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Merkels CDU: Die Partei bin ich

Von und , Karlsruhe

Die CDU ist unfähig zum Aufstand. Trotz mieser Umfragen und fortgesetztem Regierungskrach folgt die Kanzlerpartei Angela Merkels Kurs mit nur leisem Murren. Die Chefin hat sich ihren eigenen Abnickverein geschaffen - der neue starke Mann an ihrer Seite heißt Norbert Röttgen.

dapd

Karlsruhe - Jetzt ist er komplett, der Kanzlerwahlverein. Vorne neben Angela Merkel auf dem Podium sitzt der Kern der neuen CDU, die Stellvertreter und der Generalsekretär.

Da sind die Ex-Krippenbauministerin Ursula von der Leyen, die Kanzlerinnen-Vertraute Annette Schavan und daneben Norbert Röttgen und Hermann Gröhe aus der alten schwarz-grünen Pizza-Connection. Volker Bouffier, neuer Parteivizechef und konservativer Hardliner aus Hessen, fällt da kaum noch auf.

Der Blick auf die neue CDU-Führungsriege beim Parteitag in Karlsruhe zeigt: Angela Merkel ist am Ziel. Die Kanzlerin hat ihre Partei gehörig umgebaut.

Verabschiedet sind die früheren Widersacher Roland Koch, Christian Wulff, Jürgen Rüttgers. Die CDU hat sich an diesem Montag endgültig merkelisiert, die alte westdeutsch-katholische Männerpartei ist nicht mehr. Elf Jahre hat die Vorsitzende Angela Merkel gebraucht, um sie auf evolutionäre Art sanft entschwinden zu lassen. Und keiner wagt den Aufstand.

Das Adieu der Ex-Rivalen in Karlsruhe ist eine hübsche kleine Szene, die zeigt, wie sicher sich Merkel in der neuen CDU fühlt. Sie weiß jetzt: Die Truppen folgen ihr brav. Und so hat ihr Servus an Roland Koch schon fast etwas Schnoddriges. Als sie ihn zu sich auf die Bühne bittet, will der Applaus für den ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten nicht enden. Ach, sagt Merkel, man sei ja nicht immer einer Meinung gewesen und habe sich "kritisch beäugt". Heute aber könne sie sagen, "dass wir Freunde geworden sind".

Ein Buch für Roland Koch

Alle Ex-Mächtigen bekommen von Merkel ein zu ihrer Polit-Vita passendes Buch: der schwarz-grüne Hamburger Ole von Beust das Werk "Ein Planet wird geplündert" des der Union früh verlustig gegangenen Umweltaktivisten Herbert Gruhl; der selbsterklärte Ex-NRW-Arbeiterführer Rüttgers "Die Arbeiterfrage und das Christentum" von Bischof von Ketteler. Und weil das so ist, kommt auch Koch nicht um diese Schulbuben-Nummer herum. Merkel übereignet ihm die "Betrachtungen über die Französische Revolution" von Edmund Burke, dem Philosoph und Begründer des Konservatismus.

Koch, der gerade selbst ein Buch unter dem Titel "Konservativ" vorgelegt hat, lächelt vorsichtig. "Wenn du es noch nicht hast, freu dich drüber", raunzt ihn Merkel an. Und als Koch mit Rüttgers die Bühne verlässt, sagt Merkel noch: "Gebt uns Rat, wenn ihr glaubt, wir brauchen es." Von hinten grient der Tagungsleiter ins Mikro: "Charmante Verabschiedung."

Der neue starke Mann der Merkel-CDU ist nun Norbert Röttgen. Der gerade gekürte Chef des stärksten Landesverbands Nordrhein-Westfalen bekommt rund 88 Prozent, das beste Ergebnis aller vier Stellvertreter. Sein Spitzenresultat nimmt er im Kreise seiner Landesgruppe sichtlich zufrieden zur Kenntnis. Er hat seine Kontrahentin im Kampf um die Kronprinzen-Rolle, Ursula von der Leyen (85 Prozent), hinter sich gelassen. Knapp zwar nur, aber das Symbol zählt. Und auch der konservative Bouffier (ebenfalls 85 Prozent) muss Röttgen den Vortritt lassen. Bildungsministerin Schavan kommt gar nur auf 64 Prozent.

Karlsruhe werde eine "Zäsur", so hatte es die Kanzlerin angekündigt. Aber bis zu diesem Montag war unklar, ob die durch miese Umfragewerte und Diskussionen ums konservative Profil verunsicherte Partei mitmachen würde. Denn die Basis der CDU ist noch lange nicht merkelisiert. Nach wie vor blüht hier und dort die Sehnsucht nach der guten alten Zeit, nach berechenbarer Ordnung im Privaten und Gesellschaftlichen. "Die Partei möchte eine moderne Volkspartei sein", sagt Roland Koch am Rande des Parteitags. "Aber sie wird ihre konservativen Wurzeln deshalb nicht aufgeben."

Merkel streichelt die Seele der Partei

Die Vorsitzende mutet ihrer Partei eine Menge zu - und erntet dafür nur knapp mehr als 90 Prozent Zustimmung bei ihrer Wiederwahl am Montagmittag. Das ist ein Mini-Dämpfer. Aber alles andere als der befürchtete Denkzettel.

Wie hat Merkel das gemacht?

Sie hat eine Wagenburg-Rede gehalten. Die Seele der Partei gestreichelt und verlassene Gräben aufgesucht: Wir hier, die dort. Übers Christliche hat Merkel ausführlich geredet, über Papst Johannes Paul II., übers Konservative und daheim erziehende Mütter. Sie hat Konrad Adenauer zitiert und Helmut Kohl als Schutzheiligen angeführt. Aber vor allem hat sie sich die Grünen vorgeknöpft und Bündnisse mit ihnen zu "Illusionen" und "Hirngespinsten" erklärt. Der Jubel ist groß.

Die neue Konstellation der CDU-Führung wird kontrastiert mit einer traditionellen Rede - das ist Merkels Camouflage, aber sie funktioniert. Und zwar so sehr, dass sich mancher Verfechter von Schwarz-Grün genötigt sieht, nun seinerseits ans Mikrofon zu treten. Da ist zum Beispiel Oswald Metzger, der vor zwei Jahren von den Grünen zur CDU konvertierte Marktliberale. Man solle die Grünen und ihre bürgerlichen Wähler nicht ins linke Lager drängen, sagt er und warnt vor "Dämonisierung". Man müsse "strategiefähig" bleiben für Koalitionen.

An der Seite steht ein einflussreicher Merkel-Anhänger. Keine Sorge, sagt er. Merkels schwarze Rede sei keine Rückkehr zur alten CDU gewesen. Ganz im Gegenteil.

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1. Das stimmt nun wirklich ...
Baikal 15.11.2010
Zitat von sysopDie CDU ist unfähig zum Aufstand. Trotz mieser Umfragen und fortgesetztem Regierungskrach folgt die Kanzlerpartei Angela Merkels Kurs mit nur leisem Murren. Die Chefin hat sich ihren eigenen Abnickverein geschaffen - der neue starke Mann an ihrer Seite heißt Norbert Röttgen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,729294,00.html
.. und ist auch genau der Grund, warum Miss Mundwinkel immer wiedergewählt wird: ihr Hofstaat weiß sehr gut um seine eigene politische Schwäche, weiß, das er ohne die Kanzlerin der Entpolitisierten oder/und schlicht Dummen nichts, aber auch gar nichts werden könnte. Kauder etwa würde nicht einmal Landrat werden, er bliebe Stellvertreter bis ans Ende der Tage und Pofalla, Mißfelder,Klaeden &Co die gesichtslosen Figuren die sie ohnehin sind. Das ist kein Kanzlerwahlverein, das ist ein Kanzlerqualverein.
2. ...
superfunk3000 15.11.2010
Zitat von sysopDie CDU ist unfähig zum Aufstand. Trotz mieser Umfragen und fortgesetztem Regierungskrach folgt die Kanzlerpartei Angela Merkels Kurs mit nur leisem Murren. Die Chefin hat sich ihren eigenen Abnickverein geschaffen - der neue starke Mann an ihrer Seite heißt Norbert Röttgen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,729294,00.html
Die Frau regt mich auf. Selbstherrlicher geht kaum noch.
3. gelebte demokratie
zynik 15.11.2010
Zitat von sysopDie CDU ist unfähig zum Aufstand. Trotz mieser Umfragen und fortgesetztem Regierungskrach folgt die Kanzlerpartei Angela Merkels Kurs mit nur leisem Murren. Die Chefin hat sich ihren eigenen Abnickverein geschaffen - der neue starke Mann an ihrer Seite heißt Norbert Röttgen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,729294,00.html
Dieser Offenbarungseid zeigt deutlich, wie wenig Demokratiebewusstsein in dieser Truppe noch vorhanden ist. Wen wundert es da, dass die Union auf die gelebte Demokratie in Stuttgart, Gorleben etc. nur mit befremdlichem Säbelrasseln reagieren kann? Da klammert man sich lieber an alte Rezepte aus Kohl-Ära.
4. Wer jetzt noch CDU wählt
woscho 15.11.2010
Zitat von sysopDie CDU ist unfähig zum Aufstand. Trotz mieser Umfragen und fortgesetztem Regierungskrach folgt die Kanzlerpartei Angela Merkels Kurs mit nur leisem Murren. Die Chefin hat sich ihren eigenen Abnickverein geschaffen - der neue starke Mann an ihrer Seite heißt Norbert Röttgen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,729294,00.html
*muss mit härterem, als nur mit dem Klammerbeutel gepudert sein.* Geht das überhaupt?
5. Tja.
ratxi 15.11.2010
Zitat von sysopDie CDU ist unfähig zum Aufstand. Trotz mieser Umfragen und fortgesetztem Regierungskrach folgt die Kanzlerpartei Angela Merkels Kurs mit nur leisem Murren. Die Chefin hat sich ihren eigenen Abnickverein geschaffen - der neue starke Mann an ihrer Seite heißt Norbert Röttgen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,729294,00.html
Wer soll da auch aufstehen? Und wofür oder wogegen...
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