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Chodorkowski-Freilassung: Wie Genscher den Deal mit Putin verhandelte

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Gerade aus der Haft entlassen, kam Putin-Gegner Michail Chodorkowski direkt nach Berlin. Seine spektakuläre Freilassung verdankt er Hans-Dietrich Genscher. Der Ex-Außenminister verhandelte hinter den Kulissen - und rang Präsident Putin am Ende einen Deal ab.

Begnadigung: Kreml-Gegner Chodorkowski in Deutschland Fotos
AFP/ khodorkovsky.ru

Berlin - Am Ende seiner sehr langen Reise ist Michail Chodorkowski erschöpft, zugleich aufgekratzt und vermutlich einfach nur glücklich. Laut spricht er auf Russisch in ein Mobiltelefon, in seiner Hand klingelt ein weiteres Gerät die ganze Zeit Sturm. Es ist kurz nach 15 Uhr deutscher Zeit, und jeder seiner Freunde und Verwandten will den weltbekannten Ex-Häftling jetzt sprechen, an diesem ersten Tag in Freiheit nach zehn Jahren Haft.

Neben Chodorkowski in der Limousine, die vom Flughafen Berlin-Schönefeld in Richtung Innenstadt fährt, sitzt Hans-Dietrich Genscher, der ehemalige deutsche Außenminister. Auch er ist aufgeregt, ja sogar emotional bewegt. "Einen Mann, der so viel gelitten hat, in Freiheit zu sehen, hat mich sehr berührt", sagt Genscher. "Er hat für seine politische Meinung einen sehr hohen Preis bezahlt." Genscher ist froh, dass er helfen konnte.

Die Szene am Nachmittag markiert das vorläufige Ende eines aufregenden Tages voller widersprüchlicher Nachrichten über den früheren Öl-Magnaten Chodorkowski. Erst am Morgen war er aus dem Straflager Segescha in Russland freigekommen, kurz zuvor hatte Präsident Wladimir Putin seinen politischen Widersacher nach zwei durch und durch politischen Prozessen und vielen Jahren Haft ganz plötzlich begnadigt.

Ex-Chefdiplomat Genscher war vermutlich einer der wenigen, die von der Nachricht nicht überrascht worden war. Seit Monaten hatte sich das außenpolitische Schwergewicht in Absprache mit der Bundesregierung für Chodorkowski eingesetzt, sprach sogar zweimal mit Präsident Putin persönlich über die Causa des politischen Gefangenen, bat ihn schließlich um eine Begnadigung "aus humanitären Gründen", da die Mutter Chodorkowskis krank sei.

Nachdem Putin einlenkte, ging alles schnell. Genscher organisierte von einem befreundeten Unternehmer einen Cessna-525-Privatjet, der kurz nach der Freilassung am Freitag in St. Petersburg abhob und Kurs auf Berlin nahm. Die Moskauer Botschaft hatte bereits organisiert, dass der Freigelassene dort eine Einreisegenehmigung, gültig für ein Jahr, erhalten sollte, das Auswärtige Amt schickte deswegen einen Diplomaten zum Airport.

Dann stand Chodorkowski vor Genscher

Als der Jet um 15.08 Uhr landete, war es dann soweit: Mit kahlrasiertem Kopf, eingehüllt in einen blauen Winterparka, steigt Chodorkowski langsam aus der Maschine, Bundespolizei und mehrere schwarze Vans schirmen die Szene von Neugierigen ab. Dann steht er vor Genscher. "Er sagte mir später, dass er sich auf dem Flughafen zum ersten Mal richtig frei fühlte", beschreibt der später den Moment, "man kann sich das kaum vorstellen."

In aller Hektik des Freilassungskrimis aber kam es zu einem spektakulären Missverständnis: So war Chodorkowskis Mutter Marina, die an einer Krebserkrankung leidet und deswegen seit Monaten in einer Berliner Klinik behandelt worden war, bereits vor einigen Tagen zurück nach Moskau geflogen. Als sie am 10. Dezember entlassen wurde, sagte sie den Ärzten, vielleicht könne sie dort ihren Sohn ja endlich mal wieder sehen.

Zu dem Treffen mit der Familie kommt es nun erst am Samstag in Berlin, dort will Chodorkowski zunächst einige Tage bleiben. "Er ist erschöpft, aber sehr glücklich, endlich in Freiheit zu sein", so Ex-Minister Genscher nach der Freilassung. Zugleich bat er um Verständnis, dass sich Chodorkowski zunächst zurückziehen solle. Im Hintergrund war indes nicht zu überhören, wie Chodorkowski laut mit Freunden telefonierte.

Gnadengesuch kein Schuldeingeständnis

Genscher bedankte sich ausdrücklich bei den anderen Beteiligten der Operation Chodorkowski. Konkret nannte er Bundeskanzlerin Angela Merkel, Ex-Außenminister Guido Westerwelle und Ulrich Brandenburg, den deutschen Botschafter in Moskau. Nur gemeinsam hätte man die Freilassung herbeiführen können. Über Präsident Putin sagte er, seine Entscheidung sei "bedeutsam und ermutigend", ausdrücklich "auch für andere Fälle".

Auch wenn sich Michail Chodorkowski zunächst in Berlin nicht selbst äußerte, stellte der langjährige Gefangene klar, dass sein Gnadengesuch keinesfalls als Schuldeingeständnis zu verstehen sei. Vielmehr habe er das Gesuch allein wegen seiner kranken Mutter gestellt. Schon diese knappen Zeilen auf der Webseite des Russen machen deutlich, dass sein politischer Kampf mit der Ausreise nach Berlin keineswegs vorbei ist.

Wie es in seinem Leben weitergeht, kann Chodorkowski nun völlig frei bestimmen. Zunächst hieß es am Freitag in Berlin, er wolle in die Schweiz weiterreisen. Freunde des Russen hingegen sagten später, er werde wohl erst einmal nach London fliegen.

Ein deutscher Beamter, der den Tag verfolgte, prophezeite vor allem ein kurzfristiges Programm: "Vermutlich wird er sich nach den Jahren im Lager erst einmal richtig in einem vernünftigen Hotel ausschlafen wollen."

Dass Chodorkowski in Berlin die gewünschte Ruhe bekommt, erschien am Abend unwahrscheinlich: Nachdem sich das Gerücht verbreitet hatte, der prominente Gast befinde sich im Luxus-Hotel Adlon am Brandenburger Tor, stellte sich vor der Herberge eine ganze Schar von Kamerateams aus aller Welt auf.

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insgesamt 419 Beiträge
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1. Genscher
Esib 20.12.2013
Genscher = einer der besten und fähigsten FDPler, die es gab. Vielleicht sollten sie ihn reaktivieren und auf seine Ratschläge hören, um wieder eine Chance zu haben?
2. es ist grandios ...
Hilfskraft 20.12.2013
... und Genscher ein wahres Schlitzohr. Er kann diese lächerlichen Figuren, die sich jetzt als "Regierung" fälschlich bezeichnen, 1000x in die Tasche stecken. Solche Leute brauchen wir !!!
3. Freue mich für Chordokowski.......
rambo-1950 20.12.2013
da er "Diktator" Putin nicht nachgegeben hat. Dazu bin ich überzeugt, dass Chordokowski nichts anderes getan hat als all die vielen Oligarchen! Unterschied war für mich, dass er ein ausgesprochener und hartnäckiger Gegner für Putin war und ist und solche Personen für Putin unliebsam sind und bleiben. HOCHACHTUNG vor Hans Dietrich Genscher dem dieser DEAL gelungen ist. Keine/r der heutigen Verantwortlichen wären dazu fähig bzw in der Lage*****
4. genschman wieder da!
benvoglio 20.12.2013
die titanic-redaktion wird ihre helle freude haben: genschman hat wider zugeschlagen. und der spiegel diese woche hat unrecht: einige der alten männer sind noch konstruktiv tätig und den liberalen idealen verpflichtet.
5. so werden legenden gemacht
roline 20.12.2013
hier ein artikel von n- tv zum thema politisch (b)gefangen: Donnerstag, 25. Juli 2013 Urteil gegen Chodorkowski rechtens legendenMenschenrechtsgerichtshof erfreut Moskau Nach Ansicht des Europäischen Menschengerichtshof befindet sich Russlands prominentester Gefangener zu Recht im Straflager. Der Prozess gegen den Ex-Oligarchen Chodorkowski sei zwar unfair gewesen. Doch Beweise für ein politisch motiviertes Verfahren gibt es den Richtern zufolge nicht. Der erste Prozess gegen Michail Chodorkowski war nach Einschätzung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) nicht politisch motiviert. Die Straßburger Richter warfen Russland zwar mehrere Verstöße gegen die Europäische Menschenrechtskonvention vor. Der Prozess im Jahr 2005 sei unfair gewesen, weil die Vertraulichkeit des Verhältnisses zwischen Anwälten und Mandanten verletzt worden sei. Auch beim Sammeln und Auswerten von Beweisen habe es Unzulänglichkeiten gegeben. Die Vorwürfe gegen Chodorkowski und Lebedew hätten aber auf einer "soliden Grundlage" gestanden. Den Vorwurf, die Moskauer Richterin sei befangen gewesen, wies das Gericht als nicht ausreichend begründet zurück. Auch wurde der Vorwurf zurückgewiesen, die Angeklagten hätten nicht ausreichend Zeit gehabt, ihre Verteidigung vorzubereiten. Die Unterbringung der beiden Verurteilten in Straflagern in Sibirien und im hohen Norden Russlands bezeichneten die Straßburger Richter dagegen als "nicht gerechtfertigt". Es liege ein Verstoß gegen das Recht auf Privat- und Familienleben vor, weil die Familien die Inhaftierten nicht hätten besuchen können.
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