Özil-Kritik Deutsche auf Probe

Man muss kein Özil-Fan sein, man kann sein Erdogan-Foto kritisieren, auch seine Rücktrittserklärung. Aber seine Vorwürfe, findet Raniah Salloum, sagen viel aus über ein Land, das im Umgang mit Migranten schon weiter war.

Deutsche und türkische Fahnen in Berlin (während der Fußball-EM 2008)
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Deutsche und türkische Fahnen in Berlin (während der Fußball-EM 2008)


Mesut Özil und mich verbindet eigentlich nichts - was kaum überrascht. Was haben mein Leben und das eines Ausnahmefußballers schon gemeinsam? Wenn ich seinen Dreiakter lese, teile ich vieles nicht, seine Zeilen zum Erdogan-Foto etwa. Und doch stelle ich fest, dass wir uns manchmal offenbar ähnlich fühlen.

Es geht bei Özils Rücktritt um so viel mehr als die Zukunft des DFB und der Nationalmannschaft. Özils Rücktritt oder vielmehr seine Begründung des Rücktritts ist symptomatisch für Deutschland im Sommer 2018.

Özil, ich und viele andere teilen offenbar dieses Gefühl, dass wir als Deutsche mit seltsamem Namen unser Deutschsein wieder viel stärker rechtfertigen müssen. Deutschland war da schon mal weiter. Doch seit einigen Jahren wird es wieder mehr: Bei mir sind es die "Geh doch dahin, wo..."-Zuschriften, die "Wo kommen Sie denn wirklich her?"-Nachfragen - und auch Lob der Art "Das hätte ich nicht gedacht, dass man mit jemanden wie Ihnen auf diesem Niveau sprechen kann".

Auch mich schmerzt, wenn mir manche mein Deutschsein aberkennen wollen. Ich reagiere dann meist wütend. Ich empfinde es schlicht als unverschämt und übergriffig, wenn ein anderer glaubt, mir meine Identität vorschreiben und mich quasi ausbürgern zu können.

Kein Mann, kein Kopftuch

Ja, das mag ziemlich jammernd und wehleidig klingen. Ich kann die Leute schon sagen hören: "Sie schreibt für den SPIEGEL, was will sie denn noch? So schlecht scheint es ihr ja nicht zu gehen?"

Und das stimmt, ich habe das riesige Glück, in einem Land geboren und aufgewachsen zu sein, in dem mein auf manche offenbar bedrohlich wirkender Name mir bisher fast nie im Weg stand. Vielleicht hat er mir manchmal sogar geholfen.

Vielleicht ist es ein Vorteil für mich, eine Frau zu sein, eine Frau, die kein Kopftuch trägt, denn ich vermute, mit Kopftuch oder als junger Mann mit so einem Namen wäre es schwieriger. Zumindest legen das Beschimpfungen nahe, die mich gelegentlich als SPIEGEL-ONLINE-Autorin erreichen.

Denn ab und an werde ich für einen Mann gehalten, oder aber mancher Leser ist der festen Überzeugung, dass sich hinter diesem Namen nur eine verschleierte Frau verbergen kann. Auch im Alltag habe ich es leicht: Die meisten tippen bei mir auf Spanien, also die gute Seite des Mittelmeers. Wer mich aber kennt, würde nie auf die Idee kommen, mich für etwas anderes als eine Deutsche zu halten.

Dass ich in Deutschland fast nie Nachteile wegen meines ausländisch klingenden Namens habe, ist keine Selbstverständlichkeit. Ich habe jahrelang in Frankreich gelebt, wo ich zum Beispiel bei der Wohnungssuche immer Mitbewohner mit anderen, vermeintlich weniger bedrohlichen Namen vorschicken musste. Ausländische Namen waren okay, solange sie nicht arabisch waren. In anderen Ländern werde ich bei der Einreise erst einmal stundenlang verhört und muss immer damit rechnen, nicht einreisen zu dürfen.

Ein immerwährender Identitätstest

Gerade allerdings habe ich den Eindruck, dass in Deutschland das Erreichte in Gefahr gerät. Dass Gräben wieder tiefer werden, die ich längst überwunden glaubte, dass wir uns im Beleidigungsaustausch zu verbarrikadieren drohen - "undankbare Jammermigranten" und "Rassisten".

Als ich klein war, warnte mein Vater, dass "wir", seine Kinder mit den seltsamen Namen, nie wirklich als Deutsche akzeptiert werden würden. Ich habe ihn dafür ausgelacht. Für mich waren das die Befindlichkeiten der ersten Generation, das hatte nichts zu tun mit meinem Leben. Natürlich bin ich Deutsche. Später nahm er den Satz zurück - Deutschland habe sich verändert, sagte er. Doch vielleicht habe ich damals zu früh gelacht?

Was fehlt mir denn noch? Ich wünsche mir, dass wir uns nicht anmaßen, für andere festzulegen, wo sie sich zugehörig fühlen dürfen. Ich wünsche mir, dass Deutsche, die vermeintlich anders aussehen, heißen oder klingen, sich nicht ständig für ihr Deutschsein rechtfertigen müssen.

Denn das gibt mir das Gefühl, Deutsche auf Probe zu sein.

So als könnte man mir mein Deutschsein, meine Heimat, wegnehmen - wenn ich nur einmal falsch antworte im immerwährenden Identitätstest, auf die Fragen, die ständig mehr werden und inzwischen von den Ess- und Trinkgewohnheiten bis hin zu Einschätzungen der türkischen Innenpolitik reichen.

Raniah Salloum ist Redakteurin im SPIEGEL-Auslandsressort. Sie wurde 1984 in Deutschland geboren, ihre Eltern stammen aus Deutschland und Syrien.

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slaritbartfass 23.07.2018
1. Keine Sorge
Egal ob Sie Deutsche sind oder nicht werden Sie von mir nicht anders geschätzt als jeder andere. Wenn Sie allerdings plötzlich anfangen würden mit Erdogan Fotos zu machen würde ich mich schon fragen warum Sie ausgerechnet in Deutschland leben wollen ( wie vielleicht auch 150 inhaftierte Journalisten oder 47,5 % der Türken welche anders gewählt haben). Das dieses Foto so hohe Wellen geschlagen hat habe ich anfangs begrüsst, das sich Ausländerfeindliche Komments dazugesellt haben ist eine andere Sache - das gilt es entschieden zu unterbinden !
Newspeak 23.07.2018
2. ....
"Özil, ich und viele andere teilen offenbar dieses Gefühl, dass wir als Deutsche mit seltsamem Namen unser Deutschsein wieder viel stärker rechtfertigen müssen. Deutschland war da schon mal weiter." Wissen Sie, was ironisch ist? Dass dieser neo-patriotische oder nationalistische Unsinn von einem Ereignis der jüngeren Vergangenheit besonders befeuert wurde. Dem "Sommermärchen". Vorher war es schlicht egal, ob man deutsch ist, oder nicht. Heute muss man schon "biodeutsch" sein, deutsch sein allein reicht nicht mehr. Jedem seien seine Wurzeln belassen, aber wenn ich mich nach aussen hin ständig darauf zurückziehe, muss ich mich doch nicht wundern, wenn ich auch so wahrgenommen werde. Vielleicht sollte man sich daher mal allgemein weniger aus der Nationalität machen, und diese nicht wie eine Monstranz vor sich her tragen, zumal der Zufall der Geburt darüber entscheidet. Wir sind alle Menschen, das sollte doch eigentlich reichen.
großwolke 23.07.2018
3. Und wo kommt das her?
Gäbe es nur solche wie Sie, Frau Salloum, es gäbe das Problem gar nicht. Man hatte sich gewöhnt an die Türken bei der Arbeit oder im Hauseingang, an gelegentliche seltsame Namen. Leider sind, spätestens seit Ausbruch der Asylkrise, die Medien voll von Beispielen, die einen seinen Optimismus hinterfragen lassen. Und damit meine ich gar nicht mal Asylbewerber, die hier schwere Straftaten begehen. Es geht eher um Geschichten wie die Unterwanderung Deutschlands durch vom Ausland gesteuerte islamische Religionsverbände, es geht um Berichte aus dem europäischen Nachbarland, in denen die muslimischem Bevölkerungsanteile schon größer ist als hier, und wie es aussieht, in gleicher Proportion auch alle bekannten damit verbundenen Probleme. Es ist zwar absolut unfair Menschen wie Ihnen gegenüber, die sich, weil sie ja auch von Geburt an nichts anderes kennen, hier prima eingepasst haben, aber wer tagtäglich mit solchen Meldungen konfrontiert ist, fragt sich schonmal: ist das jetzt eine von DENEN? Und kann man es den Leuten verdenken? Das ist ja keine völlig irrationale Paranoia, es gibt Gründe, so zu denken. Und ob Türke, Kurde, Araber - wer macht sich da schon die Mühe, zu differenzieren? Dank Erdogan wird das alles zu einer islamistischen Soße, wenn man denn in diese Richtung besorgt ist.
aggro_aggro 23.07.2018
4. Namen
Als blonder Deutscher mit einem Deutschen Namen, kann man die Situation natürlich sehr schwer nachvollziehen. Die Vernunft sagt natürlich, dass Migranten der dritten Generation und Deutsche mit einem ausländischen Elternteil ganz klar in fast jeder Hinsicht Deutsche sind (vielleicht bis auf die Familien Rezepte der Omma). Aber man bewertet den Namen immer unbewusst mit - vor allem wenn auch der Vorname ausländisch gewählt würde. Auch wenn es traurig für ein Einwanderungsland ist, In vielen Fällen hat eine Anpassung des Namens die Integration erleichtert. In den USA war es üblich auf Ellis Island und auch viele Russlanddeutsche haben aus Jewgeni wieder Heinrich gemacht bei der Einwanderung. Ansonsten bin ich zuversichtlich, dass in 50 Jahren auch deutsche Eltern ihre Söhne Mesut nennen und Türken ihre Söhne Thomas.
stern69 23.07.2018
5. ln welcher Welt leben sie denn nun oder gefällt ihnen das ?
Man mag das manchmal gar nicht glauben was sie da schreiben. Schriftliche, zumal anonyme Beleidigungen, dafür gibts den Mülleimer. Ihr zu Hause oder auch Heimat, na vielleicht Hamburg ? Aber wo muß man sich bewegen das man so einen Satz um die Ohren bekommt. " Das hätte ich nicht gedacht, dass man mit jemanden wie Ihnen auf diesem Niveau sprechen kann ? Ich arbeite in einem internationalen Konzern mit vielen Mitarbeitern die Kinder ehemals zu uns ! gekommener Migranten sind. Bei uns und in unserem Kunden/Partnerunfeld, da ist es ja nicht anders, wäre das genannte Verhalten undenkbar. Vielleicht, gewöhenn sie sich an nicht zu jammern, wer sei so beleidigt arbeitet eher nicht beim Spiegel, das ist doch auch was oder ?
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