Özil-Debatte und #MeTwo Mimimi Muslime?

In der Özil-Affäre geht es nicht nur um Rassismus. Es geht um die deutsche Islamfeindlichkeit. Der Muslim als Opfer? Das darf einfach nicht sein.

#MeTwo-Debatte bei Twitter
AP

#MeTwo-Debatte bei Twitter

Eine Kolumne von


Ganz Deutschland diskutiert. Die alte Boulevard-Schlagzeile, hier stimmt sie mal. Wie steht es um den Rassismus im Land? Und wer sind seine Opfer? Im Netz sammeln Migranten und ihre Kinder unter dem Zeichen von #MeTwo Erzählungen von Demütigung, Erniedrigung, Enttäuschung. Aber der Aufschrei hat gleich den Widerspruch zur Folge: Die Klage gegen den Rassismus im Land zeuge von nichts als Undankbarkeit, Selbstmitleid und Verfolgungswahn. Verdient Deutschland den "Rassismus-Hammer"?

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Heft 31/2018
Die Özil-Affäre und das Problem mit der Integration

Ganz so einfach ist es nicht. Denn der Fall Özil und sehr viele der #MeTwo-Fälle handeln nicht von irgendeinem Rassismus: Es geht um die Islamfeindlichkeit der Deutschen. Und es geht nicht um irgendwelche Migranten. Es geht um die Muslime. #MeTwo ist vor allem ein Aufschrei der deutschen Muslime. Die da jetzt im Netz über Diskriminierung berichten, heißen Nadir, Tayfun, Bahar. Es sind Migranten und deren Nachkommen aus muslimisch geprägten Ländern.

Wenn man italienischer Herkunft ist und - sagen wir - Giovanni di Lorenzo heißt, wird man in Deutschland heute seltener Opfer von Diskriminierung. Im Gegenteil: Dem Kartoffeldeutschen zaubert so ein Name ein beseeltes Lächeln ins Gesicht, und in der Pizzeria spendiert die Tochter vom Wirt noch einen Espresso.

Aber der Journalist Ali Can, Sohn kurdisch-alevitischer Eltern aus dem Südosten der Türkei, der den Anstoß zu #MeTwo gegeben hat, der weiß, was Diskriminierung bedeutet: Der deutsche Rassismus der Gegenwart zielt vor allem auf Muslime.

Religionszugehörigkeit wird ethnisiert

Nun sind Muslime keine "Rasse", und der Islam auch nicht. Dennoch trifft der Begriff Rassismus. Denn auch der Rassismus geht mit der Zeit. Biologistische Argumente sind ein alter Hut aus vergangenen Jahrhunderten. Heute geht es um Kultur.

Religionszugehörigkeit wird ethnisiert. Und Ressentiment tarnt sich als Religionskritik. Die "Islamkritik" ist ein Lieblingssport der rechten Deutschen geworden - dabei ist der Begriff ebenso unsinnig wie jener von der "Israelkritik". Ein ganzes Land ist gar nicht sinnvoll zu kritisieren, und die Kritik einer ganzen Religion sollte man lieber den Theologen überlassen.

Video: Initiator Ali Can über #MeTwo und Mesut Özil

Reuters

Étienne Balibar hat den Begriff vom "Rassismus ohne Rassen" geprägt. Das Rassistische liegt in der angenommenen Minderwertigkeit und Unveränderlichkeit des anderen. In Deutschland bedeutet das: Was früher die "Gastarbeiter" waren, sind heute die "Muslime".

Mit nicht zu überhörender Patzigkeit hat darum zum Beispiel Michael Wolffsohn in der "Bild" den Rassismusvorwurf zurückgewiesen: "Wenn Deutschland tatsächlich so rassistisch wäre, wie Özil - und auch Erdogan - behaupten, stellt sich die Frage, weshalb Millionen Menschen aus aller Welt, allen zuvorderst der islamischen, ausgerechnet nach Deutschland kommen oder kommen wollen."

So schlecht kann es also den Muslimen in Deutschland gar nicht gehen, wenn sie aus dem zerbombten Syrien hierher kommen, meint also Wolffsohn - der sich in einen bemerkenswerten assoziativen Zusammenhang begibt, wenn er schreibt, gerade er als Jude habe sowohl etwas gegen die "'Auschwitz-Keule'" als auch gegen den "Rassismus-Hammer", wenn damit auf unschuldige Deutsche eingeschlagen werde.

Wolffsohn hat mal Historiker gelernt. Quellenstudium gehört da eigentlich zur Ausbildung. Vielleicht ist das zu lange her, oder er hat nicht richtig aufgepasst. Jedenfalls hatte Özil gar nicht den deutschen Rassismus an sich angeklagt, sondern den Rassismus mancher Deutscher. Am Spielfeldrand, in seinem Verband, in den sozialen Medien. Um den Unterschied deutlich zu machen, hat er über diese Leute gesagt: "Sie repräsentieren ein Deutschland der Vergangenheit." Das Deutschland der Gegenwart ist also, so sieht es Özil, ein anderes.

Muslime dürfen keine Opfer sein

Bei den Dunkeldenkern deutscher Islamophobie ist dieser Unterschied gar nicht richtig angekommen. Warum? Weil bei ihnen das Bedürfnis übermächtig groß ist, einem Eindruck vorzubeugen, der sich auf gar keinen Fall einstellen darf: Muslime dürfen keine Opfer sein.

Der Deutsche kennt seine Muslime nämlich. Sie können sich nicht anpassen. Haben archaische Bräuche. Fühlen sich fremd in der Moderne. Haben weder Papst noch Luther. Gehören einer minderwertigen Kultur an. Und ihre Religion gehört auf keinen Fall zu Deutschland.

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Was heißt Religion? In den Dunkelstuben der rechten Alltagstheologen ist längst ausgemacht, dass der Islam gar keine richtige Religion sei - sondern eine Ideologie. Eine Herrschaftsideologie. Noch schlimmer: eine faschistische. Unterdrückung sei sein Programm: Unterdrückung der Frauen, der Homosexuellen, der Juden.

Und weil das alles so ist, können Muslime eben nie Opfer sein - sondern sind immer Täter. Das weiß doch jeder. Muslime, das sind die, die sich in die Luft sprengen.

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insgesamt 195 Beiträge
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Seite 1
curiosus_ 30.07.2018
1. Und was soll mir die Kolumne jetzt sagen?
Sehr viel Gefühl, keine Sachargumente. ---Zitat von Jakob Augstein--- ...und die Kritik einer ganzen Religion sollte man lieber den Theologen überlassen ---Zitatende--- *?* Damit hätte man dann die Kolumne beenden können. Wodurch, wenn nicht über das schriftliche Fundament und seine gelebte Auslegung, soll man sich denn über die Basis eines religiösen Menschen unterhalten? Das ist doch der Leitfaden seines Verhaltens. Sollte man die Kritik an irgend einem beliebigen anderen Thema auch den Fachleuten überlassen? Da würden ja ganze Berufsbilder, z.B. die des Kolumnisten, wegfallen. Kritik an Politikern nur noch von Politologen? Gut, Wahlen würden dann erheblich einfacher. Denn die Kompetenz dazu hätten dann auch nur noch ausgewiesene Spezialisten, alle andern wären ja gar nicht in der Lage dazu. Herr Augstein, ein Anhänger der Expertokratie? Das Dumme ist nur, dass jeder für sich selbst entscheiden muss, welchem Experten (also z.B. welchem Theologen) er glaubt. Denn leider gibt es da solche und solche. Womit das "sollte man lieber den ... überlassen" ad absurdum geführt wird.
payblack 30.07.2018
2. Kartoffeldeutscher? Ist das die Sprache die sie sprechen und mögen?
Und jetzt nennen sie mir mal bitte ein Obst oder Gemüse, den ich vor einen Einwohner eines anderen Landes, am besten eines im vorderen Orient, hängen könnte ohne das sie mir unterstellen könnten, in welchem klischeehaften Bewusstsein ich lebe. Es ist schon absurd was momentan alles in der Özil-Debatte ja auf den Tisch kommt. Ja, es gibt Vorbehalte gegen Muslime in Deutschland, die sehr verbreitet sind. Das ist bedauerlich, aber durchaus auch in Teilen nachvollziehbar. Schön wenn sie so reflektiert und informiert sind das sie nichts dergleichen spüren. Auch ich habe bereits eine der größten deutschen Moscheen besucht und einen sehr vielfältigen Eindruck erhalten. Aber während nach ihrer Interpretation "der Muslim" gar kein Opfer sein kann und darf - sieht er sich nicht anders herum genau eben in jener Opferrolle? Was kann man zu Özil sagen, der die ersten Jahre seines Lebens kein Wort deutsch gelehrt bekam, obwohl bereits sein Vater als Kleinkind nach Deutschland kam? Muss ich als "Deutscher" da gleich wieder in die Opferrolle und meine Schuld daran bekennen? Hat Özil nicht auch mit(!) Deutschland im Erfolg gefeiert und distanziert sich jetzt bei Gegenwind und Mißerfolg von denen, mit denen er einst jubelte? Oder gilt das nur anders herum? Ich würde mich wirklich freuen, wenn es mal eine ehrliche Diskussion darüber geben würde, wie wir miteinander leben wollen. Rechte, menschenverachtende Hetze hilft uns da sicher nicht weiter sondern vergiftet die Gesellschaft. Und ohne es auf die gleiche Stufe stellen zu wollen - aber dieser "linke" Reflex des "Schuld auf sich nehmens" hilft hier auch überhaupt nicht weiter. Diese Toleranz mit den Intoleranten grenzt oft schon an Selbstzerstörung.
sven2016 30.07.2018
3.
Jetzt doch mal tiefer hängen. Herr Özil und seine Erdogan-(zumindest)freundlichen Berater sind kein so tolles Beispiel für die Migranten und ihre Situation in Deutschland. Er ist nicht kritisiert worden, weil er sich nicht entscheiden mag, ob er zu einer Gesellschaft/einem Staat gehören will, sondern weil er sich opportunistisch die für ihn persönlich vorteilhafte Kombination herauspickt. Unpolitisch war das nicht, das hat er selber gemerkt. Hätte Herr Löw Werbung für den Diktator gemacht, wären ihm die Medienkommentare auch um die Ohren geflogen. Diese Dummheit muss nicht plötzlich eine Seehofersche Integrationsdebatte lostreten, auch wenn Sommerloch in den Medien ist.
charlybird 30.07.2018
4. Augstein, jetzt mal ehrlich,
das ist jetzt einfach nur noch p...... Ich bin als ehemaliger Ministrant übrigens ein großer Kritiker der Katholischen Kirche. Fragen Sie mich nicht warum. Ich bin übrigens nahezu jeder missionierenden Religion gegenüber kritisch eingestellt und da gehört auch der Islam zu, den ich, vorsichtig ausgedrückt, für die schlichteste aller monotheistischen Religionen halte. Hier könnten Sie mich fragen, warum ? Und ich würde Ihnen antworten, mich stört die simple dogmatische Auslegung bis hin zur kompletten unverständlichen Ablehnung alles Nichtislamischen. Die Sache mit den Frauen lasse ich mal außen vor. Ich habe übrigens mal in einem streng islamischen Teil eines Landes gelebt und gearbeitet. War nicht einfach. Nun ist diese Kolumne ja eine weitere im Zuge vieler an der Kritik des so unglücklichen Umgangs mit Fußballstar Özil, der bekanntlich Muslim ist. Aber das hat ihm meines Wissens nach doch gar keiner vorgeworfen. Da ist allerdings etwas, das ich zugeben muss, es gibt eine gewisse Ablehnung gegenüber dem Islam, ich würde es aber nach meiner eigenen Erfahrung in meinem Umfeld hier und den gemachten in Malaysia,Thailand und VAR, eher als Scheu bezeichnen.
die Stechmücke 30.07.2018
5. Religionen abschaffen
ist ene zukunftsorientierte Lösung und an deren Stelle eine Ethik definieren, die für alle gilt egal welcher Rasse oder Hautfarbe. Im Namen von Religionen und deren Administrationen sind schlimme Verbrechen an der Menschheit verübt worden. Sie werden nicht mehr benötigt.
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