Migrationsdebatte So geht's

In Deutschland wird diskutiert, gestritten, gehasst. Der Grund ist meist die Frage, wie sich Deutschland seit 2015 verändert hat. Prallen zwei Meinungen aufeinander, geht man selten friedlich auseinander. Acht Abrüstungsvorschläge.

Einwohner von Goslar mit Flüchtlingen aus Syrien
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Einwohner von Goslar mit Flüchtlingen aus Syrien

Ein Debattenbeitrag von Cordt Schnibben


Einige Artikel, viele Wortmeldungen auf Facebook und Twitter in der Woche nach Chemnitz müssen all die alarmieren, die an einer rationalen, humanistischen, auf Verständigung zielenden Auseinandersetzung interessiert sind. Mich haben viele dieser Texte entsetzt, die Verachtung in Worten ist nicht weit entfernt von dem Hass auf den Straßen von Chemnitz.

Wir, darunter viele Journalisten, sollten innehalten und darüber nachdenken, welches Schauspiel wir allen Leuten bieten, die an einer aufgehetzten, auf die Zerstörung der demokratischen Öffentlichkeit zielenden Entwicklung interessiert sind.

Wir müssen nicht einer Meinung sein; darüber, wie man ein Konzert am Ort eines Verbrechens beurteilt; wie man Bürger sieht, die Seite an Seite mit Nazis durch die Straßen ziehen; und ab wann die Jagd auf ausländisch aussehende Deutsche und Flüchtlinge eine Hetzjagd ist. Über all das kann man unterschiedliche Ansichten haben.

Aber wir sollten uns einig sein darüber, dass wir unsere Demokratie zusammen verteidigen müssen gegen Nazis und ihre Sympathisanten. Darüber, dass wir jeden körperlichen Angriff auf die Berichterstattung von Journalisten, auch die kleinste, zurückweisen als Angriff auf die institutionelle Kraft einer demokratischen Öffentlichkeit. Und darüber, dass wir untereinander streiten, ohne jene zu stärken, die uns schwächen und am liebsten mundtot machen wollen. Wie kann das funktionieren? Ein paar Gedanken.

Außer Empörung nichts zu bieten

Wenn Bürger sich von Regierenden nicht mehr vertreten und verstanden und von Medien nicht gehört fühlen, suchen sie sich Antworten bei denen, die ihnen außer Empörung nichts zu bieten haben. Die Entfremdung zwischen Bürgern und Parteien, zwischen Bürgern und Medien hat in den vergangenen drei Jahren unheilvoll zugenommen. In Chemnitz hat ein von Gerüchten umwehter Mord gereicht, um Tausende Bürger an die Seite von Rechtspopulisten und Nazis zu treiben.

Chemnitz markiert den Höhepunkt der Politisierung von Kriminalität: Seit die Bundesregierung im September 2015 Hunderttausende von Flüchtlingen ins Land ließ, wird jede Straftat durch Migranten von Rechtspopulisten der Regierung, insbesondere der Bundeskanzlerin angelastet. Jeder Mord, jede Vergewaltigung, jeder Einbruch als Folge der großen humanitären Aktion im September 2015 - diese Sicht der Dinge vergiftet auch die Diskussion unter uns Journalisten.

Wir blicken von drei verschiedenen Hochsitzen auf das Geschehen:

  • Die einen sehen sich nach jedem Verbrechen aufgefordert, es als singuläres Ereignis einzuordnen, das auch ohne neue Mitbürger aus anderen Kulturen und Ländern immer wieder passiert: Auch Deutsche vergewaltigen, töten, stehlen.
  • Die anderen fühlen sich bestätigt in ihren Warnungen und machen den unehrlichen Blick der anderen verantwortlich dafür, dass Deutsche - unverstanden, wütend - zu Protestbürgern werden.
  • Wieder andere glauben, durch die explizite Übernahme von AfD-Forderungen könne man solche Leute wieder ins demokratische Lager herüberziehen.

Was tun?

1. Wir müssen runter von diesen Hochsitzen. Ich muss mir eingestehen, dass ich viele Probleme nicht sehen wollte: die Wucht, mit der Kriminelle unter den Flüchtlingen das Zusammenleben tatsächlich oder gefühlt verändert haben; das Aufblühen von Antisemitismus; das Einsickern von Terroristen, als Schutzsuchende getarnt; die Folgen für die gesellschaftliche und politische Stabilität; die Projektion von ökonomischen, sozialen und kulturellen Ängsten auf die Fremden; die lähmende, andauernde Unfähigkeit deutscher Behörden und Regierenden, mit Problemen der Integration fertig zu werden, die nicht nur mit Überlastung zu erklären sind.

2. Wir dürfen uns selbst, aber vor allem die Verantwortlichen nicht schonen in der Benennung dieser Probleme. Wir müssen aufhören, immer wieder und immer noch die ideologische Schlacht von 2015 zu schlagen, was heißt: im Migrationsskeptiker den Rassisten zu sehen und im "Gutmenschen" den Schuldigen für Mord und Vergewaltigung; alle, die sich um Flüchtlinge bemüht haben und bemühen, tun mehr für das Zusammenleben in diesem Land als die, die sie als naive Moralisten abtun.

3. Der "besorgte Bürger" wählt nicht nur AfD, auch Wähler der Linken, der Grünen, der FDP, der SPD und der CDU sorgen sich um ihre und die Sicherheit ihrer Kinder (manchmal zu Recht, manchmal zu Unrecht), sorgen sich um den Fortgang der Integration, um das Zusammenleben, um Behördenversagen. Diese Sorgen sind - meist - nicht rassistisch motiviert, sie basieren auf Erfahrungen, Erzählungen und (Achtung!) Medienberichten.

4. Wie wir Journalisten über Integrationsprobleme und -erfolge berichten, bestimmt für viele den Blick auf Migranten (und auf die Medien). Wir können dramatisieren, übertreiben, anheizen, instrumentalisieren. Oder wir können untertreiben, verniedlichen, verschweigen. Beides wird unserer Rolle in der Gesellschaft nicht gerecht, ist unprofessionell, unethisch und dumm.

5. Wir müssen mehr sein als ein Sprachrohr von Sorgen. Die Angst der Deutschen vor den 0,9 Prozent Juden im Lande ließ viele Deutsche in den Dreißigerjahren vor einer jüdischen Weltverschwörung zittern und den rechten Arm heben. Die Aufgabe von Journalisten in Zeiten großer Ängste kann es auch sein, so haben wir aus der Geschichte gelernt, den Leuten durch schonungslose, glaubwürdige Berichte die Angst zu nehmen.

6. Die "Sorgen der Bürger" ernst nehmen, das heißt auch, die Sorgen jener vielen Bürger ernst zu nehmen, die sich um Anschläge auf Flüchtlingsheime sorgen, um Angriffe auf Bürger, die wie Ausländer aussehen; die sich sorgen um AfD-Demagogen, um Nazi-Aufmärsche, um Morde durch Nazis.

7. Wir dürfen die Leistungen der letzten drei Jahre auch als Integrationserfolge zur Kenntnis nehmen: Mehr als 300.000 Flüchtlinge haben einen Job, Tiefstand bei den Arbeitslosenzahlen, höchster staatlicher Überschuss, Zahl der Straftaten auf dem niedrigsten Stand.

8. Und bitte: Aufhören mit diesem Etikettenschwindel, mit dieser Brandmarkerei, die glaubt, Argumente ersetzen zu können durch Verachtung und Beschimpfung. Schreddern wir all diese lästigen rhetorischen Figuren, die uns ausweisen als Provokateure: Der Mensch mit der anderen Meinung, "der wie ein Nazi argumentiert". Oder "wie ein Gutmensch". Die beliebteste, fatalste rhetorische Figur: Meine Meinung erntet viel Widerspruch, wunderbar, das zeigt, wie recht ich und wie unrecht meine ignoranten Kritiker haben. Gerne auch in Kombination mit: Ihr seid alle Mainstream, eure wütende Kritik zeigt, wie recht ich damit hatte, euch zu kritisieren.

Das Perpetuum mobile jeder Debatte, die sich an sich selbst berauscht.



insgesamt 59 Beiträge
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Leser161 06.09.2018
1. Ja
Guter Beitrag. Ich hoffe die öffentlichen Akteure in der Debatte lesen ihren Artikel und lassen sich davon anregen. Ich denke man kann nur überzeugen, wenn man die Gegenseite nicht verunglimpft. Und Überzeugen ist das einzige was die Probleme lösen kann.
3liter 06.09.2018
2. Sehr gut...
Auf den Punkt gebracht. Eine Ergänzung hätte ich noch. Um Himmels Willen, entsorgen Sie, liebe Presse, Buzzwords, Wertungen und Interpretationen aus Ihren Berichten. Recherchieren Sie und stellen Sie möglichst objektive, in jedem Fall aber sachliche Informationen zur Verfügung, anstatt mich zu belehren. Meine Meinung bilde ich mir dann schon selbst. Und wenn ich IHRE wissen will, lese ich Kommentar oder Kolumne. Oder wahlweise die Forenkommentare.
verleihnix12 06.09.2018
3. Wenn es denn so einfach wäre..
Ich glaube dass ich der ersten Gruppe angehöre, und sehe solche Taten als singuläres Ereignis. Es ist mir aber nicht möglich, mit Menschen der anderen beiden Gruppen zu diskutieren, obwohl ich deren Ängste und Sorgen nachvollziehen kann. Sobald ein Argument meines Gegenübers offensichtlich falsch ist, wird meine Korrektur, mit Quellenangabe, als Unwahrheit dargestellt, da es nicht mit deren gefühlten Wahrheiten harmoniert. So wird es keine zielführende Debatte geben. Ich bin mir sicher, dass es bisher nicht optimal gelaufen ist, die Flüchtlinge zu integrieren, aber die Aufgabe ist da, und wir MÜSSEN das bewältigen. Das wird aber nur funktionieren, wenn alle hier in diesem Land mitarbeiten. Dafür müssen die Rahmenbedingungen durch die Bundesregierung geschaffen werden. Und wir müssen auch die Skeptiker dazu bekommen, zumindest zu akzeptieren, dass es einen Konsens geben muss. Politik besteht immer aus Kompromissen, das muß allen klar sein.
Actionscript 06.09.2018
4. Bürger fühlen sich von Regierenden schon lange nicht verstanden.
Der Autor macht einen Fehler. Die Krise hat nicht 2015 stattgefunden. Die Krise hat schon viel eher stattgefunden. Denn Politiker kümmern sich schon lange nicht mehr, lange vor 2015 um die Sorgen der Bürger. Die Agenda 2010 ist nur ein Beispiel. Man kann viele andere Beispiele nennen wie Armutsrentner, Kinderarmut, niedrige Löhne, verfehlte Schulpolitik etc. Was mein eigenes Umfeld betrifft, so ist es die katastrophale Hochschulpolitik, die Wissenschaftler veranlasst, das Land zu verlassen. Die Flüchtlingskrise wird von den Rechten nur als Ablassventil für die eigentlichen Probleme benutzt. Und das ist es, was endlich klar gemacht werden muss. Dazu sind aber die momentanen Politiker in der Regierung nicht in der Lage. Wir müssen endlich davon wegkommen, über Flüchtlinge zu diskutieren. Die sind da und Teil der Gesellschaft.
eule_neu 06.09.2018
5. Danke für diesen intelligenten Beitrag!
Ich würde diesen Artikel sofort unterschreiben. Es müssen alle in der Diskussion abrüsten, Hass und unbändige Wut und lautstarkes Debattieren hat noch keine Lösungen für Probleme gelöst. Das geht wirklich alle an, zuallererst Print- und Digtal-Medien, hinzukommen die Führungspolitiker in den demokratischen Parteien. Aber Probleme und deren Lösungen benötigt eine klare, deutliche Sprache, die alle Bürger verstehen. Eine Heidenarbeit besteht uns allen bevor. Packen wir's an ...
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