Karlsruhe/Hamburg - "Soviel Scheinheiligkeit und Verlogenheit war selten in Deutschland." Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ist nach einer anfänglich zögerlichen öffentlichen Reaktion auf den Rücktritt von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) in die Offensive gegangen. Bei einem Wahlkampfauftritt in Karlsruhe schimpfte sie auf die Opposition.
"Wir müssen uns von niemandem erklären lassen, was Anstand und Ehre in unserer Gesellschaft sind", sagte sie, begleitet von heftigem Beifall. "Nicht von Trittin, nicht von Herrn Gysi und schon gar nicht von Sigmar Gabriel." Der Opposition gehe es einzig und allein darum, "uns zu schwächen und nicht die Wissenschaft in Deutschland zu stärken". Niemand bestreite, dass Guttenberg einen "schweren Fehler" gemacht habe, so Merkel. Er werde sich wie jeder andere auch in seiner Situation dem Rechtsstaat unterwerfen und für seinen schweren Fehler geradestehen. Die Glaubwürdigkeit der CDU sieht die Kanzlerin durch die Plagiatsaffäre nicht beschädigt.
Mit wenigen Worten würdigte Merkel die Verdienste Guttenbergs vor allem bei der Bundeswehrreform. Sie habe ihn deshalb "sehr schweren Herzens" ziehen lassen. Mit ihm verliere auch die Partei einen Mann, "der die Herzen der Unionsanhänger immer wieder erfreut und bewegt hat. Sie sind ihm zugeflogen und das mit Recht."
Guttenberg hatte sich knapp zwei Wochen gegen Rücktrittsforderungen im Zuge der Affäre um seine Doktorarbeit gewehrt, am Dienstag aber doch sein Amt niedergelegt. "Ich war immer bereit zu kämpfen, aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht", begründete der Minister seine Entscheidung. Die Kanzlerin will in den kommenden Tagen über einen Nachfolger im Verteidigungsressort beraten.
Mappus sieht Guttenberg als geläuterten Menschen
Die CDU-Basis zeigte sich am Rand der Veranstaltung in zwei Punkten einig: Es war eine Kampagne gegen den Minister, und sie hat einen ihrer Hoffnungsträger zur Fall gebracht. Fast alle zollen ihm Respekt für die Entscheidung. "Ich habe ihn sehr geschätzt, und es tut mir leid. Aber ich kann es verstehen", sagte eine Frau. Ihr Mann ergänzte: "Es wundert einen, warum es gerade jetzt im Wahljahr herauskommt. Das hat schon ein Geschmäckle." Ein anderer sprach von einer "Hetzjagd von Leuten, die ihm nicht das Wasser reichen konnten".
Vielen Parteimitgliedern stand an diesem Abend das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Sie kamen auch, um zu sehen, wie die Partei- und Regierungschefin den Schlag wegsteckt und ob Folgen für die kommende Landtagswahl in wenigen Wochen zu befürchten sind. "Am 27. März, da geht es um die Zukunft dieses Landes", sagte die Kanzlerin mit Verweis auf die niedrige Arbeitslosigkeit in Baden-Württemberg sowie das erfolgreiche Bildungssystem. Wie Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) verwies sie neuerlich auf die Wichtigkeit des umstrittenen Bahnprojekts "Stuttgart 21".
Auch Mappus zollte Guttenberg seinen Respekt, er stellt ihn als geläuterten Politiker und Menschen dar. "Er hat einen großen Fehler gemacht, aber er steht dazu, er hat die Konsequenzen gezogen und sich entschuldigt und damit Größe gezeigt." Diesen Charakter sollten all jene, die jetzt Jagd auf ihn gemacht hätten, erst einmal beweisen. Die CDU müsse jetzt zusammenstehen.
can/dpa/dapd
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