Besuch in Athen: Sechs Stunden Zorn für die Kanzlerin

Von Severin Weiland

Kanzlerin Merkel ist bei vielen Griechen verhasst, ihr Besuch in Athen gleicht der Reise durch ein Hochsicherheitsgebiet. Die Gastgeber hoffen auf konkrete Erleichterungen beim Sparkurs - doch die wird es vermutlich nicht geben.

Akropolis in Athen: Schon Ende November braucht Griechenland eine neue HilfstrancheZur Großansicht
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Akropolis in Athen: Schon Ende November braucht Griechenland eine neue Hilfstranche

Berlin - Es sind rund sechs Stunden, die Angela Merkel in Athen sein wird. Die deutsche Kanzlerin besucht am Dienstag eine Stadt im Ausnahmezustand: 7000 Polizisten sind im Einsatz, das Regierungsviertel ist weiträumig abgesperrt, das deutsche Kulturinstitut und die deutsche Botschaft werden gesondert geschützt.

Denn Merkel ist für Teile der griechischen Gesellschaft ein Symbol, eine Hassfigur. Sie steht für den rigiden Sparkurs, den das Land aushalten muss, für die kalte Seite der Deutschen, die kein Herz haben mit den Armen vor Ort. So geht das schon seit Monaten. Pünktlich vor der Ankunft der Kanzlerin tauchten in manchen Medien auch wieder die obligaten Hitler-Vergleiche auf, die Gewerkschaften und linke Gruppierungen haben Proteste angekündigt.

Solch geballter Zorn gegen eine deutsche Politikerin - das ist ein Novum der jüngeren Zeit. Eigentlich werden Europas Hauptstädte immer nur dann zu Hochsicherheitsgebieten, wenn US-Präsidenten kommen.

Doch jetzt trifft es Merkel.

Schon fragen sich Beobachter in Berlin, ob die deutsche Kanzlerin den Weg vom Flughafen ins Regierungsviertel im Zentrum überhaupt mit der Limousine schafft. Oder vielleicht doch noch in einen Hubschrauber umsteigen muss?

In Berlin vertrauen sie daher ganz auf die griechischen Sicherheitskräfte. Ein Teil der Berichterstattung dreht sich nur noch um die Frage, wie Merkel zu ihren Gastgebern kommt, wenn die Demonstranten in Massen auf die Straßen ziehen sollten. Einen solchen Besuch könne man "nicht durch die Hintertür" machen, sagt Merkels Regierungssprecher Steffen Seibert gelassen: "Das ist der übliche Weg - Flughafen, Innenstadt."

In Athen wird die CDU-Politikerin am Dienstag den griechischen Staatspräsidenten Karolos Papoulias treffen, der eigentlich zentrale Termin ist aber das Zusammentreffen mit Ministerpräsident Samaras. Danach wird sie mit ihm noch deutsche Unternehmer treffen, am frühen Abend geht es dann wieder nach Berlin zurück. Eine Zusammenkunft Merkels mit griechischen Gewerkschaftsführern steht nicht auf dem Programm.

Andere waren schon da, jetzt kommt Merkel

Merkels Besuch im Schuldenland kommt spät. Das muss sie sich nun von der SPD vorhalten lassen. Zwei griechische Ministerpräsidenten - der Sozialist Georgios Papandreou und sein Nachfolger, der Konservative Antonis Samaras - waren während der Griechenlandkrise in Berlin. Selbst Außenminister Guido Westerwelle (FDP) hat Athen schon zweimal einen Besuch abgestattet. Er wählte dabei wohlwollende und mahnende Worte und versuchte, dem Bild des hässlichen Deutschen entgegenzuwirken. Und auch Vizekanzler Philipp Rösler (FDP) war im vergangenen Jahr mit einer deutschen Wirtschaftsdelegation vor Ort.

Merkel aber blieb dem Land, das die Euro-Krise 2009 ausgelöst hat und fast täglich beschäftigt, bislang fern. Zuletzt besuchte sie Athen vor fünf Jahren, da schien die Welt am Mittelmeer noch halbwegs in Ordnung. Der jetzigen Visite ging eine Einladung von Samaras nach dessen Besuch in Berlin voraus. Der neue Mann der Mitte-Links-Koalition machte im August einen guten Eindruck, ihm wird in Regierungskreisen attestiert, es ernst zu meinen mit dem Reformkurs. Auch das will Merkel, indirekt, wohl mit ihrer Reise anerkennen.

Die deutsche Kanzlerin kommt in ein Land, das am Boden liegt. Samaras verglich den Zustand jüngst sogar mit dem der Weimarer Republik, kurz vor dem Machtantritt Hitlers. Besondere Sorge bereite ihm der Aufstieg der rechtsextremistischen Partei "Goldene Morgenröte", die nach Umfragen die drittstärkste politische Kraft im Land sei. Er selbst führe "den Kampf seines Lebens". Wenn seine Regierung scheitere, "wartet auf uns das Chaos".

Drohende Untergangsszenarien in Griechenland, Forderungen nach klaren Worten Richtung Athen aus ihrer eigenen Partei - zwischen diesen beiden Polen bewegt sich Merkels Kurzreise.

Die Kanzlerin selbst sieht es offensichtlich nüchterner. Sie wolle mit der Regierung in Athen über "Aufgaben, die noch vor Griechenland liegen" sprechen und "darüber, was schon erreicht ist", sagte Merkel am Montag bei einem Treffen mit Fraktionschefs der CDU in Bonn. Sie wisse, das Griechenland derzeit "keine einfache Zeit" durchlebe. Doch werde sie die Gespräche in Athen in dem Geist führen, dass die EU und Europa wettbewerbsfähig bleiben müssten.

Keine großen Versprechen

Der Besuch ist zunächst eines: eine symbolische Geste. Wirklich große, überraschende Dinge wird die Kanzlerin in Athen nicht verkünden. Schon gar nicht wird und kann sie dem Wunsch der Griechen entsprechen, den Zeitplan des von der Troika bis 2014 anvisierten Spar- und Reformkurses zu verlängern. Merkel will dem noch ausstehenden Bericht der Troika aus EU, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) nicht vorgreifen.

Seit August verhandelt die Troika darüber mit Athen. Wann dieser Bericht, der über die Auszahlung der nächsten Tranche der Griechenland-Hilfe entscheidet, veröffentlicht wird, ist ohnehin noch offen. In Regierungskreisen in Berlin wird seit geraumer Zeit auf ein anderes, weltpolitisches Datum hingewiesen, das dabei entscheidend sein könnte: die Präsidentschaftswahlen in den USA am 6. November. Erst danach könnte der Bericht veröffentlicht werden, weil die US-Regierung - indirekt über ihren Einfluss im IWF an der Rettungsaktion beteiligt - zuvor keine neue Unruhen an den Finanzmärkten haben wolle, heißt es. Ministerpräsident Samaras hat diesen Spekulationen jüngst selbst neue Nahrung gegeben - durch seine Bemerkung, Griechenland habe noch Luft bis Ende November, dann aber brauche es die neue Hilfstranche.

Dass Griechenland wirklich fallen gelassen wird, daran scheint die Regierung in Berlin kein Interesse zu haben. Außenminister Westerwelle (FDP) sieht erstmals "seit langem wieder einen Silberstreif am Horizont". Auch von Merkel wird das Positive an der tristen Lage an der Ägäis herausgestrichen: Das Leistungsbilanz-Defizit in Griechenland sei auf sieben Prozent gesunken, die Lohnstückkosten ebenfalls zurückgegangen, sagte Regierungssprecher Seibert. Das seien "Maßnahmen, die unseren Respekt verdienen".

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insgesamt 155 Beiträge
Bembel137 08.10.2012
... was die Griechen wollen. Das sie nicht damit einverstanden sind, dass man die Renten kürzt oder andere schmerzvolle Einschnitte, kann ich verstehen und würde mir auch gegen den Strich gehen. Also dagegen sind die Griechen! [...]
... was die Griechen wollen. Das sie nicht damit einverstanden sind, dass man die Renten kürzt oder andere schmerzvolle Einschnitte, kann ich verstehen und würde mir auch gegen den Strich gehen. Also dagegen sind die Griechen! OK! Aber was wollen sie denn? Außer ein weiter so! Und warum sind wir die Bösen? Weil wir das weiter so nicht finanzieren wollen?
wynkendewild 08.10.2012
Die Griechen haben doch den kapitalen Bock geschossen und nicht Frau Merkel. Die EU ist kein Blümchenladen und Realpolitik auch kein Zuckerschlecken. Sich bei jemanden anbiedern zu wollen zeugt in diesem Zusammenhang nur [...]
Zitat von sysopKanzlerin Merkel ist bei vielen Griechen verhasst, ihr Besuch in Athen gleicht der Reise durch einen Hochsicherheitsgebiet. Die Gastgeber hoffen auf konkrete Erleichterungen beim Sparkurs - doch die wird es vermutlich nicht geben. Merkels Griechenland-Besuch: Sechs Stunden Zorn für die Kanzlerin - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/merkels-griechenland-besuch-sechs-stunden-zorn-fuer-die-kanzlerin-a-860108.html)
Die Griechen haben doch den kapitalen Bock geschossen und nicht Frau Merkel. Die EU ist kein Blümchenladen und Realpolitik auch kein Zuckerschlecken. Sich bei jemanden anbiedern zu wollen zeugt in diesem Zusammenhang nur von Charakterschwäche. Hab einen Standpunkt und vertrete diesen dann auch. Aber nicht nur dort, wo es populär ist.
hardliner1 08.10.2012
Ich finde es eine Anmaßung und Dreistigkeit sondersgleichen, dass ein Staat der Eurozone Geld von den Steuerzahlern anderer Euro-Staaten will. Und der Gipfel der Unverfrorenheit ist es, dass diejenigen, die die größten Summen [...]
Zitat von sysopKanzlerin Merkel ist bei vielen Griechen verhasst, ihr Besuch in Athen gleicht der Reise durch einen Hochsicherheitsgebiet. Die Gastgeber hoffen auf konkrete Erleichterungen beim Sparkurs - doch die wird es vermutlich nicht geben. Merkels Griechenland-Besuch: Sechs Stunden Zorn für die Kanzlerin - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/merkels-griechenland-besuch-sechs-stunden-zorn-fuer-die-kanzlerin-a-860108.html)
Ich finde es eine Anmaßung und Dreistigkeit sondersgleichen, dass ein Staat der Eurozone Geld von den Steuerzahlern anderer Euro-Staaten will. Und der Gipfel der Unverfrorenheit ist es, dass diejenigen, die die größten Summen in Milliardenhöhe nach Griechenland rüberschieben, auch noch beschmipft werden. Griechenland kann auch in 20 Jahren nicht auf eigenen Beinen stehen, es sei denn, es geht zurück zur Drachme, verbunden mit einem Total-Schuldenerlass und wertet dann sukzessive ab. Dann werden sich zwar nur noch wenige ein deutsches Auto leisten können, aber ein Markt von elf Millionen Einwohnern macht die deutsche Exportindustrie sicher nicht kaputt.
turnus 08.10.2012
Früher war der Staatsbesuch eines deutschen Politikers in Südeuropa das Harmloseste und Unverfänglichste. Heute ist daraus ein Politikum geworden, über deren Gehässigkeit man nur den Kopf schütteln kann. Dies ist erst der Fall, [...]
Früher war der Staatsbesuch eines deutschen Politikers in Südeuropa das Harmloseste und Unverfänglichste. Heute ist daraus ein Politikum geworden, über deren Gehässigkeit man nur den Kopf schütteln kann. Dies ist erst der Fall, seitdem die Eurokraten (=die Totengräber Europas) die europäische Bevölkerung entmachtet haben und nun ungehindert ihre Welt"verbesserungen" (hust) durchdrücken können. Danke, liebe Eurokraten, für den "Frieden in Europhaaah"!
Kurt Köster 08.10.2012
Es ist Zeit für eine große europäische Geste. Frau Merkel sollte in Athen eine Lockerung des Spardiktats ankündigen. Das würde uns Deutschen in ganz Europa viele Sympathien einbringen. P.S. Daß die Griechen noch lange [...]
Zitat von Bembel137... was die Griechen wollen. Das sie nicht damit einverstanden sind, dass man die Renten kürzt oder andere schmerzvolle Einschnitte, kann ich verstehen und würde mir auch gegen den Strich gehen. Also dagegen sind die Griechen! OK! Aber was wollen sie denn? Außer ein weiter so! Und warum sind wir die Bösen? Weil wir das weiter so nicht finanzieren wollen?
Es ist Zeit für eine große europäische Geste. Frau Merkel sollte in Athen eine Lockerung des Spardiktats ankündigen. Das würde uns Deutschen in ganz Europa viele Sympathien einbringen. P.S. Daß die Griechen noch lange am Tropf hängen werden, ist doch sowieso jedem Beobachter klar. Durch Merkels Geiz-ist-geil-Haltung machen wir es nicht besser. Am Ende sind wir *nicht nur *diejenigen, die zahlen, *sondern auch *diejenigen, die am meisten gehasst werden. Das kann nicht das Ziel der deutschen Europa-Politik sein.
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  • Montag, 08.10.2012 – 18:14 Uhr
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 11,305 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Karolos Papoulias

Regierungschef: Antonis Samaras

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