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Milli Görüs unter Verdacht: Razzia im Morgengrauen

Von Frank Überall, Köln

Bundesweite Aktion von Justiz und Polizei gegen die islamische Organisation Milli Görüs: 26 Objekte der Gemeinschaft wurden in deutschen Großstädten durchsucht. Ihre Führung soll mit Spenden von Mitgliedern betrogen haben.

Durchsuchung in der Zentrale von Milli Görüs: Teilnahme an Islam-Konferenz in Gefahr Zur Großansicht
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Durchsuchung in der Zentrale von Milli Görüs: Teilnahme an Islam-Konferenz in Gefahr

Razzia bei Milli Görüs: Die Europa- und Deutschlandzentrale der Islamischen Gemeinschaft stand im Morgengrauen noch friedlich in einem Gewerbegebiet in Kerpen bei Köln. Doch dann näherten sich auffällig mehrere Fahrzeuge der Polizei dem Gebäude. Wenige Minuten später wurde es hektisch in den Büroräumen: Die Ermittler von Staatsanwaltschaft und Polizei durchsuchten Computer und Schreibtische. Etliche Akten und Festplatten wurden sichergestellt. Um alles abzutransportieren, waren mehrere Stunden Arbeit und mehr als 20 Mannschaftsbusse der Polizei nötig.

Parallel zum Einsatz im Rheinland wurde eine bundesweite Aktion gestartet. Razzien in Geschäftsräumen fanden zeitgleich unter anderem in Berlin, Frankfurt am Main, Hamburg, Köln und München statt. Auch die Privatwohnungen mehrerer Verantwortlicher wurden offenbar durchsucht.

"Wir ermitteln wegen des Verdachts auf Spendenbetrug und Hinterziehung von Sozialabgaben", erklärte der Sprecher der Kölner Staatsanwaltschaft, Günther Feld, SPIEGEL ONLINE. Der Oberstaatsanwalt gibt sich wortkarg: "Um den Ermittlungszweck nicht zu gefährden, können bis auf weiteres nähere Auskünfte nicht erteilt werden", teilt er mit. Aus Behörden, die an der Aktion beteiligt waren, sickerte durch, dass es sich bei den Vorwürfen um einen Schaden handeln soll, der im zweistelligen Millionenbereich liegt.

Die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) weist die Vorwürfe in einer Erklärung zurück. Auf der Homepage der Organisation ist allerdings von einer "Opfertierkampagne" die Rede. Offenbar wurden auch in Deutschland große Spendensummen gesammelt, um Muslimen in ärmeren Ländern Tiere für das Opferfest zu finanzieren. Nach Angaben auf der Homepage wurden unter anderem Aktionen in Malawi, Pakistan und Bosnien unterstützt. In der muslimischen Community geht nun die Sorge um, es könnten Gelder aus dieser Kampagne sein, die womöglich zweckentfremdet wurden.

Verfassungsschutz beobachtet die Organisation

Das diesjährige Opferfest hatte bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Dabei ging es unter anderem um die Frage, ob hierzulande Tiere aus religiösen Gründen "geschächtet", also nach islamischer Tradition getötet werden dürfen. Nach eigenen Angaben organisierte Milli Görüs in diesem Jahr zum 25. Mal ihre "Opfertierkampagne". In offiziellen Verlautbarungen betonen Verantwortliche der Gruppierung immer wieder, dass sie sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzen.

Milli Görüs wird aber nach wie vor vom Bundesamt für Verfassungsschutz unter dem Verdacht islamistisch-terroristischer Bestrebungen beobachtet. Im aktuellen Bericht der Behörde wird die Gruppierung zu solchen gezählt, die "zur Entstehung und Ausbreitung islamistischer Milieus" beitragen, "die Integrationsbemühungen zuwiderlaufen". Solche Milieus würden zudem die Gefahr bergen, "den Grundstein für Radikalisierungsprozesse zu legen". Milli Görüs wird als mitgliederstärkste dieser Gruppierungen bezeichnet. Teile der Organisation hielten nach wie vor an der Ideologie fest, "eine alles umfassende islamische Gesellschaftsordnung mit letztlich globalem Anspruch" anzustreben. Milli Görüs unterhält in Deutschland mehr als 320 Moscheevereine.

Es ist nicht das erste Mal, dass Milli Görüs ins Visier der Justiz gerät. Bereits im August 2008 hatte die Kölner Staatsanwaltschaft Büros der islamischen Gemeinschaft durchsuchen lassen. Damals ging es um den Verdacht der Steuerhinterziehung. Die Staatsanwaltschaft in München führt ebenfalls Verfahren gegen Verantwortliche der IGMG. Die Vorwürfe reichen von Betrug bis zur Bildung einer "kriminellen Vereinigung". Sämtliche Anschuldigungen wurden von Milli-Görüs-Vertretern stets zurückgewiesen.

Teilnahme an der Islam-Konferenz fraglich

Das neue Ermittlungsverfahren kommt für die islamische Gruppierung zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Im Bundesinnenministerium wird in diesen Wochen darüber beraten, wer an der Neuauflage der Deutschen Islam-Konferenz teilnehmen soll. Innenminister Thomas de Mazière (CDU) will als Nachfolger seines Parteifreunds Wolfgang Schäuble wahrscheinlich im Mai ein erneutes bundesweites Treffen mit Islamverbänden organisieren. Ob der von Vertretern von Milli Görüs dominierte Islamrat an der Konferenz teilnehmen darf, war schon in der Vergangenheit umstritten. De Maizère hatte sich in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" nur grundsätzlich zur Zusammensetzung der Treffen geäußert: "Der Islam ist bei uns willkommen, der Islamismus nicht." Näheres dazu wollte eine Sprecherin des Ministeriums auf Anfrage nicht erläutern.

Der Vorsitzende des Innenausschusses im Deutschen Bundestag, Wolfgang Bosbach (CDU), sieht aber anlässlich der Durchsuchungen die Diskussion über die Rolle von "Milli Görüs"-Vertretern in der Islam-Konferenz neu belebt. "Ich glaube nicht, dass die Razzien alleine Anlass sein werden, sie von der Teilnahme auszuschließen", sagte Bosbach SPIEGEL ONLINE. Sollte sich aber herausstellen, dass dort "massive Rechtsverletzungen begangen worden sind, kann ich mir nicht vorstellen, dass man sie weiterhin als Gesprächs- und Verhandlungspartner akzeptieren wird", sagte er.

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Islam
Geschichte
Der arabische Begriff "Islam" bedeutet "Unterwerfung", gemeint ist "unter den Willen Gottes". Er bezeichnet die jüngste der drei monotheistischen Weltreligionen. Der Islam entstand im siebten Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel im heutigen Saudi-Arabien. Schon bald nach dem Tod des Propheten Mohammed stieg das islamische Reich zur Weltmacht auf.

Islam , Christentum und Judentum eint Vieles, zum Beispiel die zentrale Bedeutung der Beziehung zwischen Gott, dem Schöpfer, und dem Menschen, seinem Geschöpf. Auch spielen viele aus dem Alten und Neuen Testament bekannte Propheten eine Rolle im Islam.

Die fünf Säulen des Islam sind das Glaubensbekenntnis, das fünfmalige tägliche Gebet, die Spende an die Armen, das Fasten im Monat Ramadan und die Pilgerfahrt nach Mekka .

Über eine Milliarde Menschen bekennen sich zum Islam, in über 50 Staaten stellen Muslime die Mehrheit die Bevölkerung. Rund zehn Prozent der Muslime sind Schiiten, fast alle übrigen Sunniten.
Koran
"Koran" bedeutet in etwa "Das Vorzutragende" und beschreibt die Summe der Offenbarungen, die der Prophet Mohammed von Gott empfing - übermittelt durch den Erzengel Gabriel.

Bald nach dem Tod des Propheten (632 n. Chr.) begannen die Versuche, aus den bis dahin vor allem mündlichen Überlieferungen einen gemeinsamen, authentischen und schriftlich kodifizierten Koran zu kompilieren - ein Unternehmen, das erfolgreich war, denn heute gibt es zwar noch einige abweichende Lesarten des Koran, aber im Wesentlichen beziehen sich alle Muslime, egal ob Sunniten oder Schiiten, auf denselben Text.

Der Koran ist in Suren gegliedert, die wiederum aus Versen bestehen. Der Koran ist nach Länge der Suren geordnet - aber auch eine zeitliche Ordnung lässt sich einigermaßen sicher rekonstruieren. So unterschieden sich die sehr früh geoffenbarten Suren stilistisch und inhaltlich deutlich von den späteren, die weniger poetisch sind und zahlreiche klare Anweisungen enthalten.

Nach orthodox-islamischer Vorstellung ist der Koran (anders als die Bibel ) die wörtliche Rede Gottes - er ist deswegen unveränderlich und überall und zu jeder Zeit gültig. Das heißt aber nicht, dass er nicht der Interpretation zugänglich wäre: Zahllose islamische Gelehrte haben dem Koran in 14 Jahrhunderten immer wieder neue Facetten abgerungen und ihn für das tägliche Leben anwendbar gemacht.
Mohammed
Mohammed war der Empfänger des Koran : Ihm erschien der Erzengel Gabriel, er gab Gottes Offenbarung an die Mekkaner weiter. Die freilich wollten von der aufrührerischen neuen Lehre zunächst nichts wissen und ihren Polytheismus nicht aufgeben. Mohammed verließ seine Heimatstadt daraufhin und zog mit seinen ersten Unterstützern ins rund 300 Kilometer entfernte Yatrib, das spätere Medina. Dort stieg Mohammed bald zum Führer seiner stetig wachsenden Gemeinde auf. Schließlich schlossen sich auch die Mekanner dem Islam an.

Mohammed war Prophet, Richter, Heerführer und Herrscher in einer Person. Aber anders als etwa Jesus für die Christen ist er nach islamischer Ansicht weder sündenfrei noch mehr als ein Mensch gewesen. Gleichwohl gilt er den Muslimen als das beste Vorbild. Außer dem Koran sind die Sammlungen von Mohammeds Taten und Aussprüchen deshalb wichtige Texte für die islamische Glaubenspraxis und Rechtsfindung.

Mohammed entstammte einem verarmten Zweig eines wichtigen mekkanischen Stammes, den Koreischiten. Schon bevor ihm der Engel Gabriel erschien, soll er sich regelmäßig als Eremit zum Kontemplieren und Meditieren zurückgezogen haben - eine damals nicht völlig unübliche Praxis. Mit welchen anderen religiösen Vorstellungen Mohammed vertraut war, ob er Umgang mit christlichen oder jüdischen Religionsgelehrten hatte, ist ungewiss. Aber Mohammed war auch Kaufmann, er begleitete Karawanen, zum Beispiel in den syrischen Raum. Es ist wahrscheinlich, dass er dabei mit einer Vielzahl von Glaubensvorstellungen in Berührung kam.
"Corpus Coranicum"
Das Projekt "Corpus Coranicum", das an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften angesiedelt ist, hat sich drei große Aufgaben gestellt: Zum einen soll die Entstehungsgeschichte des Korantextes nachvollzogen und dokumentiert werden. Dabei soll es auch darum gehen, frühe Handschriften mit Koranfragmenten auszuwerten und unterschiedliche Lesarten des Korantextes darzustellen. Zum Zweiten wird eine Datenbank von "Texten zur Umwelt des Koran" erstellt. Diese sogenannten Intertexte sollen helfen, das geistige Klima zu rekonstruieren, in dem der Koran entstand. Schließlich sollen die neuen Daten und Erkenntnisse in einem Buchprojekt zusammengeführt und gedeutet werden.

Das Projekt wird geleitet von der Berliner Professorin Angelika Neuwirth; die Arbeitstelle besteht derzeit aus vier Wissenschaftlern.
"Intertexte"
Mit diesem Begriff beschreiben Neuwirth und ihr Team Texte, die sich zu bestimmten Passagen des Korantextes in Beziehung setzen lassen - dabei kann es sich um alttestamentarische Texte handeln, aber auch um christliche, christlich-apokryphe, altarabische, hellenistische oder noch andere Texte handeln. Es geht allerdings ausdrücklich nicht darum, vermeintliche Quellen des Koran zu identifizieren - sondern eher die "Kontrastfolie" (Neuwirth) zu dem, was der Koran sagt.

Ein Beispiel für einen Intertext: "Sprich: Er ist Gott, einer", heißt es in der 112. Sure des Koran. Neuwirth setzt diese Stelle in Beziehung zum Alten Testament, Deuteronomium 6,4: "Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer".

Hier könne man sehen, wie der Koran Altes aufgreift, um Neues zu sagen, meint die Islamforscherin. So werde in der 112. Sure keine bestimmte Gemeinschaft mehr adressiert, wie zuvor noch die Juden ("Israel") in der alttestamentarischen Passage. Sondern es stehe da, in denkbar karger, aber umso deutlicherer Form: "Er ist Gott, einer".

Zugleich sei in diesem Fall durchaus von einer bewussten Anspielung des Koran auf Deuteronomium 6,4 auszugehen. Denn das Arabische "ist an dieser Stelle grammatikalisch geradezu falsch", so Neuwirth - dafür aber analog zu der hebräischen Passage gebildet.


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