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Merkels Auslandsreise: Iran gibt Pilot Schuld an Überflugverbot

Der Skandal um das verweigerte Überflugsrecht der Kanzler-Maschine könnte zur ernsten diplomatischen Affäre werden: Iran beschuldigt den Piloten des Airbus - er sei wegen eines falschen Rufzeichens schuld am stundenlangen Wartemanöver. Die Bundesregierung ist empört.

Merkels Indien-Trip: Ärger für die Überfliegerin Fotos
DPA

Berlin/Teheran - War der verweigerte Iran-Überflug für Angela Merkels Regierungsmaschine absichtliche Schikane - oder lag der Fehler bei der deutschen Crew? Im Skandal um das fast zweistündige Überflugverbot für die "Konrad Adenauer" mit der Kanzlerin an Bord steht nun Aussage gegen Aussage. Iran sieht die Verantwortung klar auf deutscher Seite, die Bundesregierung weist die Vorwürfe von sich.

Noch immer ist ungeklärt, was genau in der Nacht zum Dienstag passierte, als die Kanzlerin und ihre Delegation auf dem Weg nach Indien iranisches Gebiet überfliegen wollte. Die Maschine befand sich auf dem Flug nach Neu-Delhi, wo die ersten deutsch-indischen Regierungskonsultationen geplant waren, und war bereits in den iranischen Luftraum geflogen, als sie wieder abdrehen musste.

Für Teheran ist die Sache klar: "Es war der Fehler des Piloten. Er hat den Code für die Rückkehr angegeben, nicht den für den Eintritt in den Luftraum", sagte der iranische Botschafter in Berlin, Ali Resa Scheich Attar. In einer Mitteilung der Botschaft heißt es zudem, der "Pilot der Maschine von Frau Bundeskanzlerin Merkel" habe beim Eintritt in den iranischen Luftraum das falsche Rufzeichen gegeben. Aus diesem Grund habe er nicht iranisches Gebiet überfliegen können. Die Flugsicherung habe das Problem aber "innerhalb von 20 Minuten gelöst". Der Diplomat sagte, der Vorfall habe keinerlei politische Dimension.

Zwei Stunden über der Türkei

Unklar ist damit allerdings, warum sich die Klärung der Angelegenheit über mehrere Stunden hinzog. Nachdem Iran die deutsche Regierungsmaschine vorübergehend aus seinem Luftraum verbannt hatte, musste die Kanzlerin zwei Stunden über türkischem Luftraum kreisen, bevor sie ihre Reise fortsetzen konnte. Merkel traf deshalb am Dienstag mit einiger Verspätung in Indien ein.

Ein zweites deutsches Regierungsflugzeug mit etlichen Bundesministern an Bord, das etwas früher aus Berlin losgeflogen war, konnte Iran hingegen problemlos überqueren. Erst unter Vermittlung der Türkei und Berlins habe Teheran den Weiterflug schließlich erlaubt, hieß es seitens deutscher Regierungsvertreter. Quasi in letzter Minute - denn sonst hätte der Airbus A340 Ankara angesteuert, weil für einen Weiterflug bis Neu-Delhi der Sprit nicht gereicht hätte.

Aus Regierungskreisen verlautete am Abend, man sei davon überzeugt, dass von deutscher Seite aus alle Flugdaten korrekt übermittelt wurden, der Fehler also bei den Iranern lag. Möglicherweise sei bei der iranischen Flugsicherung Verwirrung durch den Jungfernflug der neuen Kanzlermaschine entstanden. Dieser neue Airbus A340 habe das gleiche Rufzeichen wie der alte, kürzlich ausrangierte Regierungs-Airbus A310, hieß es. Unter Umständen habe das Bodenpersonal deshalb den neuen Flugzeugtyp nicht sofort zuordnen können.

Die Bundesregierung hatte den Vorfall von Beginn an scharf verurteilt: Das Auswärtige Amt (AA) bestellte noch am Dienstag Botschafter Attar zum Gespräch. Staatssekretär Wolf-Ruthart Born sprach einer Mitteilung des AA zufolge in der Unterredung von einem "präzedenzlosen Vorfall", der internationalen Gepflogenheiten widerspreche. Berlin erwarte demnach, dass sich ein derartiges Ereignis nicht wiederhole.

In Teheran ist man "sehr überrascht"

Die iranische Diplomatie signalisiert indes Gekränktheit. Botschafter Attar teilte mit, er erwarte zwar keine Entschuldigung Deutschlands, "aber es sollte eine Klarstellung geben, dass es nur ein technisches Problem war". In Iran sei man "sehr überrascht" über die Vorwürfe aus Deutschland.

Außenminister Guido Westerwelle hatte die Behinderung des Flugs als absolut inakzeptabel bezeichnet. "Das ist eine Respektlosigkeit gegenüber Deutschland, die wir nicht hinnehmen werden." Die Kanzlerin selbst demonstrierte jedoch Gelassenheit und sagte, das Wichtigste sei ihre Ankunft zu den deutsch-indischen Konsultationen. "Alles ist gut geworden", sagte Merkel auf einer Pressekonferenz in Neu-Delhi.

"Einen solchen Vorfall hat es noch nicht gegeben", räumte Regierungssprecher Steffen Seibert ein. Offene Kritik an Iran äußerte er nicht. Der Vorfall sei aber "zumindest ungewöhnlich". Die EU hatte erst vor wenigen Tagen neue Sanktionen gegen Iran im Zusammenhang mit dem umstrittenen Atomprogramm verhängt.

Für die Kanzlerin ist es die zweite Indien-Reise nach 2007. Die beiden Regierungen stellten ihre nun 60 Jahre währenden diplomatischen Beziehungen mit ihren ersten Konsultationen auf eine neue Stufe. Indien ist nach Israel das erste außereuropäische Land, mit dem Deutschland zu solchen Treffen, an denen außer den Regierungschefs auch mehrere Minister teilnehmen, zusammenkommt. Im Sommer soll ein entsprechender Austausch mit China folgen.

Am Mittwoch soll Merkel nach Singapur weiterreisen. Die Rückreise nach Berlin ist für Donnerstag geplant. Ob die Route wieder über Iran führen wird, ist offen.

amz/mgb/dpa/AFP/dapd/Reuters

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1. Kein Titel
Dominik Menakker, 01.06.2011
Wieso fliegt sie überhaupt über iranisches Hoheitsgebiet? Der direkte Weg war es auf jeden Fall nicht. [img]http://gc.kls2.com/cgi-bin/gcmap?PATH=txl-del&PATH-COLOR=red[/img]
2. Mullahs und die feinen Stufen der Diplomatie...
danubius 01.06.2011
Regierungsflüge werden - wie international üblich - bereits Wochen / Monate vor dem eigentlichen Termin genauestens abgestimmt und die Flugroute festgelegt. Jede Kennung wird automatisch abgegeben und vom Piloten dem Tower nochmals manuell bestätigt - insofern können sich die iranischen Fluglotsen nicht hinter dieser Ausrede, der Pilot hätte den falschen Code genannt, "verstecken". Alle Gespräche des Piloten werden im Übrigen vom Voice Recorder aufgezeichnet und sind somit dokumentiert. Was also bringt die Mullahs dazu, sich einer ausländischen Regierungschefin gegenüber so zu verhalten? Ein politischer Affront gegenüber Deutschland ist und bleibt es allemal!
3.
banjodido 01.06.2011
Weil sich wahrscheinlich auch die Kanzlerin an international festgelegte Flugrouten halten muss.
4. Direkte Luftline ist unüblich
lab61, 01.06.2011
Weil das Fliegen der direkten Luftlinie ist im Luftverkehr wohl eher unüblich. Vielmehr werden bestimmte Luftrouten entlang bestimmter Funkfeuer geflogen. Für die Regierungsmaschine eines NATO-Landes macht es zudem möglicherweise auch Sinne sich so lange wie möglich im Luftraum von NATO.Staaten wieder Türkei zu bewegen, anstatt über recht dünn besiedelten Gegenden Russlands und über recht instabile, ehemalige Teilrepubliken der früheren SU. Luftrouten werden u.a. auch danach festgelegt, wo bestimmte Großflieger im Bedarfsfall - also z.B. beim Auftreten technischer Probleme im Flugzeug - möglichst schnell einen geeigneten Ausweichflughafen ansteuern können. Des weiteren werden (auch von Russland) längst nicht für alle Gebiete Überflugsgenehmigungen erteilt, sondern bestimmte Lufträume schlichtweg gesperrt. Nicht zuletzt dürften auch Wettervohersagen eine Flugroute nicht unwesentlich beeinflussen.
5. ...
konertec, 01.06.2011
Zitat von sysopDer Skandal um das verweigerte Überflugsrecht der Kanzler-Maschine könnte zur*ernsten diplomatischen Affäre werden: Iran beschuldigt den Piloten des Airbus - er sei wegen eines falschen*Rufzeichens schuld am stundenlangen Wartemanöver. Die Bundesregierung ist empört. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,766036,00.html
...wussten die Iraner, in welcher Maschine die Merkel saß? Es waren zwei Regierungsmaschinen, die erste kam problemlos durch den iranischen Luftraum. Die zweite mit der Merkel wurde aufgehalten.
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