Minutenprotokoll So lief Guttenbergs Rücktritt

3. Teil: Schockstarre im Verteidigungsministerium


+++ Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums fühlen sich überrumpelt +++

[12.26 Uhr] Im Bundesverteidigungsministerium herrscht nach dem Rücktritt des Ministers eine Art Schockstarre. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hatte bis auf die Mitarbeiter aus Guttenbergs engstem Umfeld niemand etwas von dem bevorstehenden Schritt erfahren. Kaum jemand rechnete demnach mit dem Rückzug des Ministers. Guttenberg hatte am Montagnachmittag noch im Ministerium in mehreren Sitzungen Details zur Bundeswehrreform besprochen. Hochrangige Mitarbeiter glauben nun, dass er wegen der massiven Kritik aus der Wissenschaft die Entscheidung getroffen hat, sich zurückzuziehen.

+++ Debatte um Nachfolge beginnt +++

[12.24 Uhr] Unmittelbar nach dem Rücktritt Guttenbergs bricht die Diskussion über die Nachfolge im Amt des Verteidigungsministers los. Wie die Nachrichtenagentur dpa am Dienstag aus Koalitionskreisen erfuhr, ist eine große Kabinettsumbildung, in die etwa auch Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) einbezogen werden könnte, sehr unwahrscheinlich. Der als ein möglicher Guttenberg-Nachfolger gehandelte Volker Kauder (CDU) bleibt demnach voraussichtlich Unionsfraktionschef. Zunächst sei nun die CSU aufgefordert, einen Vorschlag für einen Nachfolgekandidaten zu machen. Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel wird am Nachmittag Gespräche über die Nachfolge führen.

+++ Grüne sehen "Riesenblamage" für Merkel +++

[12.19 Uhr] Der Rücktritt ist nach Ansicht der Grünen eine "Riesenblamage für die Kanzlerin". Merkel habe bis zuletzt geglaubt, sich "durch diese peinliche Affäre lavieren zu können", sagten die Fraktionsvorsitzenden Renate Künast und Jürgen Trittin. "Merkels Zögern und machtpolitisches Taktieren haben nicht nur dem Ansehen unserer demokratischen Institutionen schwer geschadet." Die Kanzlerin habe damit aktiv den Werteverfall befördert. "Konservative haben in der CDU seitdem keine Heimat mehr."

+++ FDP-Wehrexpertin hofft auf Comeback Guttenbergs +++

[12.13 Uhr] Die FDP-Wehrexpertin Elke Hoff ist überrascht. Sie habe jedoch vollstes Verständnis für diesen Schritt, sagte sie der "Rhein-Zeitung". Sie habe immer betont, dass Guttenberg selbst entscheiden müsse, wie lange er mit dieser Flut von Vorwürfen umgehen könne. "Ich hoffe sehr, dass er sich auch menschlich von den vergangenen Wochen erholt", sagte Hoff. "Karl-Theodor zu Guttenberg wird eine politische Zukunft haben - allerdings wird dies noch einige Zeit brauchen."

+++ Baden-Württembergs Wissenschaftsminister findet Abgang "zu spät" +++

[12.04 Uhr] Baden-Württembergs Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU) hat den Rücktritt als richtig, aber verspätet bezeichnet. "Ich begrüße die Konsequenz, die er jetzt gezogen hat. (...) Für ihn und das Wissenschaftssystem wäre es jedoch zuträglicher gewesen, früher zu reagieren", sagt Frankenberg. Guttenberg sei ein sehr begabter Politiker. "Ich denke, dass er ein Comeback in der Politik verdient hat." In Baden-Württemberg stehen am 27. März Landtagswahlen an.

+++ Reservistenverband bekundet seinen Respekt +++

[11.57 Uhr] Der Reservistenverband fordert eine konsequente Fortsetzung der Bundeswehrreform. "Wir dürfen jetzt nicht in alte Strukturen verfallen, nur weil es einen personellen Wechsel in der Führung gibt", sagt der Präsident des Reservistenverbandes, Gerd Höfer. Der Verband zollte Guttenberg wegen des Rücktritts Respekt. Seinem Nachfolger wünschte er ein "stringentes Fortführen der Reform und eine klare Aufgabenstellung für Reservisten". Guttenberg ist Stabsunteroffizier der Reserve und Mitglied des Verbandes der Reservisten.

+++ Linkspartei begrüßt Rücktritt Guttenbergs +++

[11.49 Uhr] Die Parteichefin der Linken, Gesine Lötzsch, hat den Rücktritt von Bundesverteidigungsminister Guttenberg als folgerichtig bezeichnet. "Der Rücktritt war die einzige richtige Entscheidung. Alles andere hätte den Wissenschaftsstandort Deutschland weiter beschädigt", sagte Lötzsch der "taz".

+++ "Ich fahr dann mal Konfetti kaufen" +++

[11.42 Uhr] Der Rücktritt des Ministers hat einen Kommentar-Sturm auf Facebook und Twitter ausgelöst. "#guttbye" dominiert die Twittersphäre, im Sekundentakt erscheinen neue Postings zum Thema. Viele sind euphorisch-süffisant, die User feiern den Rückzug Guttenbergs: "Nach STRG+C und STRG+V kommt nun ENTF", meint ein Twitterer. Ein anderer: "Ich fahr dann mal Konfetti kaufen - wir sehen uns dann nachher zum Feiern!".

Die Erklärung des Ministers sorgt aber für mehr Unmut: "Was ist denn das für ein Rücktritt? Per Telefon?", heißt es bei einem Nutzer. Bei vielen Einträgen spiegelt sich die Meinung wider, Guttenberg habe die Chance, reinen Tisch zu machen, wieder verpasst. Der SPD-Politiker Björn Böhning fordert auf Twitter, Guttenberg müsse nun endlich damit rausrücken, wer der Ghostwriter seiner Doktorarbeit war. Guttenbergs Fangemeinde betrauert den Fall des Ministers auf Facebook. "Schade, dass wir damit einen der wenigen richtig guten Politiker verlieren", heißt es auf einer Seite seiner Anhängerschaft - die an ein Comeback glaubt: "Zumindest für eine Zeit werden wir auf ihn verzichten müssen."

+++ Bayerns Wirtschaftsminister zeigt Verständnis +++

[11.40 Uhr] Der bayerische Vize-Ministerpräsident und Wirtschaftsminister Martin Zeil hat den Rücktritt von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg als "unabänderliche Konsequenz" bezeichnet. "Ich habe dafür Verständnis", sagte FDP-Politiker Zeil in München. Über eine Nachfolge müsse schnellstmöglich entschieden werden.

+++ Merkel schweigt zu Guttenberg-Rücktritt +++

[11.38 Uhr] Bundeskanzlerin Angela Merkel äußert sich bisher nicht zum Rücktritt Guttenbergs. Sie beendet planmäßig ihren Besuch auf der Computermesse Cebit in Hannover, ohne die Entscheidung zu kommentieren. Dann macht sie sich auf den Rückweg nach Berlin.

+++ N24 zeigt erste Bilder der Erklärung +++

[11.30 Uhr] Zeitversetzt zeigt der Nachrichtensender N24 die Bilder der Erklärung Guttenbergs. Mit sehr ernstem Gesicht liest er vom Blatt ab. Anders als sonst von ihm gewohnt, schaut er kaum zu der vor ihm versammelten Reporterschar. Seine Stimme klingt zwischenzeitlich brüchig. Mit dem letzten Wort seiner Rede rollt er sein Manuskript in der Hand zusammen, drehte sich um in Richtung Treppe und geht schnellen Schrittes davon.



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Seite 1
yubi 01.03.2011
1.
Zitat von sysopKarl-Theodor zu Guttenberg ist von seinem Amt als Verteidigungsministers zurücktgetreten. Wegen der Plagiate in seiner Doktorarbeit war der CSU-Mann auch in der Union erheblich unter Druck geraten. Ein Rücktritt, noch zur rechten Zeit?
nein, viel zu spät. Nach diesem längeren Klammern ans Ministeramt, dem Abwiegeln, dem Winden ist irreparabler Schaden entstanden. Das wird ihn möglicherweise nicht abhalten, dem Beispiel F.J.Strauss zu folgen und nach einer "Anstandsfrist" auf die Vergesslichkeit der Bevölkerung zu hoffen und ein ComeBack zu versuchen.
Habenichts, 01.03.2011
2. Er hat großen Schaden angerichtet!
Zitat von sysopKarl-Theodor zu Guttenberg ist von seinem Amt als Verteidigungsministers zurücktgetreten. Wegen der Plagiate in seiner Doktorarbeit war der CSU-Mann auch in der Union erheblich unter Druck geraten. Ein Rücktritt, noch zur rechten Zeit?
Eindeutig nein! Dieser Schritt war längst fällig! Das Verhalten des Herrn zu Guttenberg schadet dem bürgerlichen Wertesystem unserer Gesellschaft! Auch die Kanzlerin ist beschädigt! Ihm gelang es viele menschen zu blenden!
Kurt G, 01.03.2011
3. spät
Zitat von yubinein, viel zu spät. Nach diesem längeren Klammern ans Ministeramt, dem Abwiegeln, dem Winden ist irreparabler Schaden entstanden. Das wird ihn möglicherweise nicht abhalten, dem Beispiel F.J.Strauss zu folgen und nach einer "Anstandsfrist" auf die Vergesslichkeit der Bevölkerung zu hoffen und ein ComeBack zu versuchen.
Bei einem früheren Rücktritt wäre dies einfacher gewesen.
panda 01.03.2011
4.
Zitat von sysopKarl-Theodor zu Guttenberg ist von seinem Amt als Verteidigungsministers zurücktgetreten. Wegen der Plagiate in seiner Doktorarbeit war der CSU-Mann auch in der Union erheblich unter Druck geraten. Ein Rücktritt, noch zur rechten Zeit?
Ob er jemals noch eine Chance in der Politik erhält, kommt wohl auf seine Begründung an. Wenn er wieder Ausflüchte sucht, seine Angelegenheit verniedlicht und die Schuld bei anderen sucht, dann wird Guttenberg politisch wohl erledigt sein. Wichtig ist, dass Guttenberg selbst zurücktritt - eine Entlassung durch Fr. Merkel hätte ihn in bestimmten Kreisen auch noch zum Märtyrer gemacht. Ein Positives hat das Ganze, Guttenberg sei Dank. Es wird endlich wieder über Werte in unserer Gesellschaft diskutiert. Der ganze Vorfall könnte der Beginn eines fortlaufenden urdemokratischen Selbstreinigungsprozesses sein. Die Bürger haben Mittel und Wege gefunden Blender und Betrüger aufzudecken. Zu beackernde Felder gäbe es, nicht nur in der Politik, mehr als genug - man denke nur an die Bankenbonilandschaft oder an die maßlosen Selbstbedienungen von Vorständen in Aktiengesellschaften. Mit dem gerne verwendeten Begriff Leistung hat die horrende Bezahlung oft gar nichts mehr zu tun. Man kann nur hoffen, dass die Bürger auch hier endlich geeignete Mittel und Wege finden. Mein Fazit: Der Fall Guttenberg hat mitten ins Schwarze getroffen. Die Gesellschaft kann davon nur profitieren.
ogg00 01.03.2011
5. Endlich!!!
Zitat von yubinein, viel zu spät. Nach diesem längeren Klammern ans Ministeramt, dem Abwiegeln, dem Winden ist irreparabler Schaden entstanden. Das wird ihn möglicherweise nicht abhalten, dem Beispiel F.J.Strauss zu folgen und nach einer "Anstandsfrist" auf die Vergesslichkeit der Bevölkerung zu hoffen und ein ComeBack zu versuchen.
Das finde ich aber legitim. Dann kann der Wähler ja entscheiden, ob er lieber auf Gel als auf Ehrlichkeit setzen möchte. Ansonsten kann ich das Glück ja kaum fassen, aber warten wir ab.
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