Politiker und #MeTwo "Du Scheiß-Araber, geh zurück in die Türkei"

Tausende schildern unter #MeTwo ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus. Außenminister Maas nennt die Twitter-Statements "beeindruckend und schmerzhaft" - und Abgeordnete schildern ihre eigenen Erlebnisse.

Omid Nouripour
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Die Rassismusdebatte nach dem Rückzug von Mesut Özil hat eine weitere Facette bekommen: Unter #MeTwo beschreiben Menschen mit Migrationshintergrund im Netz ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus in Deutschland. Sie sprechen über Probleme bei der Wohnungssuche, Bemerkungen über ihre Hautfarbe, flache Witze über gestohlene Autos.

Auf Twitter schalten sich inzwischen auch Politiker mit ausländischen Wurzeln in die Debatte ein. Sie sagen von sich selbst, dass sie eigentlich privilegierte Positionen innehaben. Dennoch haben auch sie zum Teil bittere Episoden der Diskriminierung erlebt oder erleben sie noch heute.

Cem Özdemir von den Grünen beschreibt auf Twitter ein Erlebnis aus seiner Kindheit:

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) nannte die Erfahrungen, die unter #MeTwo erhoben werden, "beeindruckend und schmerzhaft". Rassismus sei in Deutschland noch immer ein Problem. "Gerade der flapsige Spruch bei der Arbeit oder die verächtliche Geste in der Bahn können manchmal schmerzhafter sein als die platten Parolen von Halbstarken mit Glatzen", schreibt Maas.

Ähnlich sieht es Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD): "#MeTwo zeigt gerade eindrucksvoll wo wir stehen. Ausgrenzung, Hass und der ganz alltägliche Rassismus gehen uns als ganze Gesellschaft an", schreibt Barley auf Twitter. "Danke für die vielen persönlichen, beklemmenden und manchmal auch hoffnungsvoll stimmenden Tweets."

Cansel Kiziltepe (SPD) ist seit 2013 Mitglied des Bundestags. Mit dem SPIEGEL sprach sie über ihre Erfahrungen mit Rassismus im Alltag: "Woher kommen Sie eigentlich? - Das ist eine Frage, die man immer wieder gestellt bekommt. Selbst dann, wenn man Abgeordnete ist und also solche gar nicht im Bundestag sitzen könnte, wenn man keine Deutsche wäre", sagte die gebürtige Berlinerin.

"Ein anderes Beispiel für Alltagsrassismus war das Aufnahmegespräch meiner Tochter für die Oberschule. Da wurde ich gefragt, ob ich zwangsverheiratet wurde. Das sind so die Klischees, mit denen man lebt."

Cansel Kiziltepe
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Cansel Kiziltepe

Danyal Bayaz sitzt seit Oktober letzten Jahres für die Grünen im Bundestag. Seine Mutter stammt aus Deutschland, sein Vater aus der Türkei. In seiner Jugend habe das Thema Rassismus keine große Rolle gespielt: "Ich komme aus Heidelberg, einer Uni-Stadt, die akademisch und international geprägt ist. Ich habe da keine Erfahrung mit Rassismus gemacht", sagt Bayaz dem SPIEGEL. "Vielleicht bin ich am richtigen Ort aufgewachsen. Vielleicht hatte ich einfach Glück."

Danyal Bayaz
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Danyal Bayaz

Doch als er in das Parlament einzog, habe sich das grundlegend geändert: "Jetzt ist das anders, denn seit meiner Wahl in den Bundestag schlagen mir erstmals rassistische Beleidigungen von rechts entgegen." Es gebe aber auch "krasse Anfeindungen aus der türkischen Community", sagt Bayaz, der die deutsche und die türkische Staatsangehörigkeit besitzt.

"Rassismus hat viele Gesichter. Das wurde mir zum Beispiel jüngst bewusst, als ich öffentlich gemacht habe, dass ich bei den Wahlen in der Türkei meine Stimme - für Demokratie und Rechtsstaat - abgegeben hatte. 'Dann verpiss dich doch in die Türkei, Kanake', sagen die einen. 'Was mischt du dich ein, du Haustürke', sagen die anderen."

Grigorios Aggelidis
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Grigorios Aggelidis

Grigorios Aggelidis (FDP) wurde in Hannover geboren und hat griechische Wurzeln. Seit 2017 sitzt er im Bundestag. "Deutschland ist und bleibt für mich das Land, in dem ich viele Chancen bekommen habe, gut aufgenommen wurde, und das zur Heimat geworden ist", sagt Aggelidis dem SPIEGEL. Allerdings müsse er, wenn er an seine Jugend zurückdenke, mit Bedauern feststellen, "dass nach 35 Jahren immer noch die gleichen trennenden Debatten über die kulturellen und religiösen Hintergründe geführt werden".

Aziz Bozkurt ist Bundesvorsitzender der AG Migration und Vielfalt der SPD. Dem SPIEGEL schildert er folgenden Vorfall aus seinem Alltag: "Ein Mann steigt in die Tram ein. Vertieft ins Lesen, nehme ich nur ein Gegrummel wahr. Eine Mitfahrerin reißt mich mit ihrem lauten Ausspruch aus meiner Lektüre: 'Lass den Mann in Ruhe. Hör auf mit dem Scheiß.' Erst jetzt verstehe ich: Das Gegrummel galt mir: 'Was suchst du hier in meinem Land?! Hau ab, geh in dein Erdogan-Land zurück, du Hinterwäldler.'"

Omid Nouripour sitzt seit 2006 für die Grünen im Bundestag. Auf Anfrage des SPIEGEL formuliert er zwei Episoden aus seiner politischen Arbeit: "Wenn mich ein älterer Herr am Wahlkampfstand anschreit, ich dürfe nicht Kampagnen machen, denn 'was mit euch Ausländern passiert, entscheiden allein wir Deutschen.' #MeTwo"

Und: "Wenn die beste Hassmail an mich iranischstämmigen Bundestagsabgeordneten lautet: 'Du Scheiß-Araber, geh zurück in die Türkei.' #MeTwo".

asa



insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
kuac 27.07.2018
1.
Politiker und #MeTwo: "Du Scheiß-Araber, geh zurück in die Türkei"? Die Schulbildung von vielen Abgehängten scheint ungenügend zu sein. Die Türkei ist nicht an allem schuld.
nandinda 27.07.2018
2. Kaltland
In ihrem bereits 1984 erschienenen Erzählband "Kaltland - Wa´schate Ssard" schildert de persischstämmige Schriftstellerin TORKAN in sieben ergreifenden Kurzgeschichten jene Gefühlskälte, der Ausländer im deutschen Alltag ausgesetzt sind (perspol-verlag, Hamburg 1984, 222 Seiten). Die Zeitschrift "emma" schrieb in ihrer seinerzeitigen Rezension: "...Ein Buch, nachdem es nicht mehr möglich ist, die herrschende Ausländerfeindlichkeit zu verdrängen..." Ein Buch - so aktuell wie heute.
qjhg 27.07.2018
3. Und salonfähig werden diese Äußerungen
durch Politiker wie die Herren Söder, Dobrindt und Seehofer, die mit Wortschöpfungen wie Asyltourismus, Anti Abschiebeindustrie usw.. Man kann nur hoffen, dass die Wähler dieses Mal bei der Wahl erkennen, dass uns die ständige Abschiebepolitik dieser Herren kein Stück voran, mehr noch, nur noch zurück wirft. Anständige Integrationspolitik mit mehr Lehrern an Schulen, Arbeitsverhältnissen für Flüchtlinge und einem markanten Anstieg von Sozialbauten hätte uns viel weiter gebracht und auch Wohnraum schon jetzt wieder bezahlbarer gemacht. Zusammenfassend läßt sich sagen, dass die Politik von Populisten uns bisher nur geschadet hat!!
widower+2 27.07.2018
4. Bildung!
Die Mail an Nouripour ist mehr als entlarvend für deren Schreiber. Iraner sind keine Araber und Araber keine Türken. Wer da schon so durcheinander kommt, hat in der Schule wohl nicht richtig aufgepasst und in seinem ganzen Leben wohl noch kein vernünftiges Buch gelesen.
nofreemen 27.07.2018
5. Probleme kann man auch suchen
Komische Debatte. Ein halbes Lebenlang im Ausland gelebt und nie Probleme gegabt. Klar gab es auch hin und da ein Spruch. Das nimmt man sportlich und konzentriet sich wieder auf das wesentliche. In Deutschland scheinen die Leute dünnhäutiger zu sein.
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