Millionengrab in der Eifel Kurt Becks Nürburgring-Konzept steht vor dem Aus

Der Streit um die Zukunft des Nürburgrings spitzt sich zu: Nun rebellieren die privaten Betreiber des Freizeitparks an der Rennstrecke gegen die Höhe der Pacht, die sie ans Land zahlen müssen. Die Unternehmer drohen mit Stilllegung der Anlage, der Plan von Ministerpräsident Beck steht vor dem Ende.

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Gelände des Nürburgrings: Droht Becks Plan zu scheitern?
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Gelände des Nürburgrings: Droht Becks Plan zu scheitern?


Der Streit um das Millionengrab am Nürburgring spitzt sich zu. Die privaten Betreiber des überdimensionierten Freizeitparks an der Rennstrecke drohen jetzt mit einer weitgehenden Stilllegung der Anlage und einem massiven Arbeitsplatzabbau, wenn das Land Rheinland-Pfalz ihnen nicht unverzüglich eine deutliche Senkung der Pachtzahlungen zugesteht. Die defizitäre Rennstrecke entwickelt sich nun immer mehr zum Alptraum für Ministerpräsident Kurt Beck.

Damit steht auch das neue Konzept, mit dem Beck das 350 Millionen Euro teure Skandalprojekt in der abgelegenen Eifel retten wollte, vor dem Scheitern. Mit viel Beton, großspurigen Ankündigungen und einem tiefen Griff in öffentliche Kassen stampften die Beck-Regierung und die zu 90 Prozent dem Land gehörende Nürburgring GmbH bis 2009 ein gigantisches Ensemble in die Eifel: Indoor-Freizeitpark, Veranstaltungshalle, eine "Boulevard" genannte Ladenmeile mit "Stores" und "Showrooms", Restaurants und Hotels. Damit sollten ganzjährig scharenweise Touristen in die strukturschwache Gegend gelockt und viele neue Jobs geschaffen werden.

Doch schon in der Bauphase ging schief, was nur schiefgehen konnte. Die Kosten explodierten, die einst versprochene private Finanzierung des Projekts scheiterte kläglich. Stattdessen gab die Landesgesellschaft Millionenbeträge für obskure Berater und Kreditvermittler aus, die ständig neue windige Finanzierungsmodelle anpriesen, ungedeckte Schecks anlieferten und ansonsten vor allem auf Kosten der Steuerzahler großzügig Spesen verprassten.

Im März vergangenen Jahres, wenige Monate nach der Eröffnung der Anlage, präsentierte Beck dann ein neues Betreibermodell, das den Schaden für das Land nachträglich begrenzen sollte: Die Nürburgring GmbH zog sich aus dem verlustreichen operativen Geschäft komplett zurück und soll jetzt nur noch als Besitzer und Verpächter der oft verwaist wirkenden, kaum genutzten Großbauten auftreten. Für den Betrieb ist seitdem ein Privatunternehmen zuständig, die Nürburgring Automotive GmbH (NAG) um den Hotelunternehmer Jörg Lindner und den Düsseldorfer Projektentwickler Kai Richter. Mit ihnen schloss die Landesgesellschaft einen Pachtvertrag ab. Und dank jährlich steigender Pachteinnahmen, versicherte Becks damaliger Wirtschaftsminister Hendrik Hering (SPD) damals, werde sogar eine Rückzahlung und annehmbare Verzinsung der öffentlichen Investitionsmittel möglich.

Doch das Geschäftsmodell wankt erheblich, nicht nur, weil die EU inzwischen offiziell prüft, ob das Land die Suche nach einem Betreiber öffentlich hätte ausschreiben müssen. In einem Brief an den Aufsichtsrat der Nürburgring GmbH drängt die private NAG jetzt auch noch darauf, die Pachtzahlungen deutlich herunterzufahren. Denn die Betreiber fühlen sich vom Land verschaukelt: Bei Abschluss des Pachtvertrags seien ihm "nicht zutreffende Planzahlen vorgelegt worden", sagte NAG-Chef Lindner SPIEGEL ONLINE auf Anfrage. Tatsächlich hätten sich die von Beratern des Landes unterstellten Umsatz- und Auslastungserwartungen als "realitätsfern" herausgestellt. In dem Brief der NAG an die Landesgesellschaft heißt es, die Veranstaltungsgebäude seien "mangelhaft" und "ungeeignet" konzipiert. Zudem verweigere das Land dem Unternehmen auch noch die Zahlung einer "Tourismusabgabe" von 3,2 Millionen Euro pro Jahr, die bislang an die Landesgesellschaft gezahlt wurde und in den Verhandlungen auch der NAG noch in Aussicht gestellt worden sei - so zumindest die Darstellung des Unternehmens. Ohne diese jährliche Subvention sei ein Betrieb des Nürburgrings "finanziell nicht vorstellbar".

Anders als mit dem Land vereinbart, dürften die Pachtzahlungen in den nächsten Jahren nicht auf 15 Millionen Euro steigen, sondern müssten auf fünf Millionen Euro beschränkt bleiben. Die fünf Millionen für das laufende Geschäftsjahr sollen faktisch sogar gar nicht fließen. Die NAG will die Summe nämlich mit einer Forderung von zehn Millionen Euro verrechnen, die sie gegen das Land erhebt.

Wird die Schieflage noch dramatischer?

Konkret rechnet die NAG nach Informationen von SPIEGEL ONLINE für das laufende Geschäftsjahr bis April 2012 mit einem Überschuss aus dem reinen Geschäftsbetrieb nun von etwa 2,7 Millionen Euro. Ohne den 3,2 Millionen-Zuschuss in Form der "Tourismusabgabe" würde die NAG damit tief in den roten Zahlen landen.

In den nächsten Jahren würde die Schieflage noch dramatischer: Laut Pachtvertrag muss die NAG für das Geschäftsjahr 2012/2013 schon 11,5 Millionen Euro für die Gebäudenutzung zahlen, im Jahr danach sogar mindestens 15 Millionen. Für den Fall, dass es dabei bleibt, drohen die Betreiber mit einem Kahlschlag. Solch eine Pacht lasse sich nur erzielen, wenn maßgebliche Teile der Anlage zumindest zeitweise stillgelegt werden, warnen die NAG-Geschäftsführer Lindner und Karl-Josef Schmidt das Land. Ferner müsse man "das Leistungsangebot ausdünnen und standardisieren", sich auf ein Kerngeschäft konzentrieren und "als härteste Konsequenz den aktuellen Personalbestand um rund 140 Mitarbeiter reduzieren." Dagegen seien "substantielle Ergebnissteigerungen" bei Beibehaltung des gegenwärtigen Geschäftsmodells "nicht zu erwarten" , so die NAG.

Die Verantwortung für den drohenden Arbeitsplatzabbau sieht Lindner bei der Beck-Regierung: "Jetzt liegt es am Land, ein tragfähiges Zukunftskonzept mit der Betreibergesellschaft zu verabschieden", sagt er. Im zuständigen Mainzer Infrastrukturministerium waren die Forderungen im Detail noch nicht bekannt. Es gebe allerdings einen "Dissens" zwischen NAG und Landesgesellschaf über die Verrechnung von Zahlungen wie der Tourismusabgabe. Darüber seien beide Gesellschaften "in einem Austausch". Überdies habe die Landesregierung nie verschwiegen, dass die Gebäude am Ring schwer vermarktbar seien, so ein Ministeriumssprecher.

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