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Migration: Forscher geben Sarrazin Mitschuld an Abwanderung

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Mieses Zeugnis für die deutsche Politik: Deutschland wird für ausländische Fachkräfte immer unattraktiver - zugleich wandern qualifizierte Nachwuchskräfte aus, glaubt der Sachverständigenrat für Integration. Schuld daran sei auch Thilo Sarrazin.

Ausländische Arbeitskräfte in Deutschland: "Attraktiver werden nach innen und außen" Zur Großansicht
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Ausländische Arbeitskräfte in Deutschland: "Attraktiver werden nach innen und außen"

Berlin - Thilo Sarrazin hat in Deutschland verheerende Spuren hinterlassen. Zu diesem Urteil kommen die Wissenschaftler des Sachverständigenrats Integration und Migration (SVR) bei der Vorstellung ihres Jahresgutachtens 2011. "Den größten Flurschaden hat Sarrazin bei der Stimmung unter den Einwanderern angerichtet", sagt der bekannte Migrationsforscher Klaus J. Bade. Aber auch die Attraktivität Deutschlands nach außen habe durch die Äußerungen des Ex-Bundesbankers gelitten. "Sarrazin hat Deutschland ein doppeltes Eigentor beschert", so Bade. In Umfragen sei ein eklatanter Vertrauensverlust zu diagnostizieren, der Optimismus hinsichtlich Integration sei abgestürzt, so Bade.

Zum zweiten Mal legt der Sachverständigenrat sein Jahresgutachten vor - die neun Wissenschaftler, darunter neben Bade auch Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts, verstehen sich als Bewertungsgremium. Sie wollen die Regierung handlungsorientiert beraten.

Das Ergebnis ihres neuen Berichts ist eine Ohrfeige für die Politik. "Der Braindrain läuft", sagt Forscher Bade. Deutschland brauche ein komplett neues Steuerungssystem für Zuwanderung. In den vergangenen 15 Jahren habe das Land eine halbe Million Menschen mehr ans Ausland verloren als neu dazugewonnen. Menschen im besten Erwerbsalter, die durchschnittlich höher qualifiziert seien als die arbeitende Bevölkerung Deutschlands. Von all jenen, die in den vergangenen Jahren ins europäische Ausland abwanderten, hätten 49 Prozent einen Hochschulabschluss, in der Bevölkerung seien es nur 29 Prozent. "Man wird sich in Berlin beeilen müssen. Die Konkurrenz schläft nicht", warnt Bade. Deutschland müsse attraktiver werden - nach außen und nach innen. Eine weltweite Umfrage habe ergeben, dass Deutschland nach Einschätzung von Führungskräften in der Rangliste der Talentschmieden auf Platz vier rangiere - hinter China, den USA und Indien. Es sei also damit zu rechnen, dass aus Deutschland weiterhin gezielt abgeworben werde, so Bade.

Die Forscher haben konkrete Verbesserungsvorschläge ausgearbeitet. Sie fordern ein Drei-Säulen-Modell, um mehr Fachkräfte nach Deutschland zu holen.

  • Das Mindesteinkommen für ausländische Hochqualifizierte müsse von derzeit 66.000 Euro Jahresbrutto auf 40.000 Euro gesenkt werden.

  • Studenten aus dem Ausland sollen nach dem Abschluss statt einem, zwei Jahre Zeit bekommen, um in Deutschland einen Arbeitsplatz zu finden. Sie seien "die ideale Zuwanderergruppe", jung , gut qualifiziert, vertraut mit deutschen Institutionen und der Sprache.
  • Ein flexibles Punktesystem müsse eingeführt werden. Zunächst solle es einen Modellversuch geben, der begrenzt ist auf jene Bereiche, die am stärksten unter Fachkräftemangel leiden: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik. Wer eine bestimmte Punktzahl erreicht hat, solle auch ohne Arbeitsvertrag nach Deutschland kommen können. Ein hohe Punktzahl soll es, so fordern es die Forscher, für akademische Abschlüsse geben, für gute Englisch- oder Deutschkenntnisse, junge Fachkräfte sollen älteren vorgezogen werden.

Außerdem müsse es einen realistischen Blick auf mögliche neue Herkunftsgebiete künftiger Zuwanderer geben, etwa aus Nordafrika, aus Zentralasien, aus Indien. Diese Länder würden an Bedeutung gewinnen, die Verbindungen zu ihnen müssten ausgebaut werden.

Ändere sich an der deutschen Migrationspolitik nichts, seien die Aussichten düster, so das Resümee der Wissenschaftler. Komme es zu keiner erneuten Wirtschaftskrise könnten Deutschland 2015 schon drei Millionen Arbeitskräfte fehlen, so Migrationsforscher Bade.

Positiv bewertet der Wissenschaftler hingegen die temporäre Zuwanderung Niedrigqualifizierter. Hier sei Deutschland in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich gewesen. 2009 seien fast 300.000 Zuwanderer vorwiegend aus Osteuropa für eine befristete Arbeit gekommen.

Einen grundsätzlichen Vorwurf richtet der Sachverständigenrat an die Politik: Sie spiele mit vermeintlichen Ängsten der Bevölkerung, nehme die Menschen nicht ernst. Die Politik muss aufhören, eine "Kulturpanik zu schüren, die die Gesellschaft spaltet" und dürfe das Land nicht weiter nach außen blamieren, so Bade. Die Bürgergesellschaft nämlich sei bezüglich Migrationsthemen viel informierter, vernünftiger und belastbarer als es die Politik annimmt. Das sei das Ergebnis des Migrationsbarometers des SVR, für das knapp 2500 Personen befragt wurden.

So befürworte knapp die Hälfte aus der Mehrheitsgesellschaft eine weitere Aufnahme von Flüchtlingen und Asylsuchenden, unter den Migranten sind es dem Barometer zufolge knapp 41 Prozent. 60 Prozent aller Befragten wollen mehr Hochqualifizierte nach Deutschland holen, insgesamt sorgen sich die Menschen, weil das Land immer mehr Qualifizierte verliere. "Es tut sich eine Kluft auf zwischen aufgeregten Diskussionen und einer Bevölkerung, die Migration gut informiert und interessengeleitet sieht", so Gunilla Fincke, Geschäftsführerin des SVR.

Auch zu den politischen Umwälzungen in der arabischen Welt nahm der Rat Stellung. Forscher Bade forderte eine Art Marshall-Plan für Nordafrika - die EU müsse den Ländern Entwicklungsperspektiven bieten. Grundsätzlich müssten Entwicklungs- und Migrationspolitik enger miteinander verknüpft werden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. ...
D50 13.04.2011
Macht doch nichts. Solange die Unterschichtler bleiben ist doch alles in Butter.
2. wir brauchen mehr sicherheit und stabilität im wirtschaftsleben
Gebetsmühle 13.04.2011
Zitat von sysopMieses Zeugnis für die deutsche Politik: Deutschland wird für ausländische Fachkräfte immer unattraktiver -*zugleich wandern qualifizierte Nachwuchskräfte aus, glaubt der Sachverständigenrat für Integration. Schuld daran sei auch Thilo Sarrazin. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,756735,00.html
wäre ich ein gut ausgebildeter junger akademiker mit junger familie, ich würde dieses land auch verlassen. hierzulande gibts für fachkräfte nicht mehr viel zu erben und die kinderfeindlichkeit der gesellschaft ist auch nicht gerade ein druckmittel zum bleiben. man kann es beinahe täglich erleben, dass junge leute auswandern, weil sie hier in firmen und an den hochschulen nur noch unterbezahlte billig- oder halbtagsjobs, befristet auf 1 jahr bekommen. wen soll das locken? wer soll da bleiben? wer gründet da eine familie, die auf sicherheiten angewiesen ist? wer baut da noch ein haus? diese gesellschaft ist instabil geworden und dazu haben natürlich die schwätzer alla sarrazin am meisten beigetragen. so kann das nix werden.
3. Bestätigung statt Widerlegung
mont_ventoux 13.04.2011
Zitat 1 aus dem Artikel: „Von all jenen, die in den vergangenen Jahren ins europäische Ausland abwanderten, hätten 49 Prozent einen Hochschulabschluss, in der Bevölkerung seien es nur 29 Prozent.“ Zitat 2: „Positiv bewertet der Wissenschaftler hingegen die temporäre Zuwanderung Niedrigqualifizierter.“ Wo wird denn hier Sarrazin widerlegt? Er wir doch geradezu bestätigt: Deutschland schafft sich ab! Wenn man eine vernünftige Einwanderungspolitik betreiben will, dann darf man nicht die Falschen durch das Sozialsystem anlocken und die richtigen durch das Steuersystem abschrecken.
4. Gebe Ich den Forschern voll Recht !
thepunisher75 13.04.2011
Zitat von sysopMieses Zeugnis für die deutsche Politik: Deutschland wird für ausländische Fachkräfte immer unattraktiver -*zugleich wandern qualifizierte Nachwuchskräfte aus, glaubt der Sachverständigenrat für Integration. Schuld daran sei auch Thilo Sarrazin. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,756735,00.html
Wenn jemand so rassistiche Vorurteile als "Fakten" veröffentlicht werden sich die Migranten, die in Deutschland leben fragen, warum sie in so einem rassistisch geprägten Land überhaupt noch bleiben sollen. Dank Sarrazin ist die Wahre Seite vieler Deutscher zum Vorschein gekommen und die ist schlicht und einfach Ausländerfeindlich. Und da sollte die Regierung etwas für tun damit diese Haltung nicht noch schlimmer wird, besonders da wir im 21. Jahrhundert leben, wo Multi-kulti, Grenzüberschreitendes Miteinanderleben und sogar das Wissen das manche Deutsche nicht 100% Deutsche sind total normal ist.
5. ...
debreczen 13.04.2011
Zitat von sysopMieses Zeugnis für die deutsche Politik: Deutschland wird für ausländische Fachkräfte immer unattraktiver -*zugleich wandern qualifizierte Nachwuchskräfte aus, glaubt der Sachverständigenrat für Integration. Schuld daran sei auch Thilo Sarrazin. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,756735,00.html
Die Sache mit dem angeblichen Fachkräftemangel wird allmählich wirklich peinlich. Wie wäre es an dieser Stelle mal mit einem kleinen Hinweis darauf, daß die Lohnentwicklung für Fachkräfte in Deutschland bescheiden ist? Daß es nicht an Fachkräften, sondern an Billigheimer-Fachkräften fehlt, weil die Investmentgruppen am liebsten auch noch die Ingenieure über Aufstocker subventionieren lassen möchten? Und daß unsere sagenhaft erfolgreiche Exportwirtschaft jeden Groschen dreimal ins Ausland transferiert, ehe er ins hiesige Bildungssystem fließt? Es ist wirklich nicht Sarrazins Schuld, daß die hiesigen Niedriglöhne für angeblich "Unqualifizierte" nur dann attraktiv sind, wenn hier einer drei Monate mit geschlossenen Augen durcharbeitet und dann das Geld zurück in ein Land mit extrem geringen Lebenshaltungskosten trägt. Und solange es sich die Betriebe leisten können, jeden über Vierzig aus lauter Angst vor krankheitsbedingten Fehlzeiten gleich aus dem Bewerberpool auszusortieren, "fehlen" denen auch keine Fachkräfte.
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Das neue Integrationsprogramm
Fast 200 Seiten stark ist das Integrationsprogramm des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Darin haben Experten die bestehenden Integrationsmaßnahmen zusammengefasst und Empfehlungen für die Weiterentwicklung gegeben. Ein Überblick:
Deutschkenntnisse
Der Bericht betont die Rolle von Deutschkenntnissen für die Integration. Die Angebote zur sprachlichen Bildung in Kindertageseinrichtungen und Schulen müssten eng aufeinander abgestimmt sein - auch zwischen den verschiedenen Bundesländern. Empfohlen werden gemeinsame Angebote zum Deutschlernen für Eltern und ihre Kinder.
Integrationskurse
Der Bericht empfiehlt, die Integrationskurse mehr zu nutzen, um die Teilnehmer für den Arbeitsmarkt fit zu machen. So sollten Migranten stärker auf berufsbezogene Deutschkurse im Anschluss an den Integrationskurs hingewiesen werden. Zudem müsse darauf geachtet werden, dass nicht zu viel Zeit vom Abschluss des Integrationskurses bis zu einem Eintritt in den Beruf vergehe.
Lehrer mit Migrationshintergrund
Die Experten plädieren dafür, mehr Lehrer mit ausländischen Wurzeln zu gewinnen. Sie seien an deutschen Schulen immer noch die Ausnahme. Sie könnten Kenntnisse in Herkunftssprachen und Einblicke in andere Traditionen und Kulturen in den Unterricht einbringen. Damit die Aufnahme eines Studiums - auch auf Lehramt - nicht am Geld scheitert, werden Stipendienprogramme angesprochen.
Verbände
Sie sollten sich stärker für junge Migranten öffnen, rät der Bericht. Angeregt wird eine stärkere Zusammenarbeit mit Schulen und Migrantenorganisationen. Menschen mit Migrationshintergrund könnten dabei eine Art "Brückenfunktion" wahrnehmen, um junge Leute für die Verbandsarbeit zu gewinnen.

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Zugewanderte Akademiker: Die verhinderte Integration von Fachkräften
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Migranten in Deutschland: Integration mit Hindernissen

Die deutschen Zuwanderungsregeln
Die Regelungen für die Zuwanderung von Fachkräften nach Deutschland sind zuletzt am 1. Januar 2009 reformiert worden. Vor allem für Akademiker wurde der Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtert. 2011 will die EU die Hürden mit der Einführung der "Blue Card" weiter senken. Für Nicht- und Geringqualifizierte gilt weiterhin ein Anwerbestopp.
Einkommensschwelle
Keine Probleme haben Forscher und leitende Angestellte, die so viel verdienen, dass sie die Beitragsbemessungsgrenze der allgemeinen Rentenversicherung erreichen. Sie liegt in diesem Jahr bei 66.000 Euro. Diese Hochqualifizierten erhalten sofort eine sogenannte Niederlassungserlaubnis, die ihnen die gleichen Rechte zugesteht wie deutschen Arbeitnehmern. Auch ihre Familienangehörigen dürfen arbeiten.
Vorrangsprinzip
Fachkräfte mit weniger lukrativen Stellen müssen sich weiterhin dem "Vorrangsprinzip" unterwerfen. Sie bekommen den Job nur, wenn die Bundesarbeitsagentur feststellt, dass es keinen deutschen Bewerber dafür gibt. Ihr Aufenthalt wird befristet. Erst nach drei bis fünf Jahren können sie mit einer Niederlassungserlaubnis rechnen.
Selbständige
Selbständige können ohne Probleme zuwandern, wenn sie mindestens 250.000 Euro investieren und fünf Arbeitsplätze schaffen. Wer dies nicht leisten kann, muss darauf setzen, dass seinem Projekt ein "übergeordnetes wirtschaftliches Interesse" attestiert wird.
Studenten
Ausländische Studenten dürfen 90 ganze oder 180 halbe Tage arbeiten. Nach ihrem Studium können sie ihre Aufenthaltserlaubnis um ein Jahr verlängern, um einen qualifizierten Arbeitsplatz zu finden.
Blue Card
Mit der europäischen "Blue Card" werden ab 2011 die Anforderungen nochmals gesenkt. Fachkräfte aus Drittstaaten müssen einen mindestens ein Jahr geltenden Arbeitsvertrag vorlegen. Darin sollte ein Bruttogehalt vorsehen sein, das 1,5 mal höher liegt als das Durchschnittseinkommen des Mitgliedstaates. In Deutschland wären das nach aktuellem Stand 42.000 Euro.
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