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Mieses Krisenmanagement: Bund und Länder streiten über Bekämpfung der Vogelgrippe

Vergammelnde Vogelkadaver, die nicht eingesammelt werden, fehlende Absperrungen: Das Krisenmanagement auf Rügen lässt zu wünschen übrig. Doch wer ist dafür zuständig? Bund, Land und Gemeinde machen sich gegenseitig verantwortlich.

Berlin - Die Kritik prasselte von allen Seiten auf die Rügener ein: Der Mecklenburgische Landwirtschaftsminister Backhaus ist sauer, Bundesminister Seehofer sowieso, und der Amtsleiter von Rügen-Nord, Karl-Heinz Walter, sieht sich mit dem Problem plötzlich massenhaft auftauchender Vogelkadaver allein gelassen.

Rügen: Feuerwehrmänner suchen auf der Insel nach Tierkadavern
Getty Images

Rügen: Feuerwehrmänner suchen auf der Insel nach Tierkadavern

Es fehle ein schneller Draht zu Entscheidungsträgern, bemängelte Walter heute der Hörfunktagentur dpa/Rufa. Der Vogelgrippe-Alarm habe deutlich gemacht, dass alles viel zu lange dauere, nicht zuletzt wegen der "Ohnmachtsbürokratie". Wichtig und richtig wäre die Einrichtung eines Notfonds für bestimmte Materialen. "Wir mussten Desinfektionsmittel erst in Apotheken bestellen", sagte der Amtsleiter.

Überhaupt: Die öffentliche Kritik, es sei fehlerhaft gehandelt worden, sei nicht gerechtfertigt. Walter gab zu bedenken, dass die geographische Lage des Fundorts der verendeten Vögel wegen der Steilküste und des unwegsamen Geländes "kompliziert ist". Verschiedene Feuerwehren seien im Einsatz, um tote Vögel einzusammeln. "Wichtig ist es, weiteren Schaden zu verhindern und unser Image aufzuwerten", betonte er.

Landwirtschaftsminister Horst Seehofer kündigte heute an, nach der Krise über eine Neuverteilung der Kompetenzen zwischen Bund und Ländern sprechen zu wollen. Derzeit sei aber nicht die Zeit, über Zuständigkeiten zu streiten.

Nach den teils chaotischen Zuständen auf Rügen forderte Seehofer alle Bundesländer auf, ihre Notfallpläne für den Fall eines Vogelgrippe-Ausbruchs zu prüfen. Es sei von der Möglichkeit auszugehen, "dass sich das Geschehen geografisch erweitert", sagte Seehofer heute in Berlin. Deshalb sei es wichtig, "dass wir gut vorbereitet sind".

Seehofer hatte den Behörden auf der betroffenen Ostseeinsel schwere Pannen vorgeworfen und größere Befugnisse für den Bund gefordert. Bei einem so gravierenden Fall müsse es eine Bundeszuständigkeit geben, um sofort einsatzfähig zu sein, sagte er gestern Abend im ZDF. Seehofer kritisierte indirekt das zögerliche Vorgehen des zuständigen Landkreises auf der Insel Rügen. Er warf den Behörden auf der Ostseeinsel vor, die Kadaver der verendeten Tiere zu langsam eingesammelt zu haben. Wenn schon kein rascher Abtransport der toten Schwäne möglich gewesen sei, hätte es wenigstens Absperrungen geben müssen. Dies sei nicht erfreulich gewesen. "Solche Bilder gehen um die Welt."

Schwere Vorwürfe gegen Landrätin

Auch der Schweriner Agrarminister Till Backhaus wirft dem Landkreis Rügen Versäumnisse vor: Es hätte sofort Katastophenalarm ausgelöst werden müssen, sagte der Sozialdemokrat. "Wir hätten dann anders agieren können." Bundeswehrsoldaten hätten beim Einsammeln toter Vögel helfen können, und moderne Bundeswehr-Hubschrauber hätten zur Ortung toter Tiere über die Insel fliegen können. Backhaus wies Landrätin Kerstin Kassner die volle Verantwortung zu. Sie habe bisher abgelehnt, den Katastrophenfall auszurufen. Das Land schickte Backhaus zufolge 67 Helfer mit 20 Fahrzeugen sowie 100 Schutzanzüge. Der Landkreis habe 400 Portionen des Grippemittels Tamiflu für die Helfer bereitgestellt.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Hans-Joachim Hacker sagte dem Privatsender "Antenne Mecklenburg-Vorpommern": "Das ist eine Kritik aus der warmen Berliner Stube, die sich leicht anlässt, wenn man die Verhältnisse vor Ort nicht kennt." Unions-Fraktionschef Volker Kauder (CDU) wies Seehofers Forderung nach einer größeren Zuständigkeit des Bunds beim Seuchenschutz zurück. Hier bedürfe es keiner neuen Zuständigkeit, sondern einer engen Zusammenarbeit von Bund und Ländern, sagte Kauder im ZDF.

Nordteil Rügens ist Vogelgrippe-Zone

Der Nordteil der Insel Rügen wurde fast komplett zur Vogelgrippe-Zone mit verschärften Schutzmaßnahmen erklärt. Schutzzonen wurden um die Orte Schaprode, Liddow, Dranske und Juliusruh eingerichtet. Helfer sammelen weiter tote Vögel ein. Mühselig arbeiteten sie sich dabei auf dem brüchigen Eis vor. Stündlich verendeten weitere Vögel, sagte Landrätin Kerstin Kassner (Linkspartei.PDS).

Die Vogelgrippe
Virus
DDP
Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
AP
Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
AP
Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

Südlich von Rügen im Greifswalder Bodden waren am Donnerstag mehr als 50 tote Schwäne geborgen worden. Die Tiere waren auf einem 500 Meter breiten Streifen auf dem Eis festgefroren, Proben seien noch von drei Tieren genommen und zum Landesamt nach Rostock eingesandt worden, sagte der stellvertretende Landrat von Ostvorpommern, Armin Schönfelder (CDU), in Anklam. Es war der erste größere Fund toter Schwäne außerhalb des bisherigen Vogelgrippegebiets im Westen Rügens. Für Hausgeflügel in ganz Deutschland gilt seit heute wieder Stallpflicht, bei Verstößen sind laut Agrarministerium bis zu 25.000 Euro Strafe fällig. ler/AFP/dpa/ddp

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