Ministerpräsident in künstlichem Koma Entsetzen über schweren Skiunfall von Althaus

Er fuhr von einer steilen Abfahrt auf eine Pistenkreuzung, da passierte das Unglück: Thüringens Ministerpräsident Althaus ist beim Skifahren in der Steiermark mit einer Frau kollidiert. Sie starb an ihren Verletzungen. Der Politiker liegt im künstlichen Koma - womöglich hat ihm ein Helm das Leben gerettet.

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Graz/Hamburg - Er spielt Fußball, fährt Mountainbike, wandert und klettert gerne. "Die freie Zeit verbringe ich mit meiner Familie - und beim Sport." So ist es auf der Homepage von Dieter Althaus, 50, zu lesen. Dass der Thüringer Ministerpräsident damit nicht übertreibt, kann jeder bestätigen, der dem CDU-Politiker schon einmal gegenüberstand: Einen fitteren Regierungschef wird man in keinem deutschen Bundesland finden.

Dieter Althaus ist auch ein begeisterter Skiläufer. Und so wird es für ihn in Österreich zunächst ein perfekter Start ins neue Jahr gewesen sein: Rund um die Riesneralm in der Obersteiermark genoss der Christdemokrat am Samstag Ski und Schnee.

Bis zu dem folgenschweren Zusammenstoß gegen 14.45 Uhr.

Althaus fuhr in diesem Moment auf einer Piste, die eine andere Abfahrt kreuzt, so berichtet es die österreichische Polizei. Den Behörden zufolge gibt es an dieser Stelle entsprechende Warnschilder und sogar ein Fangnetz. Wie und warum Althaus - der von einem Sicherheitsbeamten begleitet wurde - mit einer 41-jährigen Slowakin kollidierte, ist bisher unklar. Althaus kam laut "Bild"-Zeitung von rechts, von der steilen roten Piste 6; die Frau fuhr auf der leichteren grünen Piste 5. Die Sicht sei klar gewesen, sagte Siegmund Schnabl, Vizekommandant der Bezirkspolizei, dem "Kurier". Augenzeugen habe es nicht gegeben. Vermutlich werde erst ein Sachverständiger den Hergang klären können.


Riesneralm bei Donnersbachwald in der Steiermark: Auf dem Berg direkt westlich des Endes der Bundesstraße verunglückte Althaus

Der Zusammenprall war jedenfalls so heftig, dass beide schwere Kopfverletzungen erlitten. Althaus liegt inzwischen in einem künstlichen Koma, ist aber nach Aussage der behandelnden Ärzte außer Lebensgefahr - dagegen starb die Slowakin im Rettungshubschrauber auf dem Weg ins Krankenhaus an ihren Verletzungen.

"Derzeit keine Lebensgefahr"

"Dieter Althaus befindet sich auf der Intensivstation", sagte Regierungssprecher Fried Dahmen SPIEGEL ONLINE. Bei ihm im Kardinal Schwarzenbergschen Unfallkrankenhaus in Schwarzach im Pongau seien seine Frau und seine beiden Töchter. Althaus wurde ebenfalls per Rettungshubschrauber von der Unglücksstelle ins Krankenhaus gebracht. Dort diagnostizierten die Ärzte ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Auf dem Flug war der CDU-Politiker offenbar noch ansprechbar gewesen, dann verschlechterte sich allerdings sein Zustand, weshalb die Ärzte ihn in das künstliche Koma versetzten. Althaus habe auch eine kleine Hirnblutung, sagte der behandelnde Arzt Christoph Kollersbeck SPIEGEL ONLINE, dennoch "besteht derzeit keine Lebensgefahr".

Hintergrund: Die Pistenregeln der FIS
Rücksicht auf die anderen Skifahrer
Jeder Skifahrer muss sich so verhalten, dass er keinen anderen gefährdet oder schädigt.

Erläuterung: Der Wintersportler ist nicht nur für sein fehlerhaftes Verhalten, sondern auch für die Folgen einer mangelhaften Ausrüstung verantwortlich. Dies gilt auch für Benutzer neuentwickelter Sportgeräte.

Quelle: Skiverband FIS, Wirtschaftskammer Kärnten/Seilbahnen
Beherrschung der Geschwindigkeit und der Fahrweise
Jeder Skifahrer muss auf Sicht fahren. Er muss seine Geschwindigkeit und seine Fahrweise seinem Können und den Gelände-, Schnee- und Witterungsverhältnissen sowie der Verkehrsdichte anpassen.

Erläuterung:Kollisionen sind häufig die Folge zu hoher Geschwindigkeit, unkontrollierter Fahrweise oder mangelnder Beobachtung. Ein Wintersportler muss im Bereich seiner Sichtmöglichkeiten anhalten oder ausweichen können. An unübersichtlichen oder stark befahrenen Stellen ist langsam zu fahren, insbesondere an Kanten, am Ende von Pisten und im Bereich von Liften und Seilbahnen.
Wahl der Fahrspur
Der von hinten kommende Skifahrer muss seine Fahrspur so wählen, dass er vor ihm fahrende Skifahrer nicht gefährdet.

Erläuterung:Das Skifahren ist ein Sport der freien Bewegung, wo jeder nach Belieben fahren kann, solange er die Regeln einhält, den Freiraum anderer achtet und sein eigenes Können und die jeweilige Situation berücksichtigt. Vorrang hat der vorausfahrende Wintersportler. Wer hinter einem anderen herfährt, muss genügend Abstand einhalten, um dem Vorausfahrenden für alle seine Bewegungen genügend Raum zu lassen.
Überholen
Überholt werden darf von oben oder unten, von rechts oder von links, aber immer nur mit einem Abstand, der dem überholten Wintersportler für alle seine Bewegungen genügend Raum lässt.

Erläuterung: Die Verpflichtung des überholenden Skifahrers bleibt für den ganzen Überholvorgang bestehen, damit der überholte Wintersportler nicht in Schwierigkeiten gerät. Das gilt auch für das Vorbeifahren an einem stehenden Skifahrer.
Einfahren, Anfahren und Hangaufwärtsfahren
Jeder Skifahrer, der in eine Skiabfahrt einfahren, nach einem Halt wieder anfahren oder hangaufwärts schwingen oder fahren will, muss sich nach oben und unten vergewissern, dass er dies ohne Gefahr für sich und andere tun kann.

Erläuterung: Die Erfahrung zeigt, dass das Einfahren in eine Piste und das Wiederanfahren gelegentlich zu Unfällen führen. Es ist daher unbedingt erforderlich, dass der Wintersportler, der anfährt, sich harmonisch und ohne Gefahr für sich und andere in den allgemeinen Verkehrsfluss auf der Abfahrt einfügt. Befindet er sich dann - wenn auch langsam - in Fahrt, hat er gegenüber schnelleren und von hinten oder oben kommenden Wintersportlern wieder den Vorrang nach Regel 3.
Anhalten
Jeder Wintersportler muss es vermeiden, sich ohne Not an engen oder unübersichtlichen Stellen einer Abfahrt aufzuhalten. Ein gestürzter Wintersportler muss eine solche Stelle so schnell wie möglich freimachen.

Erläuterung: Ausgenommen auf breiten Pisten soll der Wintersportler nur am Pistenrand halten und stehenbleiben. Engstellen und unübersichtliche Abschnitte sind ganz freizuhalten.
Aufstieg und Abstieg
Ein Wintersportler, der aufsteigt oder zu Fuß absteigt, muss den Rand der Abfahrt benützen.

Erläuterung: Bewegungen gegen den allgemeinen Verkehrsfluss stellen für Skifahrer unerwartete Hindernisse dar. Fußspuren beschädigen die Piste und können dadurch Skifahrer gefährden.
Beachten der Zeichen
Jeder Wintersportler muss die Markierung und die Signalisation beachten.

Erläuterung: Pisten werden nach ihrem Schwierigkeitsgrad schwarz, rot, blau oder grün markiert. Der Skifahrer ist frei, eine seinen Wünschen entsprechende Piste zu wählen. Pisten werden mit Hinweis-, Gefahr- und Sperrtafeln gekennzeichnet. Ist eine Piste als gesperrt oder geschlossen bezeichnet, ist dies ebenso zwingend zu beachten wie der Hinweis auf Gefahren. Der Wintersportler soll sich bewusst sein, dass diese Vorkehrungen in seinem Interesse erfolgen.
Hilfeleistung
Bei Unfällen ist jeder Wintersportler zur Hilfeleistung verpflichtet.

Erläuterung: Hilfeleistung ist, unabhängig von einer gesetzlichen Pflicht, ein Gebot sportlicher Fairness. Das bedeutet: Erste Hilfe, Alarmierung des Rettungsdienstes und Absichern der Unfallstelle. Die FIS erwartet, dass Unfallflucht ebenso geahndet wird wie im Straßenverkehr und zwar auch in jenen Ländern, in denen ein solches Verhalten nicht schon ohnehin strafrechtlich verfolgt wird.
Ausweispflicht
Jeder Wintersportler, ob Zeuge oder Beteiligter, ob verantwortlich oder nicht, muss im Falle eines Unfalles seine Personalien angeben.

Erläuterung: Der Zeugenbeweis ist für die zivil- und strafrechtliche Beurteilung eines Unfalles von großer Bedeutung. Jeder verantwortungsbewusste Wintersportler muss daher seine staatsbürgerliche und moralische Pflicht erfüllen, sich als Zeuge zur Verfügung zu stellen. Auch Berichte des Rettungsdienstes und der Polizei sowie Fotos dienen zur Beurteilung der Haftungsfragen.

Am Freitag soll entschieden werden, ob man Althaus aufwachen lassen könne. Zuvor wolle man anhand einer Computertomografie klären, ob sich die Blutungen verstärkt hätten und sich möglicherweise ein Hirnödem gebildet habe, sagte Kollersbeck.

Möglicherweise hat ein Helm Althaus' Leben gerettet. "Der Herr Ministerpräsident hatte einen Skihelm auf, die Dame nicht" - so zitiert die "Thüringer Allgemeine" einen österreichischen Polizeisprecher. Erst vergangene Woche war ein Thüringer, der keinen Helm getragen hatte, nach einem Skiunfall in Österreich seinen tödlichen Verletzungen erlegen.

Der Vorsitzende der CDU-Fraktion im Thüringer Landtag, Mike Mohring, reagierte bestürzt auf die Nachricht vom Skiunfall Althaus': "Ich spreche den Angehörigen der bei dem Unfall zu Tode gekommenen Frau auch im Namen der Familie Althaus und der CDU-Landtagsfraktion mein tief empfundenes Beileid aus", sagte er. "Wir hoffen und beten, dass der Zustand des Ministerpräsidenten sich stabilisiert und er von seinen Verletzungen genesen wird."

Politische Konkurrenz ist schockiert

Auch die politische Konkurrenz reagierte geschockt auf den Vorfall. Am 30. August finden in Thüringen Landtagswahlen statt, bei denen Althaus als Ministerpräsident bestätigt werden will. Bodo Ramelow, Spitzenkandidat der Linken und nach den jüngsten Umfrage schärfster Konkurrent Althaus', sagte SPIEGEL ONLINE: "Ich kann ihm nur die Daumen drücken und beste Genesung wünschen." Seine Anteilnahme gelte nach diesem "tragischen Zwischenfall" aber auch der verstorbenen Skifahrerin und ihrer Familie, betonte Ramelow. Ähnlich äußerte sich Carsten Schneider, Vorsitzender der Thüringer SPD-Landesgruppe im Bundestag: "Ich kann nur hoffen, dass er schnell wieder auf die Beine kommt und gesund wird", sagte Schneider SPIEGEL ONLINE.

Althaus, der auch Thüringer CDU-Chef ist, regiert das Land zurzeit mit einer knappen absoluten Mehrheit. Er wurde 2003 Ministerpräsident als Nachfolger von Bernhard Vogel. Zuvor war Althaus Kultusminister und Chef der CDU-Fraktion im Thüringer Landtag. Im vergangenen Jahr hatte Althaus mit einer zum Teil missglückten Kabinettsumbildung für Aufsehen gesorgt.

Bundespolitisch gilt der Nordthüringer aus dem katholischen Eichsfeld als einer der führenden CDU-Politiker der neuen Länder. Althaus ist Mitglied des Parteipräsidiums, im Bundestagswahlkampf 2005 war Althaus im Kompetenzteam der damaligen Kanzlerkandidatin Angela Merkel für den Aufbau Ost zuständig.

Sollte Althaus seinen Pflichten als Ministerpräsident auf längere Zeit nicht nachkommen können, würde seine Stellvertreterin - Finanzministerin Birgit Diezel - die Regierungsgeschäfte kommissarisch übernehmen. Wegen weiterer Informationen verwies Regierungssprecher Dahmen auf eine Pressekonferenz am Freitag in Erfurt. Auch die österreichische Polizei lädt am Morgen zu einer Pressekonferenz zum Hergang des Unfalls.

Mit Material von dpa, AP und AFP



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