Crystal-Meth-Vorwurf Der Fall des Abgeordneten Hartmann

In der SPD hatte Michael Hartmann einen guten Ruf. Jetzt kämpft er gegen den Verdacht, Drogen gekauft zu haben. Auf die Spur des Innenexperten kamen die Ermittler über eine Dealerin.

SPD-Politiker Hartmann: Was steckt hinter den Drogenvorwürfen?
MARCO-URBAN.DE

SPD-Politiker Hartmann: Was steckt hinter den Drogenvorwürfen?

Von Florian Gathmann, und


Berlin - Am Dienstag hatte Michael Hartmann seinen letzten großen Auftritt. In der SPD-Bundestagsfraktion ergriff er am Nachmittag das Wort. Es ging um Asylrecht und die doppelte Staatsbürgerschaft. Hartmann ging ins Detail, der Auftritt war lang und leidenschaftlich, die Kollegen waren angetan.

Zwei Tage später denken viele Sozialdemokraten ungläubig an diese Szene zurück. Hartmann werden sie in der Fraktion wohl so schnell nicht wieder sehen. Der 51-Jährige hat sich zurückgezogen, die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn. Der Vorwurf: Kauf von Drogen. Aber nicht irgendwelche. Es geht offenbar um Crystal Meth, eine der gefährlichsten Substanzen auf dem Markt.

Der Fall macht die Genossen fassungslos. Nach Sebastian Edathy steht schon wieder ein Innenpolitiker der SPD im Fokus der Justizbehörden. Und dann auch noch Hartmann. Gut vernetzt, ambitioniert, themensicher. Ein politischer Profi. Sicher, als guter Pfälzer trank der Mann aus Pirmasens gerne mal ein Weinchen, heißt es von Kollegen. Aber Crystal Meth - eine zerstörerische Droge, vielen bekannt aus der US-Fernsehserie "Breaking Bad"? Kann das wirklich sein?

Die Ermittler sind sich offenbar sehr sicher. Nach SPIEGEL-Informationen stießen sie auf den SPD-Abgeordneten im Zuge einer größer angelegten Fahndung in der Berliner Drogenszene, die bereits vor über einem Jahr gestartet wurde. Die Spur führte zu einer 43-jährigen Dealerin namens Silke C. Die Drogenfahnder nahmen die Frau ins Visier, zapften ihr Telefon an und observierten sie.

Crystal Meth in der Kleingartenlaube "Samoa"

Laut Anklageschrift vom 6. Mai 2014 soll die Frau ihre Kunden in einer Gartenlaube in der Kleingartenkolonie "Samoa" in Tempelhof-Schöneberg empfangen haben, wo sie das Methamphetamin für einen Preis zwischen 65 und 130 Euro pro Gramm verkaufte. Auch Hartmann muss den Ermittlern wohl bei der Observation aufgefallen sein.

Nach ihrer Festnahme identifizierte die Dealerin den SPD-Mann und gab Details preis: So berichtete sie den Ermittlern offenbar von drei Fällen, in denen der Sozialdemokrat Crystal Meth bei ihr gekauft haben soll, insgesamt weniger als fünf Gramm. Laut Anklage gegen die Dealerin soll sie Hartmann unter anderem am 6. Oktober 2013 ein Gramm Methamphetamin verkauft haben.

In der SPD, so heißt es, merkte niemand etwas davon, dass Hartmann womöglich verbotene Substanzen kaufte. Nicht seine Kollegen in der Arbeitsgruppe Innen, nicht seine Mitarbeiter in der Fraktion. Er schaltete sich nicht mehr ganz so häufig in öffentliche Debatten ein wie früher. Aber kann das nicht ganz andere Gründe gehabt haben?

Für Hartmann selbst müssen die Ermittlungen überraschend gekommen sein. Noch am Mittwochmorgen ist er auf einem Termin der Gewerkschaft der Polizei, geht anschließend in die Sitzung des Innenausschusses, setzt ein paar Tweets ab. Um 15 Uhr befasst sich der Immunitätsausschuss mit seinem Fall.

Offenbar lassen die von der Staatsanwaltschaft vorgelegten Fakten den Mitgliedern des Gremiums keine andere Wahl - sie empfehlen dem Plenum, die Immunität Hartmanns aufzuheben. Dann geht, wie üblich in Immunitätsfällen, alles sehr schnell. Um 16.02 Uhr unterbricht Bundestagsvizepräsidentin Edelgard Bulmahn die laufende Sitzung und lässt über den Antrag mit der Nummer 18/1990 abstimmen. Eine Formsache.

Fall Hartmann birgt politische Brisanz

Hartmann ist da offenbar schon in seiner Berliner Privatwohnung und öffnet den Ermittlern die Tür. Seine Räume werden durchsucht - gefunden wird nichts. Die Ermittlungen dauerten an, sagt ein Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft.

In der SPD sorgt der Fall für Nervosität. Dass innerhalb kürzester Zeit zwei Innenpolitiker Probleme mit dem Gesetz bekommen, sieht nicht gut aus. Zudem bricht den Genossen wichtige Expertise weg. Auf dem Feld der Innenpolitik hat die Partei nicht allzu viele Talente. Jetzt ist die Bundestagsfraktion auf diesem Gebiet personell noch ausgedünnter. Als Nachfolger für den Sprecherposten wird Rüdiger Veit gehandelt, über die Personalie soll dem Vernehmen nach aber erst nach der Sommerpause entschieden werden.

Der Fall Hartmann birgt auch deshalb besondere Brisanz, weil der Sozialdemokrat als Mitglied des klandestin tagenden Parlamentarischen Kontrollgremiums tiefe Einblicke in das Agieren der deutschen Sicherheitsdienste hatte. Keine angenehme Vorstellung für die Sozialdemokraten und die Bundesregierung. Deshalb dürfte man gerade mit Blick auf die Sitzungen der vergangenen Monate prüfen, welche Informationen in dem Gremium ausgetauscht wurden.

Gut genug vernetzt war Hartmann, so viel ist klar. Im Bereich der Sicherheitspolitik zeigte sich der SPD-Abgeordnete umtriebig und erarbeitete sich beste Kontakte. Auf der Feier zu seinem 50. Geburtstag im vergangenen Mai, den der Sozialdemokrat in einem Lokal im Regierungsviertel beging, war alles, was Rang und Namen in der Szene hatte, unter anderem der Präsident des Bundeskriminalamts, Jörg Ziercke.

Jetzt will sich Hartmann erst einmal eine Weile zurückziehen. Äußern möchte er sich auf Anfrage zunächst nicht. Der Politiker bemühe sich derzeit um Akteneinsicht bei der Staatsanwaltschaft, sagt sein Anwalt.



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insgesamt 186 Beiträge
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Seite 1
virginia 03.07.2014
1. hartmann
BREAKING BAD live!
mangeder 03.07.2014
2. fragwürdig
Wenn der Mann tatsächlich von Crystal Meth abghängig sein sollte, würde der doch nicht so gesund und wohlgenährt aussehen. Und bei dieser Art von Drogen hätte man längst auch eine auffällige Verhaltensänderung bemerken müssen.
PeterPaulPius 03.07.2014
3. Bauchweh
Zitat von sysopMARCO-URBAN.DEIn der SPD hatte Michael Hartmann einen guten Ruf. Jetzt kämpft er gegen den Verdacht, drogenabhängig zu sein. Auf die Spur des Innenexperten kamen die Ermittler über eine Dealerin. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/michael-hartmann-chrystal-meth-vorwurf-gegen-spd-politiker-a-979000.html
Mir wird immer ganz übel, wenn Innenpolitiker auffällig werden. Grundsätzlich traue ich dem Geheimapparat alles zu. Wie gesagt grundsätzlich.
GyrosPita 03.07.2014
4. Ich gebe keinen Titel mehr an
Zitat von mangederWenn der Mann tatsächlich von Crystal Meth abghängig sein sollte, würde der doch nicht so gesund und wohlgenährt aussehen. Und bei dieser Art von Drogen hätte man längst auch eine auffällige Verhaltensänderung bemerken müssen.
Die Bilder von völlig kaputten Wracks die man aus USA kennt sind Extremfälle. Diese Leute haben über Jahre exzessiv das Zeug konsumiert, gleichzeitig aber nullkommanull medizinische Versorgung genossen. Ist ja nicht so das man von heute auf morgen so verwelkt. Davon abgesehen scheint es mir so das mal wieder von übereifrigen Polizisten/Staatsanwälten einer "abgeschossen" werden soll...
unumvir 03.07.2014
5. Schon bemerkenswert,
welche moralischen Untiefen offenbar ausgerechnet bei jenen aufzutreten pflegen, die irgendwie in die Kontrolle von Geheimdiensten involviert sind.
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