Mesut Özil Die Niederlage

Jetzt hat Deutschland wirklich verloren. Das WM-Debakel wird zur Nebensache im Vergleich zu dieser Niederlage. Mesut Özil war ein Symbol der Integration - nun wird er zum Symbol ihres Scheiterns.

Mesut Özil (Archivbild)
DPA

Mesut Özil (Archivbild)

Eine Kolumne von


Es gibt einen Dokumentarfilm über den schwarzen, schwulen Schriftsteller James Baldwin, der beginnt mit dem Ausschnitt einer amerikanischen Fernsehsendung aus dem Jahr 1968. Da fragte der Talkmaster: "Mr Baldwin, warum sind die Neger so schlecht drauf?" Und Baldwin antwortete, die Frage nach den "Negern" sei schon sehr interessant: "Die wahre Frage aber ist: Was passiert mit diesem Land?"

Heute lohnt sich die Frage: Was macht der Rücktritt Mesut Özils mit Deutschland?

Die deutsche Justizministerin Katarina Barley hat die klarsten Worte gefunden: "Es ist ein Alarmzeichen, wenn sich ein großer, deutscher Fußballer wie Mesut Özil in seinem Land wegen Rassismus nicht mehr gewollt und vom DFB nicht repräsentiert fühlt." Ein Alarmzeichen, weil Deutschland jetzt schon ein Einwanderungsland ist und es künftig noch mehr sein wird. Wenn Deutschland an der Integration von Zuwanderern und ihrer Nachkommen scheitert, scheitert es an sich selbst.

Die Fehler, die der Sportstar selbst gemacht hat, verblassen gegen die enorme Wucht der Botschaft, die von seinem Rückzug aus der Nationalmannschaft ausgeht: Die Kräfte des Rassismus sind stärker als die der Integration.

Ein deutscher Fußballer. Das ist Özil. Er ist in Gelsenkirchen geboren. Er hat die deutsche Staatsbürgerschaft - und nur die. Aber trotzdem sagt Baden-Württembergs CDU-Innenminister Thomas Strobl jetzt: "Niemand muss oder soll Wurzeln verleugnen. Freilich wünsche ich mir schon auch ein deutliches Bekenntnis für das neue Heimatland."

Strobl ist nur ein Beispiel. Er ist einer, der bestimmt von sich sagen würde: "Ich habe nichts gegen Ausländer." So wie Fußballmanager Oliver Bierhoff, dessen "Man muss auch verstehen, wie Türken ticken" ja schon Flügel bekommen hat. Aber Özil ist kein "Türke". Und Özil hat auch kein "neues Heimatland".

Er ist ein Deutscher mit Migrationshintergrund, der aber durch die niederschmetternde Dummheit und Borniertheit der Strobls und Bierhoffs regelmäßig zum Migrationsvordergrund wird. An solcher Dummheit und Borniertheit können jahrelange Bemühungen um Integration im Handumdrehen zerschellen.

In seinem Rücktrittsschreiben wirft Özil dem DFB-Chef und früheren CDU-Abgeordneten Reinhard Grindel offenen Rassismus vor: "In den Augen von Grindel und seinen Helfern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren." Diesen Satz hat der französische Fußballer Karim Benzema so ähnlich vor Özil gesagt, und unzählige Migranten und ihre Nachkommen überall auf der Welt wissen genau, was damit gemeint ist.

Und sie wissen auch, was Özil meint, wenn er sagt: "Ich habe zwei Herzen, ein deutsches und ein türkisches." Ja, so ist das, wenn man eine vielfältige, reiche, unklare, gebrochene Identität hat. Solche Identitäten gehören zu einer Einwanderungsgesellschaft. Sie machen sie lebendig, spannend, anstrengend, herausfordernd. Umso besser. Aber es gibt immer noch ein Deutschland, das damit nichts anfangen kann und will.

Die "Bild"-Zeitung schreibt jetzt von Özils "Jammer-Rücktritt", von "Selbstmitleid". Özil erfinde Geschichten von Benachteiligung, "um sich zum Opfer rassistischer Ungerechtigkeiten in den Medien zu machen". Aber es war die "Bild"-Zeitung, die nach den Erdogan-Bildern und erst recht nach der WM-Niederlage aus allen Rohren auf Özil feuerte:

"Özil denkt an sich - nicht an das Team."
"Özil fühlt sich nicht wohl im DFB-Trikot."
"2x Ärger - sonst nix von Özil!"
"Er pilgerte nach Mekka und liebt eine Miss Türkei."

Das Bild mit dem türkischen Präsidenten Erdogan wurde Özil über jedes vernünftige Maß hinaus vorgeworfen. Es war das geradezu willkommene Anti-Bild zu jenem aus dem Jahr 2010, das Özil beim Händeschütteln mit der Bundeskanzlerin in der Umkleidekabine zeigte, er mit nacktem Oberkörper, sie in einer grünen Bundeskanzlerinnenjacke. Die Öffentlichkeit machte sich aus diesen beiden Bildern ihr Bild von Özil: erst Integrationsmaskottchen, dann unbelehrbarer Türkenjunge. Aber beides sind Fantasien einer Gesellschaft, die mit ihrer neuen Identität als Einwanderungsgesellschaft hadert.

Mesut Özil mit Kanzerlin Merkel
AFP/ Bundesregierung/ Guido Bergmann

Mesut Özil mit Kanzerlin Merkel

Dabei ist Deutschland ein hohes Maß an Dichotomie im Umgang mit Erdogan nicht fremd: Wir halten Erdogan für einen Despoten - beliefern ihn aber mit Waffen. Und in der Flüchtlingspolitik und der Nato sind wir ohnehin auf ihn angewiesen. Nun ist Özil nicht Merkel. Er muss sich nicht mit Erdogan fotografieren lassen. Aber Türken, Deutsche, Deutschtürken, Türkendeutsche - sie haben alle dasselbe Recht auf Unvernunft, Dummheit und bekloppte Positionen.

Nein - in Wahrheit hat der, dem man seinen Migrationshintergrund andauernd unter die Nase reibt, mehr Recht darauf. Denn was sich die Selbstgerechten nicht vorstellen können, das sind die Kränkungen und die Demütigungen und was das mit dem Menschen macht.

Im Jahr 2012 hatte Özil Anzeige gegen unbekannt erstattet, nachdem ein anonymer Nutzer bei Twitter geschrieben hatte: "Özil ist garantiert kein Deutscher! Ein Stück Papier ändert nicht die Abstammung." Sechs Jahre, eine gewonnene und eine verlorene Weltmeisterschaft später, fragt er: "Gibt es Kriterien, ein vollwertiger Deutscher zu sein, die ich nicht erfülle? Meine Freunde Lukas Podolski und Miroslav Klose werden nie als Deutsch-Polen bezeichnet, also warum bin ich Deutsch-Türke? Ist es so, weil es die Türkei ist? Ist es so, weil ich ein Muslim bin?"

Diese Frage muss nicht Özil beantworten, diese Frage müssen die Herkunftsdeutschen beantworten.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Im Zweifel Links


insgesamt 314 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
JerryKraut 23.07.2018
1. Müssen wir
sie integrieren? Müssen die sich integrieren? Vielleicht sollten wir sie einfach leben lassen, wie sie wollen, solange sie unsere freiheitlich demokratische Grundordnung nicht durch Posieren mit Despoten, die sie als ihren Präsidenten bezeichnen, verächtlich machen. Ich wünsche Herrn Özil alles gute für seine Zukunft im Ausland.
Andreas P. 23.07.2018
2. Zitat Heiko Maas
„Ich glaube auch nicht, dass der Fall eines in England lebenden und arbeitenden Multimillionärs Auskunft gibt über die Integrationsfähigkeit in Deutschland.“ Damit ist alles gesagt und auf den Punkt gebracht. Bitte kein Integrationsdebatte, wo keine ist!
gottseidank.de 23.07.2018
3. Genau!
Jetzt zündet Mesut noch seinen Mercedes S-Klasse Coupé oder G-Klasse 600 AMG an und stellt einen nagelneuen Jaguar daneben und dann steigern auch die letzten Deutsch-Türken, wie ihr sie so gerne nennt, aus ihrem Leasingvertrag mit den Stuttgartern aus. So würde ich es machen. Die Arroganz “der Deutschen” ist wieder einmal nicht zu überbieten!
Eutighofer 23.07.2018
4. Erdogan und Grundgesetz schließen sich aus
Özil ist Deutscher und hier geboren. Von einem Deutschen und Mitglied der Nationalmannschaft erwarte ich, dass er einen Antidemokraten wie Erdogan nicht mehrfach (!) trifft und ihm kurz vor der "Wahl" in der Türkei Werbung verschafft. Beides zugleich, Erdogan und Grundgesetz, geht nämlich seit Erdogans Verhaftungswellen und Krieg gegen Kurden nicht mehr. Özil ist dabei leider kein Einzelfall. Die ca. 60% deutsch-türkischen Pro-Stimmen beim türkischen Verfassungsreferendum und jetzt auch wieder bei den türkischen Präsidentschaftswahlen stimmen traurig.
oledoledoffe 23.07.2018
5. Vielen Dank für sportlichen Einsatz
Mesut, nur in Hinblick darauf steht es mir als Fan und Mitbürger zu, dich zu beurteilen. Was du in deiner Zeit neben dem Fussball machst sei dir überlassen. Treffe dich mit wem du willst, glaube, was du willst. Du bist ein immer willkommener Landsmann. Vielleicht beerbst du ja Herrn Erdogan als Präsidenten? Alles Gute für die Zukunft!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.