Merkels Umkleide-Fotos Bundesregierung empört über "Sun"

Die britischen Boulevard-Blätter sind berüchtigt für ihre Unverschämtheit. Jetzt brach die "Sun" erneut alle Geschmacksgrenzen:  Die Zeitung druckte ein Foto von Angela Merkel beim Umkleiden - und spottete über die halbnackte Kanzlerin.

Von und


Berlin - Angela Merkel lernt gerade die Schattenseiten der Kanzlerschaft kennen. Nachdem vor kurzem Mitarbeiter des Berliner Pergamon-Museums staunenden Reportern vorführten, wie sie durch eine Sicherheitskamera Merkels Ehemann Joachim Sauer beim Fernsehen im Wohnzimmer beobachten konnten, wurde die Kanzlerin nun in ihrem ersten Urlaub seit Amtsantritt von Paparazzi erwischt.

Die britische Boulevard-Zeitung "The Sun" druckte ein Foto, auf dem Merkel von hinten beim Wechseln ihres Badeanzugs zu sehen ist. Merkel ist gerade dabei, den Slip überzuziehen, als der Fotograf auf den Auslöser drückt. Zwar trägt sie einen weißen Bademantel als Sichtschutz, aber der ist bei der Aktion nach oben verrutscht.

"Big in the Bumdestag", spottet die "Sun" mit gewohnter Gnadenlosigkeit. "Bum" ist im Englischen der umgangssprachliche Ausdruck für Hintern. Die Kanzlerin habe die deutsche Wirtschaft hochgezogen, "und jetzt zieht sie ihre Hosen hoch". Die "Iron Frau" habe viel zu feiern, meint die "Sun", und wünscht doppeldeutig "Bottoms Up". Der Trinkspruch, der eigentlich auf die Glasböden abzielt, kann auch anders übersetzt werden: Hintern hoch.

Die Bundesregierung findet das gar nicht witzig. "Nicht die feine britische Art" sei das, kommentierte Regierungssprecher Thomas Steg. Auch die "Bild"-Zeitung zog in den Kampf für Merkels Privatsphäre. "Engländer verhöhnen unsere Kanzlerin", empörte sich die Zeitung, die sonst die Boulevardisierung des Politischen nach Kräften vorantreibt. Sie druckte das Foto nach, allerdings nur klein und mit einem roten Balken über dem Allerwertesten der Kanzlerin.

"Das Foto ist ein perverses Kompliment"

Der Presse-Attaché der britischen Botschaft in Berlin erinnerte in der "Bild"-Zeitung daran, dass die Presse von der Insel eine "lange Tradition von Respektlosigkeiten" habe und man den Bericht daher nicht überbewerten solle. Heute wollte er die Angelegenheit nicht weiter kommentieren. Man wolle nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen, so die Auskunft an SPIEGEL ONLINE.

Der Berlin-Korrespondent der britischen "Times", Roger Boyes, rät Merkel zur Gelassenheit. "Das Foto ist ein perverses Kompliment", sagte der Engländer SPIEGEL ONLINE. "Es zeigt, dass Merkel ernst genommen wird." Tatsächlich wird in dem schlüpfrigen "Sun"-Text jener positive Grundton über Deutschlands Wirtschaft vermittelt, den die britische Presse seit neuestem anschlägt.

Die Kanzlerin solle bloß nicht den Fehler machen und klagen, meint Boyes. Damit habe sich schon ihr Vorgänger Gerhard Schröder keinen Gefallen getan, dessen Prozess wegen seiner Haarfarbe ihn nur noch mehr zum Gespött gemacht habe.

Die Bundesregierung will die Sache auf sich beruhen lassen. Ein Regierungssprecher sagte SPIEGEL ONLINE: "Juristische Schritte sind nicht beabsichtigt." Das öffentliche Urteil in Deutschland über die Fotos sei "eindeutig".

Wollte Merkel doch klagen, würde sie wahrscheinlich Recht bekommen. "Jedes Gericht würde sofort zu Gunsten von Frau Merkel entscheiden", sagte Hendrik Zörner, Sprecher des Deutschen Journalistenverbands, gegenüber SPIEGEL ONLINE. "In Deutschland gilt der Grundsatz, dass auch Politiker ein Recht auf Privatsphäre haben. Im Zweifel sagen die Gerichte, dass die Privatsphäre Vorrang habe, vor allem bei einer Politikerin wie der Bundeskanzlerin, die schon immer vorsichtig war, ihre Privatsphäre abzuschotten."

Kohl und Blair in Badehose

Es ist die besondere Ironie an der Geschichte, dass gerade Merkel ihre Privatsphäre immer besonders gehütet hat. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern Kohl und Schröder hat sie nie sorgfältig inszenierte Einblicke in das Privatleben erlaubt. Die Datscha in der Uckermark war tabu, es gab keine Home-Stories aus der Wohnung in Berlin, ihr öffentlichkeitsscheuer Ehemann Joachim Sauer boykottierte selbst die Vereidigung seiner Frau im Bundestag.

Doch früher oder später musste es wohl so kommen: Die erste Frau an Deutschlands Spitze im Urlaub war eine zu große Verlockung für die internationale Schnappschuss-Szene. Parallel zur "Sun" druckte auch die englische Zeitung "Daily Sports" Umkleide-Fotos von Deutschlands Kanzlerpaar. "Merkel ist jetzt in der Klasse von Caroline von Monaco gelandet", meint Boyes.

So geschmacklos die Fotos sind: Merkel ist keinesfalls die erste Politikerin, die dieses Schicksal zu erleiden hat. Den britischen Premier Tony Blair traf es vor drei Jahren, als Fotografen ihn in Badehose auf der Karibik-Insel Barbados erwischten. Tagelang debattierte das Volk über die Figur des Regierungschefs und echauffierte sich über seinen Geschmack. "Ich glaube, Mister Blair wollte nochmal auf jung machen", klagte ein britischer Urlauber, der seinen Premier am Strand traf. "Die Farbe (der Badehose) war abscheulich - irgendwas Grünliches - und vor allem war sie einfach zu eng."

Auch Helmut Kohl musste sich am Ende bloßstellen lassen: Nachdem er es jahrzehntelang erfolgreich hatte vermeiden können, wurde der damalige Kanzler 1997 im australischen Port Douglas doch noch in Badehose abgelichtet. Während sich die mitgereisten deutschen Fotografen auf Kohls Schnorcheltour am Great Barrier Reef an das Fotoverbot hielten, drückten einheimische Paparazzi am Tag darauf ab, als Kohl sich mit nacktem Oberkörper am Hotel-Pool zeigte.

Selbst die betont seriöse "FAZ" ließ es sich damals nicht nehmen, den Körper ihres Helden zu begutachten. "Jetzt kann die ganze Welt den deutschen Kanzler in der Badehose betrachten", schrieb das Blatt. "Er sieht, wie ein Blick in die australischen Morgenblätter ergab, ohne Anzug eigentlich nicht anders aus als mit: so wie man sich einen 'schwarzen Riesen' vorzustellen hat."



Forum - Ihre Meinung: Mehr Privatsphäre für Politiker?
insgesamt 106 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Jochen Hoff, 18.04.2006
1.
---Zitat von sysop--- Politiker stehen als Personen heute so intensiv wie nie zuvor im Licht der Medien-Öffentlichkeit. Sollte bei aller notwendigen Berichterstattung die Privatsphäre der Volksvertreter mehr respektiert werden? Wo sehen Sie die Grenzen? ---Zitatende--- Warum sollten Politiker mehr Anspruch auf Privatspähre haben als andere Menschen. Bei jedem Behördengang müssen die Menschen heute ihre Verhältnisse bis ins Kleinste offen legen, während die Politiker noch nicht einmal dem Bundestagspräsidenten sagen wollen, wer sie gekauft hat. Merkel wollte in die Öffentlichkeit, jetzt muss sie damit leben.
Krischi, 18.04.2006
2.
---Zitat von sysop--- Politiker stehen als Personen heute so intensiv wie nie zuvor im Licht der Medien-Öffentlichkeit. Sollte bei aller notwendigen Berichterstattung die Privatsphäre der Volksvertreter mehr respektiert werden? Wo sehen Sie die Grenzen? ---Zitatende--- Die Grenzen sind dann erreicht, wenn sich die "BILD" über die "Sun" empört. MfG
Marcus_B, 18.04.2006
3.
---Zitat von Jochen Hoff--- Warum sollten Politiker mehr Anspruch auf Privatspähre haben als andere Menschen. Bei jedem Behördengang müssen die Menschen heute ihre Verhältnisse bis ins Kleinste offen legen, während die Politiker noch nicht einmal dem Bundestagspräsidenten sagen wollen, wer sie gekauft hat. Merkel wollte in die Öffentlichkeit, jetzt muss sie damit leben. ---Zitatende--- Naja, wenn ich meine Daten einer Behoerde gebe herrscht ja immer noch eine Art Datenschutz. Aber was diese Zeitung da macht, Nacktfotos eines Politikers interessieren nun wirklich keinen, oder? Die Medien bringen ja nunmal nur was auch gekauft wird. Vielleicht sollten wir uns mal an die eigene Nase fassen und nicht jeden Muell ansehen, lesen... http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,411761,00.html Wer allerdings so nach oben strebt, das er Bundeskanzler wird, landet zwangslaeufig irgendwann in der Oeffentlichkeit.
kfé69, 18.04.2006
4.
Ich finde es schon beachtenswert, dass die Sun sich für das beste Teil unserer Kanzlerin interessiert. Man möge unseren englischen Freunden wünschen, wieder zu Ihrem british understandment zurückzukommen. Herr Chirac küsst die Hand, Herr Blair den ? Selbst den Journalisten in der "Sun" sollte klar sein, dass solche Ausführungen nur wieder dazu führen, dass Europa an Ibiza und San Antonio denken, wo sich britische Touristen den nackten Hintern auf der offenen Strasse schlagen lassen, um ohne Eintritt in einen Club zu kommen. Don't ask what th UK can do for you, but ask what you can do for the UK. Wenn der Hintern eines Menschen der Ausgangspunkt ist, wie es die "Sun" sugeriert" muss der Kontinent wohl noch etwas Geduld haben, um eine Maria Stuart, Shakespeare oder Andrew LLoyd Webber zu bekommen.
Constantinopolitana, 18.04.2006
5. ein entschiedenes JEIN!
Hallo, es kommt immer darauf an, nicht wahr? Zum einen - wie sehr drängt der Politiker selbst sein Privatleben in die Medien? Wenn jemand ganz bewußt seine Familie (v.d. Leyen) oder seine Hobbies (Möllemann) instrumentiert, dann muß er sich auch gefallen lassen, daß die Medien das gefundene Fressen auf eine Weise zubereiten, die ihm vielleicht nicht immer paßt. Zum anderen - wie sehr beeinflußt das Privatleben die Fähigkeit des Politikers, gute Politik zu machen? Wenn ein Politiker schwul ist (Westerwelle) oder einen kriminellen Sohn hat (Annan), sollte uns das eigentlich nichts angehen, aber wenn ein Politiker schwer alkoholabhängig und darum nur noch bedingt einsatzfähig ist (Jelzin), sollte der Wähler doch um die Risiken wissen, oder? Im allgemeinen bin ich eigentlich eher der Meinung, daß das Privatleben sogenannter "Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens" uns, die nichtöffentlichen Persönlichkeiten gar nichts anzugehen hat. In den allermeisten Fällen geht es doch um Liebes- oder Familiengeschichten, und was haben die mit Politik zu tun? Oder mit Kunst, Sport etc., falls es sich um Nichtpolitiker handelt? Mir jedenfalls ist es völlig gleichgültig, welche Entgleisungen sich welcher Prinz welchen Königshauses leistet, welcher Politiker wieviele unehelichen Kinder hat und welcher mit wessen Praktikantin ins Bett geht, wer gefärbte Haare oder einen künstlichen Busen hat. Gönnen wir ihnen ihren Spaß, wenn sie welchen haben, und stochern wir nicht in ihrem Elend herum, falls es ihnen dreckig geht. Und wenn sie irgendwelche Enthüllungsbücher über sich selbst oder übereinander schreiben, dann lesen wir sie am besten nicht (nicht jeder Politiker kann schreiben wie Churchill, und der beschrieb nicht sein Privatleben)! Allerbeste Grüße, Eva
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.