Sachsens Ministerpräsident in Chemnitz Kretschmer im Kreuzverhör

Während Rechtspopulisten auf den Chemnitzer Straßen protestieren, sucht Sachsens Ministerpräsident den Dialog mit den Bürgern. Sie bereiten Michael Kretschmer einen frostigen Empfang. Der Frust in der Stadt sitzt tief.

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Aus Chemnitz berichtet


Als ein Chemnitzer den sächsischen Ministerpräsidenten zum wiederholten Mal unterbricht, verschärft Michael Kretschmer den Ton: "Sie brauchen hier gar nicht so rumzuschreien", fährt er den Mann an. Bis dahin hatte der CDU-Politiker ganz im Stil eines Landesvaters versucht, die Gespräche bei der Diskussionsveranstaltung am Donnerstagabend möglichst konfliktfrei zu moderieren.

"Langsam, langsam, langsam", unterbricht der 43-Jährige immer wieder die Wortmeldungen der Chemnitzer, die ihm zahlreiche Vorwürfe machen. Der Bürgerdialog entwickelt sich schnell zum Kreuzverhör für den Ministerpräsidenten.

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Kretschmer in Chemnitz: Dialog und Protest

Spontane Aufmärsche von Rechtsextremen, eine überforderte Polizei, ein Haftbefehl, der plötzlich im Internet verbreitet wird: Seit dem vergangenen Sonntag ist die Stimmung in Chemnitz aufgeheizt. Nach dem tödlichen Angriff auf den 35-jährigen Daniel H. am Rande des Stadtfestes befinden sich Stadt und Landespolitik im Krisenmodus. Ein Iraker und ein Syrer sitzen als Tatverdächtige in Untersuchungshaft.

Wer in diesen Tagen mit Menschen in Chemnitz spricht, gewinnt den Eindruck einer gespaltenen und verunsicherten Stadt.

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Das zeigt sich auch beim "Sachsengespräch" im Stadion des Chemnitzer FC. Der Termin für den Bürgerdialog stand schon vor den Ereignissen am vergangenen Wochenende fest. Seit Monaten tourt Kretschmer durch das Land, will die Probleme der Menschen verstehen - auch weil der CDU im kommenden Jahr bei der Landtagswahl die Ablösung als stärkste Kraft durch die AfD droht.

Als Kretschmer um 20.04 Uhr die Veranstaltung eröffnet, zeichnet sich bereits ab, wie hitzig die Stimmung ist. Auf schwachen Applaus für den Auftritt des Ministerpräsidenten und einiger seiner Minister folgen während seiner Ansprache "Buh"- und "Haut ab"-Rufe. Als Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig zur Rede ansetzt, entlädt sich erneut der Frust der Menschen in Zwischenrufen. "Jetzt kriegt sie endlich ihr Fett weg", sagt ein Besucher.

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"Die Leute verlieren die Geduld mit der Politik"

Hunderte Chemnitzer haben sich für diesen Tag angemeldet. Sie wollen Antworten auf ihre Fragen - und die drehen sich vor allem um die Flüchtlingspolitik. Der tödliche Angriff auf den Deutschen Daniel H. ist dabei nur der Tropfen, der für viele Chemnitzer das Fass zum Überlaufen brachte.

Die Hauptkritik vieler Bürger hat dabei meist zwei Ebenen: Einerseits eine aus ihrer Sicht verfehlte Flüchtlingspolitik. Und andererseits die fehlende Möglichkeit, diese öffentlich zu kritisieren, ohne direkt als Rechtsextremist bezeichnet zu werden. Nicht alle denken an diesem Abend so. Doch die, die so denken, sind bei der Veranstaltung zumindest lauter.

"Die Leute verlieren die Geduld mit der Politik", sagt ein Mann Anfang 60, der in Chemnitz aufgewachsen ist. Der Osten sei zweitklassig behandelt worden, dafür gebe es nun die Quittung, meint er. "Oder was glauben Sie, warum die AfD so stark abschneidet?"

Andere hingegen sind enttäuscht von der Oberbürgermeisterin. "Sie hat sich nach dem Angriff nicht schützend vor die Chemnitzer gestellt, sondern alle, die an der Demo am Montag teilnahmen, pauschal als rechtsextrem bezeichnet", sagt eine Chemnitzerin. Tatsächlich ist die Bürgermeisterin am Donnerstagabend die Politikerin, die am lautesten ausgebuht wird.

Aber auch Kretschmer sieht sich einer Vielzahl von Kritiken und Anschuldigungen ausgesetzt: Einige Chemnitzer sagen, sie fühlen sich auf der Straße nicht mehr sicher. Andere wollen mehr Druck bei der Integration. Zwischendurch wird die Presse für die Eskalation der Geschehnisse in Chemnitz verantwortlich gemacht. Die Kameras, so lautet der Vorwurf, hätten bei der Demonstration am Montag nur auf die paar Männer geschwenkt, die den Hitlergruß gezeigt hätten - obwohl daneben normale Leute gestanden hätten.

Der 43-jährige Ministerpräsident wirkt sichtlich angestrengt zwischen all den Fragen. Er sieht erschöpft aus nach Tagen des Ausnahmezustands in Sachsen. Es ist ein mühsamer Kampf, die Anschuldigungen der Bürger wiederholen sich, vieles dreht sich im Kreis. Kretschmer bleibt trotzdem meist geduldig, balanciert zwischen Verständnis und klaren Ansagen.

Er hat vor allem eine Botschaft: "Wir werden alles tun, damit dieses Verbrechen aufgeklärt und gesühnt wird." Gleichzeitig fordert er die Chemnitzer auf, sich klar von Rechtsextremisten abzugrenzen.

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Kretschmer in Chemnitz: Dialog und Protest

Immerhin eine Fragestellerin springt dem Ministerpräsidenten an diesem Abend dann doch bei: "Ich muss eine Lanze für Sie brechen: Sie waren einer der wenigen, die nicht alle als Nazis bezeichnet haben, die am Montag an der Demo teilgenommen haben. Das waren Menschen wie du und ich", sagt die Frau. Kretschmer schmunzelt. "Na endlich sagt es mal einer."

Während drinnen die Diskussionen meist von Frust und laustarken Zwischenrufen geprägt ist, bleibt die Lage vor dem Stadion ruhig. Das rechte Bündnis "Pro Chemnitz" hatte auch für den Besuch des Ministerpräsidenten eine Demo organisiert. 900 Menschen versammelten sich. Die Polizei registrierte eigenen Angaben zufolge mindestens acht Straftaten, darunter Verstöße gegen das Versammlungsgesetz und das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Die befürchtete Eskalation blieb aus. Die Lage sei entspannt, erklärte die sächsische Polizei. Man sei "optimal vorbereitet und organisiert" gewesen.



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