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Merkels Kommunikationsdesaster Reden, die die Welt zerlegen

Kanzlerin Merkel: Das Vertrauen in die Grundlagen deutscher Europapolitik schwindetZur Großansicht
dapd

Kanzlerin Merkel: Das Vertrauen in die Grundlagen deutscher Europapolitik schwindet

Helmut Kohl hat Angela Merkel scharf kritisiert, doch die Rüge geht am Kern des Problems vorbei: Die Kanzlerin hat durchaus ihren Kompass in der Europapolitik - nur erklärt sie nicht, wo es langgeht. Im Klartextreden versagt die Bundesregierung. 

Dass der deutschen Außenpolitik mangelnde Strategie unterstellt wird, hat Tradition - und oft keine Berechtigung. Entsprechend haben alle Bundesregierungen Kritik dieser Art immer wieder und häufig mit voller Berechtigung weit von sich gewiesen. Aber "fehlender Kompass" und "mangelnde Berechenbarkeit" sind keine Vorwürfe, die ein Altbundeskanzler und sinngemäß auch ein amtierender Bundespräsident leichtfertig erheben.

Der Befund der öffentlichen Diskussion ist einfach: Die Kanzlerin steht in der Kritik, weil in ihrer Partei, in der deutschen Öffentlichkeit und bei den europäischen Partnern Vertrauen in die Grundlagen deutscher Außen- und Europapolitik verlorengegangen ist.

Das mag man kritisieren, wie Kohl es tut, das mag man sogar für falsch halten, wie der Außenminister nicht müde wird zu betonen, aber ernst nehmen muss man solche Vorwürfe allemal.

Hier ist eine substantielle Politikformulierung gefragt. Mit Randverweisen auf die Nachfragen von Journalisten ist es nicht mehr getan. Der etwas wortkarge Verweis der Kanzlerin und ihres Außenministers, dass heute alles anders sei, als noch zu Zeiten von Helmut Kohl, mag ja sogar stimmen - aber er ersetzt nicht eine professionelle, auf klare politische Ziele gerichtete Kommunikation nach innen und außen.

Hier hat die Bundesregierung in den vergangenen Wochen jämmerlich versagt.

Wohlklingende Visionen

Nichts ist auf Dauer verheerender, als keine klare Strategie zu haben, obwohl einem alle Welt unterstellt, einer solchen Strategie mit unausgesprochener Konsequenz zu folgen. Der Verdacht der Renationalisierung deutscher Europapolitik, die Kritik am Unwillen, notwendige Solidarität zu zeigen und der Eindruck, ohne Kompass durch ein aufgewühltes Meer von Krisen zu segeln, haben hier ihren Ursprung.

In der Sache halten die Vorwürfe einem Realitätstest nicht wirklich stand. Traditionen deutscher Europapolitik sind nicht verraten worden, auch wenn das tägliche Krisenlamento das nahezulegen scheint. Die heutigen Herausforderungen der Europapolitik sind in der Tat andere als in der Vergangenheit. Und für die Kärrnerarbeit des Krisenmanagements hat es immer schon weniger Lorbeeren gegeben als für die Verbreitung wohlklingender Visionen.

Auch innerhalb der Europäischen Union deutsche Interessen zu vertreten, ist kein Sündenfall, sondern Normalität in einem Europa der 27. Die Stabilität des Euro ist als Zielsetzung unbestritten. Die Forderung nach Gegenleistungen für Rettungspakete ist es auch.

Merkel muss für Klarheit sorgen

Aber auch Binsenweisheiten sind Weisheiten. Eine davon lautet: Gute Politik will nicht nur gemacht, sie will auch gut kommuniziert werden. Niemand wird die Komplexität der Problemlagen in Abrede stellen, ebenso wenig wie den Willen der Bundesregierung, multiple Krisen in den Griff zu bekommen. Solche Krisen sind immer die Treiber auch institutioneller Veränderungen gewesen. Aber wer in Demokratien nicht nur richtig entscheiden, sondern auch Mehrheiten erhalten oder sichern will, muss mehr tun, als die Kanzlerin es bislang getan hat.

Das ist keine Frage des persönlichen Stils mehr, es ist längst eine Frage staatspolitischer Notwendigkeit.

Wenn auch nur im Ansatz der Verdacht der Orientierungslosigkeit entsteht, ist es Aufgabe der Regierungschefin, für Klarheit zu sorgen. Helmut Kohl ist mit seiner Kritik nicht allein. Er wird nur mit Hochgenuss zitiert, weil man um seine historischen Verdienste und sein spezifisches Verhältnis zu Angela Merkel weiß.

Merkels Kommunikationsdesaster

Aber hier geht es um mehr als nur um das öffentlich ausgetragene Geplänkel zwischen einem europäisch-emotionalen Altkanzler und seiner verstandsgetriebenen Nach-Nachfolgerin.

Es geht in der Tat um eine Neubestimmung deutscher Außenpolitik in Zeiten rasanter Veränderungen. Diese kann aber nur gelingen, wenn sie nicht in den Kemenaten der Macht entworfen und verfolgt wird, sondern auch entsprechend nach innen wie nach außen kommuniziert wird.

Es ist also höchste Zeit für eine europapolitische Grundsatzrede der Kanzlerin, obwohl es damit allein nicht getan ist. Der Außenminister hat sich ohnehin nicht durch europapolitische Kompetenz hervorgetan und das bisschen Kompetenzverdacht, das man ihm noch zubilligen wollte, in der Libyen-Frage endgültig in Fetzen geredet.

Wie in anderen Mitgliedstaaten wird deutsche Europapolitik heute im Wesentlichen vom Regierungschef gemacht. Hier - bei der Kanzlerin und ihrem Stab - liegt die Verantwortung, das Kommunikationsdesaster ihrer Europapolitik zu beheben.

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insgesamt 24 Beiträge
regierungs4tel 29.08.2011
Wo nichts ist, kann man auch nichts erklären. Und für ihr neues Dienstfahrzeugfahrzeug braucht Angela Merkel auch weder Kompass noch Navigationsgerät: http://berlin2011.wordpress.com/2011/04/02/merkel-geht-am-kruckstock/
Wo nichts ist, kann man auch nichts erklären. Und für ihr neues Dienstfahrzeugfahrzeug braucht Angela Merkel auch weder Kompass noch Navigationsgerät: http://berlin2011.wordpress.com/2011/04/02/merkel-geht-am-kruckstock/
Europa! 29.08.2011
Es ist doch nicht so, dass Merkel dauernd das Falsche sagen würde. Man erwartet nur etwas MEHR. Man hat das Gefühl, dass sich hinter den Äußerungen der Kanzlerin Gedanken und Überlegungen verbergen, die öffentlich nicht gesagt [...]
Es ist doch nicht so, dass Merkel dauernd das Falsche sagen würde. Man erwartet nur etwas MEHR. Man hat das Gefühl, dass sich hinter den Äußerungen der Kanzlerin Gedanken und Überlegungen verbergen, die öffentlich nicht gesagt werden können. Und man weiß nicht, auf wen sie dabei Rücksicht nimmt - auf die Wähler? auf die anderen europäischen Regierungen? oder die "Märkte"?
National-Oekonom 29.08.2011
daher hilft auch kein "Kompass". Der Wählerwille war eindeutig: Man wollte, dass die neue Regierung es besser macht als die alte. AberMerkel reagiert nur, und es wird immer auf "Landtagswahlen" geschaut. Als ob [...]
daher hilft auch kein "Kompass". Der Wählerwille war eindeutig: Man wollte, dass die neue Regierung es besser macht als die alte. AberMerkel reagiert nur, und es wird immer auf "Landtagswahlen" geschaut. Als ob das in den vergangenen 2 Jahren der CDU irgendetwas gebracht hätte. Weder ist die Gesundheitsreform vorangetrieben worden, noch ist bei Bildung/Erziehung etwas bewegt worden, noch wird uns die "Energiewende" irgendeine Wendung zum Besseren bringen. Die Libyen-Krise ist _auch_ eine Merkel-Krise, nicht nur das Desaster Westerwelles. Wendung zum Unklaren bei erkennbarer Hilflosigkeit, das ist es, was Merkels Regierung ausmacht. Die Ereignisse treiben Merkel vor sich her. Merkel müsste ein *Konzept* zur Lösung der Schuldenkrise haben - dabei kommt es gar nicht darauf an, ob das Konzept "richtig" oder "falsch" ist. Konzept kommt vor Kommunikation - wer kein Konzept hat, kann auch nichts "kommunizieren".
braintainment 29.08.2011
Einen "fehlenden Kompass in der Europapolitik" kann ich nicht erkennen: Das Geld fließt Richtung Süden. Eigentlich ist Merkel nicht zu beneiden. Im Wesentlichen ist sie nur diejenige, die zur falschen Zeit am Ruder ist. [...]
Einen "fehlenden Kompass in der Europapolitik" kann ich nicht erkennen: Das Geld fließt Richtung Süden. Eigentlich ist Merkel nicht zu beneiden. Im Wesentlichen ist sie nur diejenige, die zur falschen Zeit am Ruder ist. Die wesentlichen Probleme der EU wurden schon viel früher geschaffen - die Konstruktion als irgendwie zwischenstaatliches Gebilde, nicht mehr Montanunion aber auch irgendwie nicht Überstaat. Und vor allen Dingen DER EURO - zwar gemeinsame Währung aber keine gemeinsamen finanzpolitischen Interessen. Wenn man nun aber zu der Auffassung gelangt, dass die EU nicht mehr als ein Club europäischer Länder ist, dann kann man ihr zum Vorwurf machen, dass sie Deutsche oder zumindest meine Interessen nicht vernünftig vertritt. Zumindest an den Ergebnissen bemessen, setzt sich Sarkozy mehr und öfter durch. Wenn die Transferunion nunmehr doch kommen sollte, dann stehen wirtschaftlich schöne Jahre bevor. Aber eins ist dann auch sicher - ich nutze die Zeit und bring meine Kohle so was von in Sicherheit, denn der Knall der dann unweigerlich kommen wird, ist der Letzte!
beutzemann 29.08.2011
Ich habe den salbungsvollen Müll gelesen, Tenor: "Ich der Bundeskanzler habe in stürmischen Zeiten alles richtig gemacht". ---Zitat--- *Die Kanzlerin hat durchaus ihren*Kompass in der Europapolitik - nur erklärt [...]
Zitat von sysopHelmut Kohl hat Angela Merkel scharf*kritisiert - doch*die*Rüge geht am Kern des Problems vorbei:
Ich habe den salbungsvollen Müll gelesen, Tenor: "Ich der Bundeskanzler habe in stürmischen Zeiten alles richtig gemacht". ---Zitat--- *Die Kanzlerin hat durchaus ihren*Kompass in der Europapolitik - nur erklärt sie*nicht, wo es langgeht. Im Klartextreden versagt die Bundesregierung.* ---Zitatende--- Richtig! Sie hätte schon längst Westerwelle vor die Tür setzen müßen. Ohne selbst eine Linie zu haben kann sie nicht erwarten das ihre Untergebenen einer Linie folgen können... http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,782625,00.html[/QUOTE]
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Zum Autor
  • Eberhard Sandschneider ist seit August 2003 Direktor des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Der Politologe promovierte 1986 mit einer Arbeit über "Militär und Politik in der VR China".

    Zwischen 1995 und 1998 lehrte er Internationale Beziehungen an der Uni Mainz, bevor er 1998 die Professur für Politik Chinas und Internationale Beziehungen an der FU Berlin übernahm.

    Von Oktober 1999 bis März 2001 leitete er das Otto-Suhr-Institut und war von März 2001 bis März 2003 Dekan des Fachbereichs Politik und Sozialwissenschaften der FU.

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Ist deutsche Außenpolitik unberechenbar?

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Kohls Kritik im Überblick
Kohl kritisiert die jüngsten Entscheidungen zum Libyen-Einsatz, Atomausstieg, zur Griechenland-Krise und Euro-Rettung. "Wir müssen wieder deutlich machen, wo wir stehen, wo wir hin wollen und dass wir Werte und Prinzipien haben". Deutschland sei keine berechenbare Größe mehr, weder nach Innen noch nach Außen. Wer keinen "Kompass" habe, könne auch nicht sagen, wo er hin wolle.




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