Missachtungsvorwurf Zentralrat der Juden boykottiert Gedenkfeier im Bundestag

Eklat beim Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus: Die Spitze des Zentralrats der Juden nimmt nicht an der Veranstaltung im Bundestag teil. Überlebende des Holocaust würden dort nur wie "Zaungäste" behandelt, heißt es zur Begründung.


Berlin - Die Spitze des Zentralrats der Juden in Deutschland bleibt erstmals der Gedenkfeier des Bundestags für die Opfer des Nationalsozialismus fern. Der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan J. Kramer, begründete dies im "Tagesspiegel" mit der Missachtung der Organisation in den vergangenen Jahren. Die Vertreter des Zentralrats, die auf der Zuschauertribüne Platz genommen hatten, seien nie persönlich begrüßt worden.

Der Bundestag in Berlin: Gedenken an NS-Opfer ohne Vertreter des Zentralrats
DPA

Der Bundestag in Berlin: Gedenken an NS-Opfer ohne Vertreter des Zentralrats

Führende Vertreter des Zentralrats wie die amtierende Präsidentin Charlotte Knobloch und deren Vorgänger Ignatz Bubis und Paul Spiegel seien noch nie als Überlebende des Holocaust auf der Tribüne des Bundestags begrüßt worden, sagte Kramer der Nachrichtenagentur AP. "Ich hätte Verständnis, wenn wir über Vertreter der zweiten oder dritten Generation reden würden. Es ist aber ein Unding, dass Überlebende wie Zaungäste behandelt werden." Dieser Behandlung wolle man sich nicht mehr aussetzen.

Kramer sagte, nach dem bisherigen Bundestagsprotokoll sei es nicht vorgesehen, andere als die Vertreter der obersten Bundesbehörden zu begrüßen. Da aber bei der Begrüßung auch andere Teilnehmer wie etwa die Musiker benannt würden, könnten auch die Vertreter des Zentralrats eingeschlossen werden.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Monika Griefahn äußerte sich verwundert über die Absage. Griefahn, die auch Vorstandsmitglied der Stiftung für das Holocaust-Mahnmal ist, verwies am Dienstag im rbb-Inforadio auf die Beteiligung jüdischer Persönlichkeiten und Organisationen an den Veranstaltungen zum Holocaust-Gedenktag in den vergangenen Jahren.

Der Zentralrat beklagt laut Kramer einen wachsenden Antisemitismus in Deutschland. Es gebe eine "fortschreitend um sich greifende Feindschaft gegen Juden, mehr und mehr auch in der Mitte der Gesellschaft", sagte er. Es sei zwar zu loben, dass in ganz Deutschland in vielen Veranstaltungen an den 64. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz erinnert werde, sagte Kramer. "Doch wir mussten auch feststellen, dass während des Gaza-Krieges die Zahl der Hass-Mails an den Zentralrat um 40 Prozent auf 200 bis 300 pro Woche zugenommen hat." In einem Zehntel der E-Mails seien explizite Morddrohungen gegen persönlich benannte Mitglieder des Zentralrats enthalten gewesen.

Die Hauptrede bei der Gedenkfeier an diesem Dienstag wollte Bundespräsident Horst Köhler halten. Eröffnet wird die Feierstunde laut Plan mit einer Rede von Bundestagspräsident Norbert Lammert. Anschließend wollen Abiturienten der Berliner Sophie-Scholl-Oberschule Auszüge aus dem Buch "Kinder über den Holocaust. Frühe Zeugnisse 1944-1948" vortragen.

Zu der Gedenkstunde werden auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundesratspräsident Peter Müller und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, erwartet. Zu Gast sind zudem junge Menschen aus Deutschland, Frankreich und Polen, die seit dem 21. Januar an der Jugendbegegnung des Bundestages zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus teilnehmen. Der 27. Januar war 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog zum Tag des Gedenkens an die Holocaust-Opfer erklärt worden. Am 27. Januar 1945 war das Vernichtungslager Auschwitz durch alliierte Truppen befreit worden.

sac/ap



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