#MeTwo-Debatte Hauptsache, ihr favt meine Tweets

Die #MeTwo-Debatte ist deshalb so interessant, weil sie so reich an Paradoxien ist. Eine davon: Die Stärke der Bewegung ist gleichzeitig ihre Schwäche - die rührende Selbstbezogenheit.

Demonstration gegen Rassismus in Berlin (Archiv)
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Demonstration gegen Rassismus in Berlin (Archiv)

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Wir sollen hinhören, was uns Menschen mit Wurzeln in anderen Ländern zu sagen haben. Also hören wir hin.

Beginnen wir mit dem Hashtag, unter dem die aktuelle Diskriminierungsdebatte läuft. Als ich zum ersten mal auf Twitter von "#MeTwo" las, dachte ich, jemand wolle einen Scherz machen. "Mich zwei?", fragte ich mich. Will hier jemand Migranten verhöhnen, dass sie nicht nur gebrochen Deutsch, sondern auch nur gebrochen Englisch können? Erst als das Hashtag wieder und wieder auftauchte, begriff ich, dass es sich um das Zeichen einer neuen Sammlungsbewegung handeln muss.

Die Zahl Zwei bedeute, dass zwei Herzen in seiner Brust schlügen, hat der Erfinder des Hashtags, der Autor Ali Can, erklärt. Aber das rettet die Sache nicht. #twohearts oder #doubleheart oder meinetwegen #*identity: Das hätte Sinn ergeben. Schlechtes Englisch ist immer eine schlechte Idee. Ungenaue Sprache führt zu ungenauem Denken, da bin ich ganz bei Wittgenstein.

Ein anderes Wort, über das sich nachzudenken lohnt, ist das Wort "Rassismus". Ich dachte, wir seien von der Idee abgekommen, dass man Menschen nach Rassen unterteilt. Dass es genetische Unterschiede zwischen Menschen gibt, steht außer Frage - sie sind sogar weitaus vielfältiger, als man lange annahm. Dennoch ist in der Biologie heute bestenfalls von "Unterarten" die Rede. Hautpigmentierung oder Gesichtsschnitt sind viel zu oberflächliche Kategorien, um darauf eine Taxonomie zu begründen.

In einer Debatte sollten Argumente zählen - nicht Herkunft oder Aussehen

Jakob Augstein hat jetzt den "Rassismus ohne Rasse" eingeführt, was ein cleverer Kunstgriff ist, aber das Dilemma nicht auflöst. Genauso gut könnte man von Fremdenhass ohne Fremde reden oder vom Sexismus ohne Sex. Sinnvoller wäre es, von Abwertung aufgrund der Herkunft oder des Aussehens zu sprechen, aber das ist den Aktivisten offenbar zu schwach.

Also verwenden sie lieber einen Begriff, der am Leben hält, was zu bekämpfen sie sich vorgenommen haben. Oder wie es der Werbefachmann Thomas Brasch auf Twitter schrieb: "Wer ständig RASSISMUS brüllt, wenn er Diskriminierung meint, braucht sich nicht wundern, wenn auch die kommenden Generationen noch weiter glauben, es gäbe MENSCHENRASSEN."

Die #MeTwo-Debatte ist, wie ihre Vorläuferin, an Paradoxien reich, das macht sie so interessant. Dass in einer Debatte Argumente und Ideen zählen sollten und nicht Herkunft, Aussehen oder Geschlecht, ist ein Prinzip, zu dem sich auch die #MeTwo-Teilnehmer bekennen. Gleichzeitig weisen sie jeden, der das falsche Geschlecht, die falsche Hautfarbe oder die falsche Einkommensklasse besitzt, drauf hin, dass er in der Diskussion nichts zu suchen habe, weil er zu weiß, zu männlich oder zu privilegiert sei.

Ein Beispiel, das immer wieder auftaucht, um Alltagsdiskriminierung zu belegen, ist die Frage: "Woher kommst du?" Beziehungsweise der Nachsatz: "Ich meine deine Eltern?" Dies wird als abwertend verstanden, weil der Fragende damit implizit ausdrückt, dass er es nicht für selbstverständlich hält, dass jemand mit einem dunklen Teint oder einem fremd klingenden Namen genauso selbstverständlich ein Deutscher sein könne wie er selbst.

Fair enough, würde ich sagen. Das würde mich auch nerven. Interessanterweise binden die gleichen Leute, die nicht wollen, dass man sie nach ihrem migrantischem Erbe fragt, jedem ungefragt auf die Nase, wie schwierig es für sie als Türkenkind / Marokkanerkind / Pakistanerkind ist, sich für eine nationale Identität zu entscheiden. Auch für diesen Zwiespalt habe ich Verständnis. Ich wundere mich nur, dass niemandem der inhärente Widerspruch aufzufallen scheint.

Seine Stärke bezieht #MeTwo aus seiner radikalen Subjektivität. Jeder Tweet gilt als Beweis, wie schlecht es in Wahrheit um das Zusammenleben zwischen Migranten und Einheimischen bestellt sei. Die Soziologie kann einen darüber aufklären, dass die anekdotische Evidenz ein äußerst unzuverlässiger Gradmesser zur Beurteilung gesellschaftlicher Zustände oder Veränderungen ist.

Wollte man wissen, wie es um die Integration in Deutschland steht, müsste man die Diskriminierungserfahrungen in Relation zu anderen Ländern mit einer ähnlichen Migrationsgeschichte setzen oder zu glücklicheren oder weniger glücklichen Zeiten in der deutschen Nachkriegszeit. Aber das interessiert die Teilnehmer nicht. Seht her, sagen sie: Die Masse der Beiträge beweist doch, wie sehr wir recht haben.

Auf rührende Weise selbstbezogen

Was die #MeTwo-Aktivisten übersehen, ist, dass genau dieser subjektive Ansatz die Wirkung ihrer Kampagne begrenzt. Wenn alles auf das eigene Empfinden hinausläuft, stimmt eben auch die Gegenempfindung, dass wir in Wahrheit ein weltoffenes, fremdenfreundliches Land seien, welches jedermann mit offenen Armen empfange, der sich an Sitten und Gepflogenheiten halte. Wo alles eine Frage des eigenen Erlebens ist und eben nicht der objektivierbaren Fakten, ist alles auch eine Frage der Anschauung und damit relativ.

In Wahrheit geht es vielen Teilnehmenden nicht darum, politisch aktiv zu werden. Politik bedeutet, ein Anliegen zu formulieren und Mehrheiten zu gewinnen. Den meisten Leuten, die unter dem Hashtag #MeTwo Erfahrungen beisteuern, reicht es völlig, dass ihnen auf Twitter jemand bestätigt, wie wahnsinnig wichtig er ihr Engagement finde, das ist Lohn genug. Umgekehrt setzt ihnen nichts so zu wie Kritik oder Spott, was für jede politische Auseinandersetzung eine schlechte Voraussetzung ist.

In zwei, drei Monaten wird man lesen, wie verhärtet die Gesellschaft sei, dass sie sich nicht habe bewegen lassen - so wie man jetzt in der "Süddeutschen" von einer der Befürworterinnen der #MeToo-Kampagne lesen konnte, dass die Gesellschaft das Gesprächsangebot, das #MeToo bedeutet habe, ungenützt habe verstreichen lassen. Dass #MeTwo das Land verändern wird, wie man im ersten Überschwang zu hören bekam, bleibt frommes Denken. Die Debatte ist auf rührende Weise selbstbezogen und deshalb harmlos.

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insgesamt 206 Beiträge
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Seite 1
Kurt-C. Hose 02.08.2018
1. Danke
Sehr klug analysiert, Herr Fleischhauer.
andreas_stöber 02.08.2018
2. Danke!
"Die Soziologie kann einen darüber aufklären, dass die anekdotische Evidenz ein äußerst unzuverlässiger Gradmesser zur Beurteilung gesellschaftlicher Zustände oder Veränderungen ist." Ach hätten doch die dutzenden Kommentatoren vor Ihnen das verstanden. Danke für den super Kommentar!
zeitungzeitung 02.08.2018
3.
Danke für diesen Artikel Herr Fleischhauer! Endlich wird dieses eigenartige #MeTwo mit Humor und Spitzfindigkeit vorgeführt.
MerlinXX 02.08.2018
4. Was mir in der Diskussion fehlt...
...ist der Hinweis darauf, dass fast alle Menschen - leider - krasses Mobbing wegen ihrem Aussehen erleben müssen, gerade in der Jugend. Ob man eine andere Hautfarbe hat, eine Brille oder dick ist, ist anderen Kindern ziemlich egal, fast jeder wird irgendwann zur Zielscheibe.
giespel 02.08.2018
5. Sehr schön
Fleischhauer versteht es uns mit schönen Worten zu sagen, wofür er die metwo Debatte hält, nämlich für ausgemachten Blödsinn. Womit er Recht hat. Aber das möchten nicht viele hören und es lässt sich auch nicht in Hashtagmanier unters Socialmediavolk streuen.
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