Messerattentat auf Rabbiner "Wir dürfen uns auf keinen Fall verstecken"

Die Messer-Attacke auf einen orthodoxen Rabbiner in Frankfurt hat eine Diskussion über No-go-Areas im Westen entfacht. Yosef Havlin, Rabbiner-Kollege des Opfers, spricht im Interview mit SPIEGEL ONLINE über seine Erfahrungen mit religiös motiviertem Antisemitismus.


SPIEGEL ONLINE: Herr Rabbiner Havlin, Sie haben Ihren Rabbi-Kollegen G. mehrfach im Krankenhaus besucht. Wie geht es ihm?

Havlin: Es geht ihm schon besser, er liegt nicht mehr auf der Intensivstation. Leider aber muss er noch bis kommende Woche im Krankenhaus bleiben. Das ist sehr schade, denn in den nächsten Tagen feiern wir das jüdische Neujahrsfest.

SPIEGEL ONLINE: Was hat er Ihnen über den Vorfall erzählt?

Havlin: Er ist sehr schockiert, dass solch ein Angriff auf offener Straße bei uns in Frankfurt passiert ist. Und dann auch noch auf der Eschersheimer Landstraße, nur ein paar hundert Meter vom Polizeipräsidium entfernt. Er hat gesagt, dass wir in die Zukunft schauen und unsere Aktivitäten verstärken sollen.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit konkret?

Havlin: Wir betreiben hier eine Talmud-Schule, wir arbeiten mit Kindern, wir bereiten jüdische Feiertage vor. Das ist die Hauptsache, wir müssen die Kraft haben, mit unserer Arbeit weiterzumachen, mehr als zuvor. Wir dürfen uns jetzt auf keinen Fall verstecken.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie persönlich schon einmal eine bedrohliche Situation in Frankfurt erlebt?

Havlin: Ich bin mehrfach von arabisch aussehenden Männern beleidigt worden. Wenn ich hier über die Einkaufsstraße, die Zeil, gehe, werde ich von ihnen manchmal abschätzig angesehen. Immer wenn die Situation im Nahen Osten, in Israel problematisch wird, dann nehmen die Pöbeleien hier bei uns zu. Eine Messerattacke aber gab es noch nie. Ich hoffe jetzt, dass der Täter bald gefunden und hoch bestraft wird. Das muss abschreckend wirken, damit so etwas nicht noch einmal passiert.

SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie sich jetzt, nach dem Angriff auf Ihren Kollegen, mit Kippa und als Rabbiner auf die Straße zu gehen?

Havlin: Nein. Heute Morgen zum Beispiel war ich in der Stadt unterwegs, da kamen Nichtjuden auf mich zu und sagten, dass ihnen das Geschehene leid tut, dass so etwas nicht passieren darf in Deutschland. Viele Leute sagen das. Das hilft.

SPIEGEL ONLINE: Charlotte Knobloch, die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat die Frage in den Raum gestellt, ob die Diskussion um No-go-Areas nicht auch auf andere Teile Deutschlands als nur den Osten bezogen werden muss. Sehen Sie Frankfurt als No-go-Area?

Havlin: Frau Knobloch war schon am Samstagmorgen im Krankenhaus bei meinem Rabbiner-Kollegen, sie kennt ihn gut, sie war ein paar Stunden nach dem Anschlag bei ihm. Die schockierenden Eindrücke haben möglicherweise zu Ihrer No-go-Area-Aussage geführt. Allerdings hat sie das mit einem Fragezeichen versehen. Und ich verstehe, dass sie sich fragt, wie der Angriff passieren konnte. Mein Handy steht nicht still, aus der ganzen Welt, aus Amerika, aus Israel bekomme ich Anrufe von Leuten, die fragen: Was ist da los bei euch? Natürlich gibt es ein paar Straßen in Frankfurt, die ich nicht zu Fuß betrete, sondern lieber im Auto passiere. Aber ich fühle mich wohl in Frankfurt, ich habe keine Angst, die Stadt ist keine No-go-Area.

SPIEGEL ONLINE: Wen erleben Sie als größere Bedrohung – Rechtsextreme oder Islamisten?

Havlin: In Frankfurt gibt es nicht viele Nazi-Vorfälle. Schmähungen auf der Straße erfahre ich eher von arabisch aussehenden Leuten. Ich habe heute morgen erfahren, dass die Deutschen ihre Solidarität bekunden.

Das Interview führte Sebastian Fischer



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