innerhalb von kurzer Zeit Adieu sagt, ohne dass es wirklich notwendig gewesen wäre. Die Generation null Bock ist nun - etwas verspätet - auch in der Union angekommen. Man wartet förmlich darauf, dass die ersten CDU-Aussteiger sich lange Haare wachsen lassen und gemeinsam mit dem VW-Bus nach Pune fahren.

Dienst am Wähler? Dienst am Vaterland? Dienst an der Partei? Diese Kategorien scheinen für Politiker wie Beust oder Horst Köhler nicht mehr zu gelten. In der CDU, jener Partei, die so viel darauf hält, "bürgerlich" zu sein, zeigen Politiker den alten Bürgerwerten Treue und Pflichterfüllung den Stinkefinger. Heute pocht ein Unionspolitiker ganz ungeniert auf sein Recht zur Selbstverwirklichung. Wenn er die in der Politik nicht mehr findet, geht er eben neue Wege.

So kehrt in die CDU mit dem Rücktritt Beusts auch ein Stück Ehrlichkeit ein: Früher wurde die Floskel von der "Erfüllung des Wählerauftrags" meist nur von jenen Politikern bemüht, die Gründe suchten, ihren Egotrip zu kaschieren. Helmut Kohl konnte nicht loslassen und verpasste so den richtigen Zeitpunkt, die CDU-Macht an den jüngeren Wolfgang Schäuble zu übergeben. Konrad Adenauer war so verliebt in die Politik, dass er sogar noch versuchte, Bundespräsident zu werden. Offiziell ging es bei diesen CDU-Titanen immer nur um die Pflichterfüllung, in Wahrheit konnten sie einfach nicht loslassen, sahen ihr Lebenswerk bedroht, wenn sie es anderen übergeben würden. Sie waren süchtig nach Macht.

Ole von Beust wäre wohl gerne als Minister nach Berlin gekommen, auch Roland Koch strebte offenbar nach Höherem in der Hauptstadt. Beide durften nicht. Womöglich auch deshalb nicht, weil Angela Merkel dies aus ihrem eigenen Machtkalkül nicht wollte. Das geht so: In Berlin ist sie die Königin, warum soll sie da weitere Möchtegern-Könige dulden?

In der Selbstverwirklichungs-CDU führt dies zu Frust. Einer bestimmten Kategorie von Politikern ist die Landespolitik eben nicht mehr genug. Nach dem achten Hafengeburtstag in Hamburg oder dem zehnten Weinfest im Hessischen wollen sie etwas anderes erleben. Wird ihnen dies nicht in der Politik geboten, gehen sie neue Wege.

Für Angela Merkel ist der Umbruch in Hamburg und in anderen Ländern ein Problem. Natürlich bedeutet jeder Wechsel in einer Landesregierung auch Aufbruch. Aber es gibt vor allem Risiken: Frau Merkel verliert mit Beust einen weiteren erfahrenen, eingeführten Parteimann. Er stand als Chef eines schwarz-grünen Senats für ein neues Koalitionsmodell, für Fortschritt. So wie Roland Koch für den konservativen Flügel der Union als Integrationsfigur wirkte, war Beust ein CDU-Mann der Mitte. Er machte die Partei für neue Wählerschichten attraktiv.

Sein Nachfolger muss sich erst einarbeiten, bekannt werden. Das Gleiche gilt für die vielen anderen Neuen in den Ländern, in denen die CDU in den vergangenen Monaten Wechsel erlebte: in Hessen, in Baden-Württemberg, in Niedersachsen, in Nordrhein-Westfalen, in Thüringen. Überall Nobodys. Sie müssen alle bei den nächsten Landtagswahlen gewählt werden - gegen eine wiedererstarkende SPD. Der CDU drohen saftige Niederlagen.

Null Bock bedeutet für die CDU dann: Null Erfolg.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung