Menschlichkeit: Bevor Angela Merkel in ihre Rede einsteigt, will sie eine Bemerkung "abseits der politischen Auseinandersetzung" loswerden. Die Kanzlerin übermittelt SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier und seiner Ehefrau Elke Büdenbender nach deren Nierentransplantation ihre "besten Genesungswünsche". Es ist - zugegeben - ein einfacher Punkt in Sachen Menschlichkeit, den sie hier macht. Aber sie macht ihn. Und SPD-Chef Sigmar Gabriel muss der Kanzlerin gleich zu Beginn ihres Auftritts Beifall klatschen - und der Radau, den er zuvor gemacht hat, ist erst einmal verpufft.
Es dürfte Gabriel wurmen, dass er zuvor nicht selbst darauf gekommen ist, seinem Parteifreund öffentlich eine schnelle Gesundung zu wünschen. Dumm nur für Merkel, dass einige FDP-Abgeordnete ausladend und breit grinsend Beifall klatschen. Man sieht ihnen an, dass sie sich mehr über Gabriels Ärger als über Steinmeiers Genesung freuen.
Stuttgart 21: Ungewöhnlich offensiv verteidigt die Kanzlerin das umstrittene Bahnhofsprojekt "Stuttgart 21". Das bekommen Grüne und SPD beide zu spüren - Merkel unterstellt ihnen Verlogenheit. "Die Grünen sind immer für die Stärkung der Schiene", ruft sie Trittin und Co. zu. "Aber wenn's dann mal um einen neuen Bahnhof geht, sind sie natürlich dagegen." In Berlin hätten die Grünen der neuen Nord-Süd-Verbindung übrigens zugestimmt, merkt sie noch an.
Und die Sozialdemokraten? Die seien über Jahre für "Stuttgart 21" gewesen. "Und jetzt, wo man ein bisschen dafür kämpfen muss, da fangen sie an, dagegen zu sein." Die Botschaft ist klar: Ihr hängt euer Fähnchen nach dem Wind. Diese "Art von Standhaftigkeit" aber könne das Land nicht gebrauchen.
Ressentiments: Lange und staatstragend hat Sigmar Gabriel vor Merkel über die Gefahr gesprochen, mit Ressentiments Politik zu machen. Die Kanzlerin gibt ihm Recht - und entlarvt ihn dann. Schließlich habe der SPD-Chef gerade selbst gegen seinen moralischen Appell verstoßen, als er in seiner Rede das von der schwarz-gelben Koalition für 2013 geplante Betreuungsgeld mehrfach als "Herdprämie" bezeichnet. Den Begriff hatten Sprachwissenschaftler schon 2007 zum Unwort des Jahres gekürt.
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